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ErdkundeBrockhaus 1882

Luzern, der dritte Kanton der schweiz. Eidgenossenschaft, liegt in der Mitte der Schweiz teils in der Hochebene, teils in den Alpen, wird im W. und S. von Bern, im O. von Obwalden und Schwyz, im N. von Aargau und Zug begrenzt und zählt (1880) auf 1501 akm 134806 meist kath. E. (5419 Reformierte, 152 JIsraeliten). Der Norden des Kantons gehört zum Gebiet der Aare, welcher die Wigger mit der Luthern, der Suhr aus dem Sempachersee mit der Wyna und die Aa aus dem Baldeggersee zufließen. Die weiten Flußthäler und die dazwischen sich erhebenden, breiten, sanft gewölbten Sandsteinrücken (Lindenberg, 900 m) sind fruchtbar und wohl angebaut und liefern Getreide im überfluß. Der Süden ist ein wald⸗ und weidereiches Voralpenland und gehört zum Gebiet des Vierwaldstättersees und der Reuß, in welche sich 1,5 Km unterhalb der Stadt L. die Kleine oder Holzemme aus dem Entlebuch ergießt; die dasselbe links und rechts einschließenden Berge (der Napf, 1408 m, die Bäuchlen, 1771 m u. s. w.) bestehen aus Nagelfluh, während die südlich von ihnen sich erhebenden Ketten der Emmenalpen teils der Kreide, teils dem Flysch angehören; ihre höchsten Gipfel sind die Schrattenfluh, 2076 m, die Schafmatt und der Pilatus (s. d.), der Feuerstein, 2042 m, und im äußersten Süden das Brienzerrothorn, 2351 m, und das Tannhorn, 2223 m. Kein Gipfel erreicht die Schneegrenze. Das Klima ist im Gäu (Hochebene) und am See verhältnismäßig mild, bei Wäggis am Fuße des Rigi gedeihen sogar Feigenbäume und Edelkastanien, im Berglande, besonders im Entlebuch, ziemlich rauh. Der Wald nimmt 20 Proz. des Areals ein, das Acker-, Garten- und Weideland 71 Proz., unproduktiv sind 9 Proz. Die Bevölkerung ist alamann. Stammes; in der Hochebene beschäftigt sie sich hauptsächlich mit Acker-und Obstbau, in den Gebirgen mit Alpenwirtschaft und Viehzucht. Nach der Viehzählung von 1876 zählt der Kanton 5225 Pferde, 70 739 Rinder, 35 750 Schweine, 8841 Schafe, 15 718 Ziegen und 16097 Bienenkörbe. In der Emme und der Luthern wird etwas Gold gewaschen, mehrere Steinbrüche liefern gute Sand- und Tuffsteine, die Torfmoore sind zahlreich und ergiebig. Von Mineralquellen sind zu erwähnen die alkalische Schwefelquelle des Schimbergbades (1425 m) an der Pilatuskette, die eisenhaltige Natronquelle von Farnbühl und die erdigen Eisenquellen von Rigi-Kaltbad und Knutwyl. Die Industrie ist unbedeutend und beschäftigt kaum 3000 Arbeiter. Abgesehen von der Strohflechterei, welche an der aargauischen Grenze allgemein verbreitet ist, und den Maschinenfabriken, Gießereien u. s. w. von L., Kriens und Dorenberg, sind nur die Seiden- und die Baumwollindustrie, die Tabaksfabrikation und die Papierfabrikation von Belang. Dem Handel, meist Transit, und dem sehr lebhaften Touristenverkehr dienen die Bahnen Zürich-L., Basel-Olten-L., Bern-L., Chiasso-Bellinzona-L. (Gotthardbahn), ferner die Seethalbahn Lenzburg-Emmenbrücke, die Zahnradbahn Vitznau-Rigi und die Dampferlinien des Vierwaldstättersees. Die wichtigsten Wohnplätze sind außer der Hauptstadt L. die großen Bergdörfer des Entlebuch, die Bauerndörfer Ruswyl (4106 E.) und Malters (3028 E.) im Gebiet der untern Emme, das industrielle Dorf Kriens (3900 E.) unweit der Hauptstadt, die Städtchen Willisau (1647 E.) an der Wigger, Sempach und Sursee (1994 E.) am Sempachersee und die Touristenstationen Meggen, Weggis und Vitznau am Vierwaldstättersee. Die Verfassung (von 1875) ist repräsentativ-demokratisch. Der Große Rat, je ein Mitglied auf 1000 E., in 55 Wahlkreisen gewählt, ist gesetzgebende, der Regierungsrat, 7 Mitglieder, vollziehende Behörde. Jedoch müssen Gesetze und Finanzdekrete auf das Verlangen von 5000 Bürgern dem Referendum unterstellt werden. In administrativer Hinsicht teilt sich der Kanton in die fünf Amtsbezirke L., Hochdorf, Sursee, Willisau und Entlebuch mit zusammen 109 Gemeinden. An der Spitze jedes Amtsbezirks steht ein Amtsstatt—⸗ halter, an der Spitze jeder Gemeinde ein Gemeindeammann und ein Gemeinderat. Für das Gerichtswesen zerfällt der Kanton in 92 Friedensrichterkreise und 19 Bezirksgerichte, über denen als höchste Instanz das Obergericht (9 Mitglieder) in L. steht. Die Amtsdauer beträgt für alle Behörden vier Jahre. In kirchlicher Hinsicht gehört der Kanton, der noch zwei Chorherrenstifte in L. und Münster und fünf Klöster zählt, zum Bistum Basel. Von höhern Unterrichtsanstalten bestehen Mittelschulen (Realschulen und Progymnasien) zu Willisau, Sursee und Münster, eine höhere Töchterschule und Kantonsschule mit Gymnasium, Realschule, Lyceum und kath.⸗theol. Fakultät in L. und ein Lehrerseminar in Hitzkirch. Bei den Rekrutenprüfungen von 1884 nahm L. unter 25 Kantonen den 20. Rang ein. Von wohlthätigen Anstalten sind zu erwähnen die große Irrenanstalt in der ehemaligen Cistercienserabtei St. Urban, die Taubstummenanstalt Hohenrain und die kath. Rettungsanstalt Sonnenberg. In militärischer Beziehung gehört der Kanton zum Stammbezirk der 4. Division. Ende 1883 beliefen sich das Staatsvermögen auf 9 414 722 Frs., die Staatsschuld auf 4584 859 Frs., die Einnahmen auf 1356667 Frs., die Ausgaben auf 1402616 Frs. Das Wappen ist ein von Blau und Silber senkrecht geteilter Schild. Geschichte. Die Stadt L., die den Kern des Kantons bildet, ist wahrscheinlich aus einem alamann. Fischerdorfe hervorgegangen, das schon im 9. Jahrh. ein Kloster erhielt, im 11. als Stadt unter der Herrschaft der elsässischen Abtei Murbach erscheint und 1291 in den Besitz der Habsburger überging. Nachdem sich L. 1332 von diesen freigemacht, trat es dem Bunde der drei Waldstätte bei, mit welchen vereint es 1386 in der Schlacht von Sempach seine Freiheit endgültig erstritt. Durch Eroberung und Kauf, namentlich durch die Erwerbung des Entlebuchs (s. d.), der Grafschaft Willisau, des Amtes Sursee u. s. w. vergrößerte sich allmählich sein Gebiet. Im Bunde der Eidgenossen nahm es die dritte Stelle ein, beteiligte sich an allen gemeinsamen Kriegen und erwarb Anteil an den Gemeinen Herrschafteno im Aargau, Thurgau, Tessin u. s. w. Die Reformation fand in L. keinen Eingang, vielmehr stand der Kanton in den Religionskriegen von 1531, 1656 und 1712 an der Spitze der kath. Orte, berief schon 1574 die Jesuiten, schloß sich 1586 dem Borromäischen oder Goldenen Bunde zur Schirmung des kath. Glaubens an und die Hauptstadt war 1579—1874 Sitz des päpstl. Nuntius bei der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Die ursprünglich demokratische Verfassung des Staatswesens ging im 16. und 17.Jahrh. in eine aristokratische über; die Stadt L. und in dieser wieder die patricischen Geschlechter, führten die Herrschaft über das Land, und die Härte, mit welcher sie regierten, führte in L. wie in Bern, Zürich, Basel und Solothurn 1653 zum Bauernkriege, welcher mit der blutigen Unterwerfung des Landvolks endete. Erst die Besetzung des Landes durch Truppen der franz. Republik machte 1798 dem aristokratischen Regiment ein Ende, stürzte aber zugleich die alte Eidgenossenschaft und setzte an ihre Stelle die einheitliche Helvetische Republik, deren Regierung bis 1802 in L. ihren Sitz hatte. Nach der Einführung der Mediationsakte (1803) war L. wieder ein Kanton der Schweiz und mit Zürich und Bern abwechselnd Vorort, d. h. Sitz der Tagsatzung. Auch in L. bemächtigte sich nach dem Sturze Napdleons J. die alte Aristokratie wieder der Herrschaft und behielt sie, wenn auch in etwas milderer Form als früher, bis 1831, wo eine neue, liberalere, repräsentativ-demokratische Verfassung vom Volke angenommen wurde, welche indessen schon 1841 wieder zu Gunsten des Klerus und des diesem ergebenen Landvolks abgeändert wurde. Im J. 1844 berief L. die Jesuiten und 1845 stellte es sich an die Spitze des Sonderbundes. Zwei Aufstandsversuche der liberalen Partei scheiterten, und ebenso erfolglos blieben die zu ihrer Unterstützung unternommenen Freischarenzüge aus den liberalen Kantonen. Erst 1847 beschloß die Tagsatzung die Auflösung des Sonderbundes und brach in 25 Tagen den Widerstand der ultramontanen Kantone. Nach dem Gefecht von Gislikon, 23. Nov. 1847, kapitulierte die Stadt und wurde von eidgenössischen Truppen besetzt. Die Jesuiten und die Regierung entflohen. Nach ihrem Sturze wurde 1848 durch eine neue Verfassungsrevision die Preßfreiheit wiederhergestellt und die Vorrechte des Klerus aufgehoben. Diese Verfassung blieb in Kraft bis 1875, wo durch eine Totalrevision das Veto gegen mißliebige Gesetze und Finanzdekrete eingeführt und damit der übergang von der repräsentativen zur reinen Demokratie eingeleitet wurde. Während nach der Auflösung des Sonderbundes die liberale Partei in L. die Oberhand gewann und bis 1870 behielt, ergaben die Wahlen in den Großen Rat ein allmähliches Anwachsen der konservativen und ultramontanen Opposition, die endlich so stark wurde, daß sie 1871 die Mehrheit erhielt. Seither ist der Kanton durchaus wieder im ultramontan-konservativen Fahrwasser; bei den Abstimmungen über die Revision der Bundesverfassung 1872 und 1874 stand er mit großer Majorität auf der Seite der Verwerfenden, und zwar 1872 mit 17911 Nein gegen 9445 Ja und 1874 mit 18 188 Nein gegen 11276 Ja. Vgl. Pfyffer, „Geschichte der Stadt und des Kantons L. (2 Bde., Zür. 1850—52); Segesser, „Rechtsgeschichte der Stadt und Republik L.v (4 Bde., Luzern 1851—58); Pfyffer, (Der Kanton L.» (2 Bde., St. Gallen 1858 59); von Liebenau, «Das alte L. (Luzern 1881). 3 Rame Hauptstadt des schweiz. Kantons gleichen Namens, liegt 437 m über dem Meere, am Ausfluß der Reuß aus der Luzernerbucht des Vierwaldstättersees und zählt (1880) 17850 meist kath. E. Die Stadt wird durch den Fluß in zwei ungleiche Hälften geteilt. Auf dem linken Ufer in der Kleinstadt liegen der Bahnhof, die Post und das Telegraphenamt, das Theater, das ehemalige Jesuitenkollegium, jetzt Regierungsgebäude, die Jesuitenlirche, ein Barockbau von 1669, die gotische Barfußerkirche, das Museum mit der Kantonsbibliothek (80000 Bde.) und dem Naturalienkabinett, das Zeughaus, die Kaserne u. s. w. Die auf dem rechten Ufer gelegene Großstadt hat in ihren ältern, zwischen der Reuß und dem Hügelrücken der Musegg eingeengten Teilen schmale, unregelmäßige Gassen mit altertümlichen Häusern, während die neuern Quartiere nördlich vom See breite Straßen, große Plätze und von Alleen beschattete Kais aufweisen. Die bemerkenswertesten Gebäude sind das 1601 erbaute Rathaus mit der Kunst⸗ und der Antiquarischen Sammlung, das neue Töchterschulhaus an der Musegg, der Kursaal und die palastähnlichen Gasthöfe der Kais, die prot. Kirche, ein zierlicher engl.⸗got. Bau, 1865 vollendet, und die zweitürmige Hof⸗ oder Stiftskirche St. Leodegar, 1634 neu erbaut, mit vorzüglicher Orgel und Kreuzgang. Etwa ½ km von derselben befindet sich das berühmte Löwendenkmal zum Gedächtnis der 10. Aug. 1792 bei der Verteidigung der Tuilerien gefallenen Schweizergarden, 1821 nach Thorwaldsens Modell von dem Bildhauer Ahorn aus Konstanz in die Felswand eingehauen, und neben dem Denkmal liegt der (Gletschergartenv, mit zahlreichen Riesentöpfen, erratischen Blöcken und Gletscherschliffen. Von den vier Brücken, welche die beiden Stadtteile verbinden, ist die 1870 vollendete monumentale Seebrücke die schönste; die 1300 erbaute Kapellbrücke, die, vom Wasserturm gestützt, sich schief und winkelig über die Reuß zieht, die älteste und merkwürdigste. Mit seinen stattlichen Kais und Brücken, seinen großartigen Neubauten, vielen Türmen und altertümlichen Ringmauern bietet L. eins der schönsten Städtebilder der Schweiz. Hauptstadt eines vorwiegend agrikolen Kantons, ist L. trotz seines Produkten⸗ und Transithandels (Gotthardbahn) und mancherlei Gewerbfleiß (Seidenspinnerei, Eisenwarenfabrikation u. s. w.) weder eine eigentliche Handels⸗, noch eine Fabrikstadt. Eine Haupterwerbsquelle bietet der sehr lebhafte Touristenverkehr, den fünf Eisenbahnen, die Dampferlinien des Sees und die Brünigstraße der Stadt zuführen. Dank seiner reizenden Umgebung, seinem milden Klima (Jahresmittel 9,5 C.) und seiner günstigen Lage mitten in der Schweiz, in dem breiten, zwischen Pilatus und Rigi geöffneten Thor der Alpen, am Ausfluß des herrlichen Sees, den die malerischen Voralpen der Waldstätte umstehen und zu dem aus der Ferne die Schneehäupter der Berner⸗ und der Glarneralpen herüberschimmern, ist L., namentlich seit Cröffnung der Gotthardbahn, der Mittelpunkt des schweiz. Fremdenverkehrs geworden. Die schönsten Aussichtspunkte der Umgebung sind: die Höhen von Allenwinden, Wesemlin (Kapuzinerkloster) und Drei Linden auf dem rechten Ufer, der Sonnenberg und der Gütsch, welcher mit der Stadt durch eine Drahtseilbahn verbunden ist, auf dem linken; in der weitern Umgegend der Rigi (s. d.) und der Pilatus (s. d.). Geschichte u. Litteratur s. u. Luzern (Kanton).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 280Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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