Smith (Adam), berühmter engl. Staatswirtschaftslehrer und Begründer der neuern Nationalökonomie, geb. 5. Juni 1723 zur Kirkaldy in Schottland, wo sein Vater Zollbeamter war, widmete sich anfangs zu Glasgow und Oxford der Theologie, verließ aber diese Bahn und hielt seit 1748 zu Edinburgh Vorlesungen über die Rhetorik und die schöne Litteratur, bis er 1751 Professor der Logik und der Moral zu Glasgow wurde. Als akademischer Lehrer erlangte S, sehr bald einen ausgezeichneten Ruf. In jener Zeit ließ er seine KTheory of moral sentimentso (1759) erscheinen, worin er die Sympathie zur Grundlage der Moral machte. Nachdem er 1764 und 1765 den Herzog von Buccleugh auf einer Reise durch Frankreich und Italien begleitet hatte, lebte er ohne Amt zehn Jahre in seiner Vaterstadt bloß den Studien. Eine Frucht dieser langen Eingezogenheit war sein Werk Inquiry into the nature and causes 0f the Wealth of nationsp (2 Bde., Lond. 1776 u. öfter; später wiederholt von Buchanan, dann von M'Culloch herausgegeben, zuletzt von Rogers, 2 Bde., Lond. 1870; deutsch von Garve, 4 Bde., Bresl. 1794—96, von Asher, 2 Bde., Stuttg. 1861, von Löwenthal, 2 Bde., Berl. 1878, und von Stöpel, 3 Bde., Berl. 1878), das ihn durch ganz Europa berühmt machte. An allgemeinen Anregungen wie auch an Einzelheiten hat er ohne Zweifel den Physiokraten viel zu verdanken, jedoch wußte er sich von der Einseitigkeit dieser Schule frei zu halten, und der grundlegende Gedanke seines Systems ist gerade der, daß der Nationalreichtum ebenso wenig ausschließlich auf der landwirtschaftlichen Produktion, wie auf einer günstigen Handelsbilanz beruhe, sondern daß er durch jede Art von nützlicher Arbeit gefördert werde, und daß daher die Arbeit die eigentliche Quelle desselben und zugleich der eigentliche Maßstab des Wertes der wirtschaftlichen Güter sei. Wegen dieser Auffassung wird daher das System S.s auch als das Industriesystem (s. d.) bezeichnet. Ein weiterer Hauptgedanke von S.s Lehre ist der Satz, daß die freie Konkurrenz, die freie ungehinderte Bewegung in Bezug auf Arbeit und Verkehr, die zweckmäßigste Teilung und Kombination der wirtschaftlichen Beschäftigungen herbeiführe und sich dadurch am wirksamsten erweise. Durch diese Arbeitsteilung und die freie Bethätigung menschlicher und so vieler Wirtschaftskräfte werde die Ausgleichung zwischen Bedürfnissen und Mitteln, zwischen Mühe und Vergütung oder der angemessenste Preis der Dinge hergestellt und jedem Teilnehmer an der Produktion der gebührende Anteil zugeführt. Die Völker gelangen dadurch zu einer wechselseitigen Ergänzung und Ordnung der verschiedenen Erwerbszweige und zu einem Austausch der Kräfte und Güter, worauf die Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft beruht. Aus diesen theoretischen Sätzen leitet er die praktische Lehre ab, daß die Thätigkeit des Staates in wirtschaftlichen Angelegenheiten sich im wesentlichsten darauf zu beschränken habe, die der freien Entwickelung der wirtschaftlichen Kräfte in Landwirtschaft, Gewerbe, innerm und auswärtigem Handel entgegenstehenden Hindernisse und Schranken zu beseitigen. Von der freien Bethätigung des Selbstinteresses der einzelnen erwartet S. auch die beste Förderung des Gesamtwohls, eine Ansicht, die durch die spätern wirklichen Erfahrungen keineswegs genügende Bestätigung gefunden hat. In der speziellern Untersuchung der wirtschaftlichen Erscheinungen hat S. eine große Reihe wertvoller Leistungen aufzuweisen. Dahin gehört besonders seine Lehre, daß die Arbeitsteilung von der Größe des Kapitals und Marktes bedingt wird; daß jeder Warenpreis in die drei großen Einkommenszweige,‚ Grundrente, Arbeitslohn und Kapitalzins, aufgelöst werden kann; daß Ersparen und Verzehren keinen unbedingten Gegensatz bilden. Ferner ist die Unterscheidung zwischen stehendem und umlaufendem Kapital, sowie überhaupt der Begriff Kapital eigentlich erst von S. recht begrenzt und analysiert worden. Sodann ist zu erwähnen seine Darstellung der Gründe, welche in den verschiedenen Arbeitszweigen die Höhe des Lohns verschieden stalten; seine vortreffliche Theorie der Zettelbanken u. a. m. Die Form von S.s Werken ist durchaus die eines großen klassischen Schriftstellers. Den letzten Abschnitt seines Lebens brachte S. zu Edinburgh zu und erhielt 1778 die einträgliche Stelle eines königl. Kommissars für die Zölle in Schottland. Er starb zu Edinburg 17. Juli 1790. S. erlebte es nicht nur, daß der gegen seine Theorie zuerst erhobene Widerspruch nach und nach verschwand, sondern war auch noch Zeuge von dem praktischen Einfluß, den seine Schriften auf einige Zweige der Handelspolitik Englands erhielten. Sein Leben beschrieb Dugald Stewart, der auch eine Gesamtausgabe von S.s Werken besorgte (5 Bde., Lond. 1817). Vgl. Oncken, «Adam S. in der Kulturgeschichter (Wien 1874); derselbe, Adam S. und Immanuel Kanto (Wien 1877); Leser, Der Begriff des Reichtums bei Adam S.» (Heidelb. 1874).