FeedSlawische Sprachen
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Slawische Sprachen. Die slaw. Sprachen gehören zunt indogerman. Sprachstamm, von dem sie eine Familie bilden. Die nächstverwandte Familie ist die litauische, mit der das Slawische nach der Abtrennung vom indogerm. Urvolke eine besondere Einheit gebildet hat. Eine nähere Verwandtschaft des Slawisch-Litauischen mit andern Familien des indogerm. Sprachstammes ist nicht sicher nachweisbar, auch nicht die von Jak. Grimm, von Schleicher u. a. angenommene nähere Beziehung zum Germanischen. Die nach der Abtrennung vom Litauischen zurückbleibende slaw. Ur⸗ oder Grundsprache teilte sich in mehrere Abteilungen und Einzelsprachen. So unterscheidet man zwei Abteilungen: die südöstliche, zu der Bulö garisch (Alt⸗ und Neubulgarisch), Serbisch, Slowenisch, Kleinrussisch, Russisch gehören, und die westliche, welche in Czechisch (mit den Dialekten Czechisch im engern Sinne, Mährisch, Slowakisch), Polnisch (zu dem auch als ziemlich stark abweichender Dialekt das Kassubische an der untern Weichsel gehört), das dem Polnischen nahe verwandte ausgestorbene Polabisch (von dem vielleicht das Kassubische der östlichste Ausläufer war) und Sorbisch (Lausitzisch-Wendisch, geteilt in Ober⸗ und Niedersorbisch) zerfällt. Der charakteristische Unterschied der beiden Abteilungen ist die verschiedene Behandlung der ursprünglichen Lautgruppen tj und di: die südöstliche verwandelt das 3 in einen palatalen, die westliche in einen dentalen Konsonanten; die urslaw. Worte svtja (Licht) und medja (Grenze) lauten demnach südöstlich: bulgar. syésta, mezda, serb. sveëa, medja, slow. svéëa, meja, russ. svéta, me²a (spr. s wie sch, 8 wie tsch, 2 wie franz. j, wie tj); dagegen westlich: czech. svice, mere, poln. swieca, miedza, sorb. svéca, mjeza (spr. c wie ts, 2 wie franz. 2). (S. Czechische Sprache und Litteratur, Polnische Sprache.) Die südöstl. Abteilung teilt sich in drei Gruppen, deren Glieder untereinander näher verwandt sind: 1) die bulgarische Gruppe, deren ältester Vertreter und zugleich die älteste uns erhaltene Form der slaw. Sprachen das Altbulgarische ist, die Sprache, in der im 9. Jahrh. die erste Bibelübersetzung und gottesdienstliche Schriften der Slawen verfaßt sind. Von da aus wurde diese Sprache die kirchliche Sprache aller Slawen, die sich zur griech. Kirche bekennen. (S. Bulgarische Sprache und Kirchenslawisch.) Vom Altbulgarischen stammt ab das heutige Neubulgarisch, die Sprache der Slawen am rechten Ufer der untern Donau, etwa von Widdin bis ans Schwarze Meer. 2) Die serbisch-slowenische Gruppe, umfassend: A. das Serbisch-Kroatische, zerfallend in a) Serbisch im engern Sinne, im Königreich Serbien, Altserbien, Montenegro, Herzegowina, Bosnien, Dalmatien, Banat, Syrmien (s. Serbische Sprache und Litteratur); b) Kroatisch, im Königreich Kroatien (südlich der Kulpa) und einem Teil Slawoniens und Istriens (die Bezeichnung Illyrisch bedeutet keine vom Serbisch-Kroatischen verschiedene Sprache, s. Kroatische Sprache); B. das Slowenische, die Sprache der Slawen eines Teils von Istrien, in Krain, Kärnten, Steiermark, mit einem Ausläufer in das westl. Ungarn (. Slowenen). Die Gruppen Bulgarisch und Serbisch-Slowenisch faßt man den andern slaw. Sprachen gegenüber als südslawische zusammen. 3) Die russische Gruppe, zerfallend in a) Kleinrussisch, b) Weißrussisch, e) Großrussisch; ihm gehört die Schriftsprache an. (S. Ru ssische Sprache.) Von den genannten Sprachen werden die westslawischen und die slowenische nur mit dem der Sprache angepaßten lat. Alphabet geschrieben; das Russische nur mit dem sog. cyrillischen, im 9. Jahrh. aus dem griech. Alphabet entstanden, mit dem Zusatz einiger neuer Zeichen zum Ausdruck besonderer slaw. Laute; das Bulgarische mit dem cyrillischen; das Serbisch⸗-Kroatische sowohl mit diesem als mit dem lat. Alphabet. Die altbulgar. Quellen sind in cyrillischer Schrift oder Glagolica (s. d.) geschrieben. Das bedeutendste grammatische Werk slaw. Sprachen ist Miklosichs (Vergleichende Grammatik der gesamten slaw. Sprachend (4 Bde., Wien 1852—75; Bd. 1, 2. Aufl., Wien 1879; Bd. 3, 2. Aufl., Wien 1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 880Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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