Somnambulismus (vom lat. somnus, Schlaf, und ambulare, wandeln) bezeichnet im engern wissenschaftlich-mediz. Sinne das Ausführen anscheinend überlegter Handlungen im Schlafe, insbesondere das Umherwandeln (Nachtwandeln), wie überhaupt das Ausführen von im wachen Zustande viel geübten Beschäftigungen. Es handelt sich um eine Art geordneten Träumens, dessen Inhalt vorwiegend lebhafte Bewegungsvorstellungen bilden. Der S. in diesem Sinne findet sich ausnahmslos bei nervös nicht völlig normalen, insbesondere jugendlichen Personen, wenn auch nicht immer der krankhafte Nervenzustand sich durch andere ausgeprägte Erscheinungen kundgibt. Ganz besonders disponiert Epilepsie (s. d.)/ zum S. Im populären Sinne umfaßt der S. auch jene als Hellsehen, magnetisches Schlafwachen (elaire voyance) bezeichneten Zustände, in welchen bei äußerlich verschlossenen Sinnen die Fähigkeit bestehen soll, vermöge eines rätselhaften intuitiven Vermögens, Vorgänge und Objekte wahrzunehmen, welche mit gesunden Sinnen und im gewöhnlichen wachen Geisteszustand nicht erkannt werden können, z. B. Vorgänge in weiter räumlicher Ferne, in der Zukunft u. s. w. Indes gehen bei näherer Prüfung die intellektuellen Leistungen der sog. Somnambulen in diesem Sinne nicht prinzipiell über den gewöhnlichen menschlichen Erfahrungskreis hinaus. Meist handelt es sich um absichtliche betrügerische Täuschungen, vielfach aber auch um mehr oder weniger unwillkürliche, durch krankhafte nervöse Zustände, insbesondere Hysterie (s. d.) bedingte Phantastereien (mit Sinnesdelirien, s. d.). Im letztern Falle findet sich ab und zu thatsächlich nebenbei eine hochgrädig gesteigerte Erregbarkeit (Hyperästhesie) der Sinnesapparate, sodaß Vorgänge, beziehungsweise Dinge in der Außenwelt wahrgenommen werden, welche gesunden Sinnen verborgen bleiben (z. B. feinste Geräusche, riechende Substanzen in geringster Menge). Indes handelt es sich auch hier keineswegs um Leistungen übersinnlicher Natur. Der Zustand des magnetischen Schlafwachens kann oft künstlich von einer Person („Magnetiseuro) an einer andern herbeigeführt werden (s. Hypnotismus), während der Zustand des Nachtwandelns im mediz. Sinne sich aus dem gewöhnlichen Schlaf hervor ohne fremdes Zuthun entwickelt. Somnus bei den Römern, bei den Griechen 7 os, Sohn der Nacht, Zwillingsbruder des Thanatos (Tod), ist der Gott des Schlafs, dessen freundlicher Macht Götter und Menschen unterliegen. In der Ilias trägt er mit seinem Zwillingsbruder Thanatos den Leichnam des Sarzedon nach Lykien. Ein anderes mal findet ihn Hera auf Lemnos, wo sie ihn beredet, Zeus einzuschläfern. Nach Ovid ruht er bei den Kimmeriern in einer Gebirgshöhle, in der kein Sonnenstrahl leuchtet, kein lebendiges Wesen sich zeigt und vor der nur Mohn und andere derartige Kräuter wachsen, auf einem Lager von Ebenholz, umgeben von seinen Kindern, den zahllosen Traumgöttern. Von der Kunst ward er dem Tode ähnlich dargestellt. Auf Vasenbildern erscheint er als geflügelter Mann mit seinem ähnlich, nur männlicher und bärtig gebildeten Bruder einen Toten tragend; dann wird er auch spezieller charakterisiert, als rasch einherschreitender Jüngling mit Flügeln an der Stirn und einem Mohnstengel in der einen Hand, in der andern ein Horn, aus dem er Schlaf auf Ruhende niederträufeln läßt. Später wurde er auch im Sinne des Todesschlafs als Greis oder in der Gestalt eines Eros mit gekreuzten Beinen stehend und dann schlafend auf die umgestürzte Fackel gestützt dargestellt. (S. Thanatos./