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GeschichteBrockhaus 1882

Somerset, ein engl. Grafen-⸗ und Herzogstitel, den ursprünglich das von den Plantagenets stammende Haus Beaufort (s. d.] besaß. Als erster Graf von S. wird genannt Sir John Beaufort, ältester illegitimer Sohn John von Gaunts, Herzogs von Lancaster, der, wie die andern natürlichen Kinder des Herzogs, später legitimiert und 1396 zum Grafen von S. ernannt wurde. Der Sohn dieses ersten Grafen, Henry Beaufort, erlangte den Herzogstitel. Aber schon mit dem Tode seines Bruders und Nachfolgers, der als ein Opfer der Bürgerkriege zwischen den Häusern Vork und Lancaster fiel (1471), erlosch die Linie der Grafen und Herzöge von S. aus dem Hause Beaufort. Der Name S. erhielt sich indes unter den Familiennamen der Beauforts, und in neuerer Zeit waren es zwei jüngere Söhne des Hauses, die sich im öffentlichen Leben bekannt machten: der 1855 vor Sewastopol gestorbene Feldmarschall Lord Raglan (s. d.) und dessen Neffe Lord Granville Charles Henry S., gest. 23. Febr. 1848 zu London, bekannt als Staatsmann und Freund Sir Robert Peels. Nach dem Aussterben der Nachkommen Sir Henry Beauforts wurden die Titel eines Grafen und Herzogs von S. zu verschiedenen Zeiten an Personen vergeben, die zu den Beauforts in keiner Beziehung standen. Robert Ker oder Carr, Viscount von Rochester, Graf von S., geb. 1590, war der Bruder des schott. Lord Jedburgh, aus der Familie der heutigen Marquis von Lothian, und kam in einem Alter von 20 J. an den Hof Jakobs I. nach London. Er wurde der Vertraute des Königs, welcher ihn 1612 zum Viscount von Rochester erhob. Nachdem er Frances Howard, des jüngern Essex Gemahlin, zur Chescheidung von diesem bewogen hatte, vermählte er sich mit ihr. Der König selbst begünstigte die Verbindung und erhob Rochester zum Grafen von S. Als aber auf Veranlassung Lady Howards ein früherer Freund S.s, Overbury, der sich dieser Ehe heftig widersetzt hatte, in den Tower gebracht und hier durch Gift aus dem Wege geräumt worden war, ließ der König, dem S. durch sein insolentes Auftreten selbst lästig wurde, ihn, seine Gemahlin und die übrigen Mitschuldigen an dem Tode Overburys 1616 vor eine Jury stellen, die sie sämtlich zum Tode verurteilte. Während einige die Strafe erleiden mußten, schenkte der König S. und seiner Gemahlin das Leben. Nachdem beide mehrere Jahre im Gefängnis gesessen, erhielten sie die Freiheit mit dem Befehl, sich aufs Land zurückzuziehen. S. starb 1645. Aus der Ehe seiner einzigen Tochter mit dem Grafen von Bedford entsprang der unter Karl II. hingerichtete Lord William Russell (s. d.). Die jetzigen Herzöge von S. stammen ab von Edward Seymour, dem Sohne eines Landedelmanns aus der Grafschaft Wilts. (S. Seymour.) Als Heinrich VIII. dessen Schwester, Jane Seymour, heiratete, erhielt er den Titel eines Viscount Beauchamp, einige Zeit darauf eines Grafen von Hertford. Im J. 1546 ernannte ihn der König zu einem der 16 Testamentsexekutoren, die während der Minderjährigkeit Eduards VI. die Regierung fuhren sollten. Aber kaum war Heinrich gestorben, so wurde Hertford, das Haupt der protestantischen Partei, als Lord S. zum Protektor des Reichs erhoben. S. benutzte zunächst seine Macht, um unter Cranmers Leitung die Kirchenreformation fortzuführen. Um die Vereinigung Schottlands mit England unter der protestantischen Krone Eduards VI. durchzuführen, eröffnete er im Aug. 1547 einen Feldzug gegen die Schotten, denen er 10. Sept. die Niederlage bei Pinkey beibrachte, ohne jedoch sein Ziel, die Vermählung Maria Stuarts mit dem König, zu erreichen. Maria ward nach Frankreich gebracht und Schottland blieb katholisch und England feindlich. Auch in England aber regten sich jetzt die Anhänger des alten Glaubens und alle Unzufriedenen gegen den gewaltthätigen Mann. S. kannte kein Erbarmen, indem er die katholischen Bauernhaufen und die rebellischen Großen niederschlug; seinen eigenen Bruder, Thomas Seymour, Lordadmiral des Reichs, ließ er hinrichten. Alle innern und äußern Geschäfte nahm er in seine Hand; rücksichtslos machte er dem Protestantismus Bahn; er hat dem engl. Staat erst den protestantischen Charakter aufgeprägt. Für die Gemeinen erhob er sich gegen die Aristokratie, die ihn dafür mit ihrem Haß verfolgte, die finanziellen Mißverhältnisse, das Unglück im franz. Kriege dazu benutzte, um ihn anzuklagen, zu verurteilen und in den Tower zu bringen. Begnadigt, trat er wieder in den Geheimen Rat, scheinbar versöhnt mit dem Haupt seiner Gegner, Dudley Lord Warwick. (S. Northumberland.) Dann aber brach der Haß von neuem aus; wieder verhaftet und verurteilt, wurde S. wegen Felonie, wie das Urteil der Pairs lautete, am 22. Jan. 1552 auf Towerhill enthauptet. Er war zweimal verheiratet und hinterließ aus beiden Ehen Kinder. Charles, sechster Herzog von S., der Stolze genannt, spielte unter Karl II., Wilhelm III., Anna und Georg I. als erster prot. Peer des Reichs eine bedeutende Rolle, war Lord-Oberkammerherr und trug durch seine Gemahlin, die Erbin der Perey (s. Northumberland), zum Sturze Marlboroughs bei, wodurch der Friede von Utrecht herbeigeführt wurde. Er starb 1748. Sein einziger Sohn Algernon, siebenter Herzog von S., starb 1750 ohne männliche Erben, worauf die Titel eines Marquis und Grafen von Hertford erloschen, die eines Herzogs von S. und Lord Seymour aber an Sir Edward Seym our, einen Nachkommen des Protektors aus erster Ehe, übergingen, der 1757 starb. Dessen Enkel, Edward Adolphus Seymour, geb. 24. Febr. 1775, folgte seinem Vater Webb 15. Dez. 1793 als elfter Herzog von S. Er war Präsident der Royal-⸗Institution, beschäftigte sich viel mit den exakten Wissenschaften und starb 15. Aug. 1855. Ihm folgte sein ältester Sohn Edward Adolphus Seym our als zwölfter Herzog von S. Derselbe wurde 20. Dez. 1804 geboren und erlangte als eifriger Whig in verschiedenen Ministerien die Amter eines Lords der Schatzkammer (1835), eines Sekretärs des Indischen Amts (1839), eines Oberkommissars der Wälder und Forsten (Domänenministers, 1849 —51) und eines Ministers der öffentlichen Arbeiten (1851— 52). Nach der Zwischenregierung der Tories 1852 fand er erst 1859 ein Amt in dem Ministerium Lord Palmerstons, der ihn zum ersten Lord der Admiralität (Marineminister) ernannte und später (1861) ihm die Würde eines Lord-Lieutenants von Somersetshire übertrug. Sein Ansehen erlitt 1866 einen argen Stoß, indem Sir John Pakington, sein toryistischer Nachfolger im Amte, erklärte, daß England, trotz der auf die Marine verschwendeten Millionen, keine seetüchtige Flotte besitze. Seitdem hielt sich S. von jeder polit. Thätigkeit fern. Er starb 28. Nov. 1885 in London. Sein Nachfolger war sein Bruder Archibald, geb. 30. Dez. 1810.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 918Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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