Solothurn, der 10. Kanton der schweiz. Eidgenossenschaft, liegt, von Bern, Aargau, Baselland und Elsaß umschlossen, im NW. der Schweiz und hat ein Areal von 784 qkm, welches aus einem schief-kreuzörmigen Hauptstück und drei Exklaven besteht. Von Südwesten nach Nordosten wird das Land von fünf Hauptketten des Jura durchzogen, deren südlichste die höchsten Punkte des Kantons, die Hasenmatt (1449 m) und den Weißenstein mit der Röthifluh (1398 m) aufweist. Der Süden mit dem breiten Rücken des Bucheggbergs (649 m) und der fruchtbaren Ebene des Buchsgaues gehört der Hochebene an. Die nördl. Juragegenden gehören zum Gebiete der Birs, die südlichen, . die Hochebene zu demjenigen der Aare, welche unweit der Hauptstadt die Große Emme, bei Olten die Dünnern aufnimmt. Der Kanton zählt (1880) 80424 E. fast ausschließlich deutscher Zunge, worunter 63037 Katholiken, 17114 Reformierte (meist im Bucheggberg), 139 Israeliten und 134 Andersgläubige. Die wichtigste Erwerbsquelle ist der Ackerbau, welcher Getreide über den eigenen Bedarf erzeugt. Nur 8,4 Proz. der Bodenfläche sind unproduktiv; 31,3 Proz. entfallen auf Waldungen, 60,86 Proz. auf Acker⸗ und Gartenland, Wiesen und Weiden. Der Weinbau ist unbedeutend, wichtig dagegen der Obstbau, der Obst und Kirschwasser zur Ausfuhr bringt. In den höhern Juragegenden Wird. wie in den Alpen, die Viehzucht selbständig als Alpwirtschaft betrieben. Nach der Viehzählung Ander zählt der Kanton 2833 Pferde, 33830 Rinder, 11983 Schweine, 3681 Schafe, 11818 Ziegen, 8831 Bienenkörbe. Der Vergbau liefert im Jura vorzüglichen Kalkstein (Solothurner Marmor) und Gips, in der Hochebene Sandsteine. Von Mineralwassern sind zu erwähnen die salinisch-muriatischen Schwefelquellen von Lostorf. Die Industrie ernährt 42 Proz. der Bevölkerung, die wichtigsten Industriezweige sind die Uhrmacherei, die Maschinenfabrikation, Gießerei u. s. w., die Papierfabrikation, die Woll- und Baumwollspinnerei, die Seidenindustrie, die Schuhwarenfabrikation und die Parketterie. Dem Handel dienen die Bahnlinien Biel-S.⸗Olten, Lyß-S.⸗Herzogenbuchsee, S.⸗ Burgdorf und Basel-Delémont-Biel. Die wichtigsten Jurapässe des Kantons sind der Obere und Untere Hauenstein (s. d.) und der Paßwang (s. d.). Als Industrie- und Handelsplätze sind außer der Hauptstadt zu erwähnen das Städtchen Olten und die Dörfer Balsthal, Biberist, Derendingen, Gerlafingen, Schönenwerd und Grenchen (3787 C.). Die Verfassung ist demokratisch. Der Kantonsrat, je ein Mitglied auf 650 E., ist gesetzgebende, der aus fünf Mitgliedern bestehende Regierungsrat, dessen Präsident den Titel Landammann führt, vollziehende Behörde. Für Gesetze und Ausgaben über 100000 Frs. ist das Referendum (s. d.) obligatorisch; überdies steht dem Volke auf Begehren von 2000 stimmfähigen Bürgern die Initiative zu Gesetzen u. dgl. zu. In administrativer Hinsicht zerfällt der Kanton in fünf Oberämter. Jede polit. Gemeinde besitzt einen Friedensrichter, jeder Bezirk ein Amtsgericht. über Kriminalfälle urteilt das Schwurgericht. Oberste Instanz in allen appellabeln Rechtsfällen ist das Obergericht. In kirchlicher Beziehung gehört der Kanton, welcher noch sechs Klöster zählt, zum Bistum Basel. Die prot. Gemeinden schließen sich an die bernische Landeskirche, die Altkatholiken an die schweiz. Nationaldiöcese an. Außer den obligatorischen Primärschulen und den Sekundärschulen besitzt S. eine Kantonsschule (Gymnasium, Gewerbeschule und theol. Abteilung) und ein Lehrerseminar in der Hauptstadt. Die Staatsrechnung von 1884 weist bei 1687 306 Frs. Einnahmen 1779033 Frs. Ausgaben und ein reines Staatsvermögen von 5945 712 Frs. auf. In militärischer Hinsicht gehört S. zum Stammbezirk der 5. Division. Das Wappen ist ein von rot und weiß quer geteilter Schild. Die Geschichte des Kantons wird wesentlich durch diejenige seiner Hauptstadt bedingt. Zur Römerzeit gehörte das Gebiet nördlich der Aare mit den Grenzstädten Solodurum und Ultina (Olten) zu Raurachien, das südliche zu Helvetien. Im 5. Jahrh. ward das Land von Alamannen besiedelt, im 6. kam es unter fränk. Herrschaft, 888 an Kleinburgund und mit diesem 1032 wieder an das Reich und 1097 unter die Herrschaft der Herzöge von Zähringen, durch deren Erlöschen 1218 die Stadt S. die Reichsfreiheit erlangte. Seit 1295 mit Bern verbündet, nahm S. an dessen Kämpfen gegen den österr.⸗burgund. Adel teil, erweiterte im 14. und 15. Jahrh. sein Gebiet durch Erwerbung mehrerer Herrschaften der Grafen von Kyburg, Thierstein u. a. und trat 1481 nach den Burgunderkriegen gleichzeitig mit Freiburg der Eidgenossenschaft bei. Im Schwabenkriege nahm es teil an der entscheidenden Schlacht von Dornach (1499), welche zum Ewen von Basel und zur faktischen Ablösung der Schweiz vom Reiche führte. Die Reformation, Uwelche viele Anhänger gefunden hatte, wurde 1533 auf Antrieb der kath. Orte bis auf die Gemeinden des Bucheggbergs unterdrückt. Wie in Bern, Luzern und Freiburg, so machte in S. während des 16. und 17. Jahrh. die ursprünglich demokratische Form des Gemeinwesens der aristokratischen Platz, die im 18. vollends zur Oligarchie ausartete. In der Stadt, welche das übrige Gebiet durch Landvögte regierte, lag die Gewalt in den Händen weniger patricischer Familien. Der Oligarchie ward 1798 durch die Franzosen, welche die Stadt ohne Widerstand besetzten und den Kanton der helvet. Einheitsrepublik einverleibten, ein Ende gemacht. Durch die Mediationsakte von 1803, welche wieder den Staatenbund an die Stelle des Einheitsstaates setzte, —— S. mit Zürich, Bern, Luzern, Freiburg und Basel den Rang eines Vorortes. Mit dem Sturze der Mediation 1814 wurde hier wie an andern Orten die aristokratische Staatsform, wenn auch in einer gemilderten Form, wieder eingeführt und erhielt sich bis 1832, wo unter dem Eindruck der pariser Julirevolution die Volksversammlung von Balsthal (22. Dez.) die aristokratische Regierung stürzte und die polit. Gleichberechtigung des Landes mit der Hauptstadt errang; die letzten Vorrechte der Stadt wurden indessen faktisch erst 1841 vollständig aufgehoben. Seither hat sich der Kanton ruhig in demokratischer Richtung weiter entwickelt und namentlich durch die am 21. Dez. 1875 vom Volke angenommene neue Verfassung mit Referendum und Initiative den übergang von der repräsentativen zur reinen Demokratie vollzogen. Wie S. im Sonderbundskriege (1847) in der Reihe der bundestreuen Kantone stand, so stand es auch bei den Abstimmungen von 1872 und 1874 über Revision der Bundesverfassung mit großer heit in der Reihe der Annehmenden. Größere Bewegung wurde im Kanton in neuester Zeit durch den Kampf zwischen dem Staate und der röm.⸗kath. Kirche hervorgerufen, der 1873 mit der Absetzung des widerspenstigen Bischofs Lachat durch die Diöcesankonferenz des Bistums Basel begonnen und 1885 durch die Einsetzung des Bischofs Raten durch die Kurie und Wiederanschluß der beteiligten Kantone an das Bistum Basel beigelegt wurde. Vgl. Strohmeier, «Der Kanton S.» (St. Gallen 1880).