Splügen, roman. und ital. Spluga, Dorf und Paß im schweiz. Kanton Graubünden. Das Dorf, Hauptort des Kreises Rheinwald im Bezirk Hinterrhein, liegt 1450 meüber dem Meere, 50,5 km sudwestlich von Chur, in großartigem Gebirgscirkus am Hinterrhein, besteht aus wenigen großen steinernen Zoll⸗, Lager⸗ und Gasthäusern und einer malerischen Gruppe brauner altertümlicher Holzhäuser mit steinbeladenen Dächern und zählt (1880) 484 E. meist deutscher Zunge und reform. Konfession, deren Haupterwerbsquelle neben der Alpwirtschaft der Transit von Waren (besonders Wein) und Personen auf den beiden hier sich trennenden Straßen über den Bernardino (s. d.) und den Splü-Römer ist. Der Paß, als Saumpfad schon von ömern und Longobarden benutzt, verbindet durch seine 1818—22 auf Kosten der österr. Regierung erbaute Poststraße das Dorf S. mit Chiavenna s. d.). Diese Straße, eine der kühnsten Straenbauten der Alpen, bis Chiavenna, wo sie an die Bahnlinie Chiavenna-Colico anschließt, 40 km lang, zweigt bei S. von der Bernhardinerstraße sudlich ab, überschreitet den Hinterrhein und zieht sich durch das öde Thal des Häusernbachs zum Splügenberge hinauf, dessen steilen Abfall sie in vielen scharfen Kehren überwindet. Ein Berghaus und eine lange gemauerte Galerie bieten hier dem Reisenden Unterkunft und Schutz bei Schneestürmen und Lawinengefahren. Die Cattel z auch Colmo del Orso genannt, ein kahler attel zwischen der Schneepyramide des Tambohern (3276 m) rechts und dem wilden Surettaorn (3025 m) links, 2117 m über dem Meere, 12 km von S., bildet die Wasserscheide zwischen dem Hinterrhein und der Adda, die Grenze zwischen der Schweiz und Italien. Die Straße erreicht 2 Km unterhalb der Höhe das ital. Mautamt mit dem Wirtshause del Monte Spluga, dann zieht sie sich durch die kleine Ebene Piano della Casa, überschreitet die Schlucht Cardinell und senkt sich, der linken Thalwand folgend, ganz allmählich in zahllosen Windungen nach Pianazzo hinab. Drei gemauerte Galerien schützen auf dieser Strecke die Straße vor Lawinen. Dicht hinter Pianazzo überschreitet sie den wilden Madesimo, der mit einem prächtigen, 260 m hohen Wasserfall zum Liro hinabstürzt, durchbricht drei Felsenthore und senkt sich in scharfen Kehren zur grünen Wiesenebene des Doppeldorfes Campo-Dolcino (1083 m) hinab. Von hier an folgt sie der Sohle des engen, von Felsblöcken übersäeten Liro⸗ oder San-Giacomothals, in welchem beim Dörfchen Gallivaggio plötzlich sich die Uppigkeit der südl. Vegetation entfaltet, und steigt durch Felswildnisse und Kastanienwälder, zuletzt durch Fruchtfelder und Weinberge über San-Giacomo nach Chiavenna (317 müber dem Meere, 28,5 km von der Paßhöhe) hinab. Die Post legt die Strecke S.Chiavenna in fünf Stunden zurück; im Winter wird der Verkehr wie beim St. Gotthard fast ausschließlich durch Schlitten vermittelt. Eine Eisenbahn über den S. ist zwar bereits seit langer Zeit projektiert, hat aber ebenso wenig wie das Simplon-Projekt Aussicht auf Ausführung in naher Zukunft.