Speuer (Phil. Jak.), der Vater des Pietismus, geb. 13. Jan. 1635 zu Rappoltsweiler in Oberelsaß, begann 1651 seine theol. Studien zu Straßburg und beschloß sie 1659—62 durch den Besuch der Universitäten zu Basel, Tübingen, Freiburg, Genf und Lyon, wobei er mit namhaften reform. Theologen in Beziehung trat. Nach Straßburg zurückgekehrt, hielt er akademische Vorlesungen, wurde 1663 Freiprediger und 1664 Doktor der Theologie, übernahm aber bereits 1666 das Amt eines Seniors der Geistlichkeit zu Frankfurt a. M. Seit jener Zeit begann seine energische Wirksamkeit für Neubelebung des christl. Sinns in der Kirche, deren Grundgedanken er niedergelegt hat in seinem Schriftchen «Pia desideriao (Frankf. 1675; vgl. Henke, «Speners Pia desideriao, Marb. 1862). Gegenüber einer toten Orthodoxie, die alles Gewicht auf die Korrektheit der Lehre legte, betonte er die Notwendigkeit persönlicher Bekehrung und Wiedergeburt, gegenüber der lediglich auf dogmatische Polemik abzweckenden theol. Bildung seiner Zeit das für jeden Christen unentbehrliche Studium der Heiligen Schrift, und gegenüber dem einseitigen Lehrkirchentum das allgemeine Priestertum aller Gläubigen. Seine Gesinnungsgenossen unter den Gemeindegliedern sammelte er zu Erbauungsstunden um sich, den sog. collegia pietatis (daher der Spottname «Pietisten , die anfangs von der Orthodoxie mit Beifall begrüßt, später von ihr heftig angefeindet wurden. Im J. 1686 siedelte S. als Oberhofprediger nach Dresden über, geriet aber auch hier infolge des in Leipzig durch August Hermann Francke veranlaßten Pietistenstreits in Mißhelligkeiten mit der dortigen theol. Fakultät und zog sich zudem durch eine schriftliche Vorhaltung auch die Ungnade des Kurfürsten Johann Georg III. zu. Daher ging er 1691 als Propst und Inspektor der Kirche zu St. Nikolai und Assessor des Konsistoriums nach Berlin, von wo aus er an der Stiftung der Universität zu Halle großen Anteil nahm. Er erlebte noch 1698 die Genugthuung, daß der kursächs. Hof ihn zurückberief, welche Ehre er jedoch ablehnte. Obgleich ihm die theol. Fakultät zu Wittenberg 1695 in einer förmlichen Klagschrift nicht weniger als 264 Irrtümer vorgeworfen hatte, stieg doch die Menge seiner Anhänger mit jedem Jahre. In seinen theol. Bedenken, Gutachten und Briefen über religiöse Angelegenheiten, die seit 1700 erschienen, spricht überall ein echter christl. Sinn, eine sanfte Duldung, eine feine, geübte Menschenkenntnis und der redlichste Eifer für das Gute. Er starb zu Berlin 5. Febr. 1705. S.s Abhandlung Von der Natur und Gnades erschien in neuer Ausgabe von Schott (Halle 1868). Auch seine KKatechismuspredigten » wurden neu (Lpz. Jakob S. und seine Zeit (2 Bde., Berl. 1828; 3. Aufl. von Schweder, 1861); Rathgeber, Vie de S8.„ (Par. 1868): Stähelin, &S. als Reformator nach der Reformation⸗ (Basel 1870); Horning, 4S. in Rappoltsweilero (Straßb. 1883). Thilo, &S. als Katechete (Stuttg. 1841). (Vgl. Pietisten.)