FeedSlawische Litteraturen
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Slawische Litteraturen. Man begreift unter dieser Benennung alle diejenigen Litteraturen, die zu irgend einer Zeit auf dem Gebiete des vielverzweigten slaw. Sprachstammes zu einer besondern Entwickelung gekommen sind, gleichviel, ob sie samt der bezüglichen Mundart bereits r Mundart oder bei dem fortdauernden Leben der Mundart sich mit einer zunächst verwandten und höher entwickelten litterarisch verschmolzen, oder endlich sprachlich und schriftlich in einer ununterbrochenen Selbständigkeit bis auf die Gegenwart fortexistieren. In diesem Sinne sind folgende Litteraturen aufzuführen: 1) altbulgarische laltslowenische, pannonisch-slowenische, kirchenslawische), 2) neubulgarische, 3) serbische, 4) kroatische lillyrische, ragusanische, dalmatinisch-slawische), 5) slowenische, 6) großrussische, 7) kleinrussische, 8) czechische (böhmische und slowakische), 9) polnische, 10) sorbische (ausitzisch-wendische, zerfallend nach dem Dialekt in eine ober⸗ und niedersorbische). Von diesen Litteraturen ist die altbulgarische oder cyrillische nebst der ihr zu Grunde liegenden Mundart bereits ausgestorben, und beide haben nur noch bei den Slawen des griech. Ritus, bei den Russen, Bulgaren und Serben, ein Scheinleben in der Kirche durch den Gebrauch der in der genannten Mundart verfaßten Kirchenbücher. (S. Kirchenslawisch). Die neubulgarische Litteratur, deren Mundart die der heutigen Bulgaren ist und sich von der alten beträchtlich unterscheidet, steht noch in den Anfängen. — Die kleinrussische Litteratur (s. d.), einst selbständiger, gibt gegenwärtig kein bedeutenderes Lebenszeichen von sich. Die Mundart ist noch im vollen Leben, ihre Anwendung in der Litteratur wird aber in Rußland planmäßig verhindert zu Gunsten der großruss. Schriftsprache. (S. Russische Litteratur.) — Die serbische und kroatischelillyrische, ragusanische) Litteratur, die wesentlich dieselbe Sprache zum Ausgangspunkte haben, aber dessenungeachtet, infolge polit., religiöser, territorialer Einflüsse, durch ganze Jahrhunderte die Bahnen einer selbständigen Entwickelung eingeschlagen hatten, stehen jetzt auf dem Punkte, nur eine Litteratur mit einer gemeinsamen Schriftsprache (aber zwei Alphabeten, dem eyrillischen und lateinischen) zu bilden. (S. Serbische Sprache und Litteratur, Kroatische Litteratur.) Die von der Reformation an beginnende slowenische Litteratur hat es zu keiner besondern Bedeutung gebracht. über czech. Litteratur s. Czechische Sprache und Litteratur und Slowaken, über polnische Polnische Litteratur. Die Sorbische Litteratur, kurz nach der Reformationszeit beginnend, hat es auch in neuester Zeit zu keiner bedeutendern Entwickelung gebracht. (S. Wenden.) Vgl. Schafarik, »Geschichte der slaw. Sprache und Litteraturs (Ofen 1826; 2. Abdruck, Prag 1869); Eichhoff, Histoire de la langue et de la littérature des Slaves (Par. 1839); Mickiewicz, (Vorlesungen über slaw. Litteratur und Zustände (neue Ausg., 4 Bde., Opz. 1849); Taloj, „Handbuch einer Geschichte der slaw. Sprachen und Litteraturo (deutsch von Brühl, Lpz. 1852); Pypin und Spasovid, «Istorija slavjanskich literaturo (Tl. 2, 2. Aufl., Petersb. 1865; deutsch von Tr. Pech, „Geschichte der slaw. Litteraturenv, Lpz. 1880—84); Krek, «Einleitung in die slaw. Litteraturgeschichtes (Bd. 1, Graz 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 879Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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