FeedSprichwort
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Sprichwort, minder richtig Sprüchwort, ist im weitesten Sinne ein dem Volksmunde entsprungener und in ihm oder in der Litteratur sich erhaltender Ausspruch, der bei demselben oder einem verwandten Anlaß angewandt zu werden pflegt, sich bald durch seinen Inhalt, hauptsächlich durch sein Gepräge als solches sofort charakterisiert und dadurch von Denk⸗ oder Wahlsprüchen wie Sentenzen unterscheidet. Da Inhalt und Form der Sprichwörter, wie deren er Mannt und Anwendung von unbestimmbarer Mannigfaltigkeit sind und der aller festen Regel spottende Volkswitz dabei die Hauptrolle spielt, so ist es bisher noch nicht gelungen, eine fest umgrenzte Erklärung des Begriffs S. zu geben. Das sprichwörtliche Gepräge und der Gebrauch werden stets die zuverlässigsten Merkmale bleiben, an denen ein S. erkannt wird, sowie sich die eigentlichen Sprichwörter wieder durch Selbständigkeit ihres cRhenNed und ihres Auftretens von den sprichwörtlichen Redensarten unterscheiden, deren Charakter der anlehnende, anschmiegende ist. a diesen Gruppen sind in neuerer Zeit noch durch Büchmann „Geflügelte Worte⸗(14. Aufl., Berl. 1884, herausg. von Walter Robert-Tornow) getreten, von denen einzelne Sutuehung de sind oder mit der Zeit werden. Die Entstehung der Sprichwörter ist im allgemeinen die gleiche; irgend ein mündlich oder schriftlich gesprochenes Wort, das *2 sich keineswegs stets durch Wahrheit oder durch edeln, reichen Inhalt zu empfehlen braucht, sich vielmehr nicht selten gerade durch das Gegenteil dessen kennzeichnet, wird nachgesprochen, bei derselben oder ähnlicher Gelegenheit angewandt, und das S. ist fertig. Es i irrig anzunehmen, daß ein S. allgemein bekannt sein müsse. Der Verbreitungskreis der Sprichwörter ist verschieden, von dem größern oder kleinern Verbreitungskreise hängt aber die Sprichwörtlichkeit keineswegs ab. Es gibt rein persönliche und solche Sprichwörter, die sich bloß im Familienkreise bewegen; wieder Sprichwörter, die einem Orte, einem Kreise, einem Lande, einem ganzen Volksstamm angehören; während wieder gewisse Anschauungen, Beobachtungen und Erfahrungen fast von allen Kulturvölkern ausgesprochen worden sind und sich als Sprichwörter beinahe über die ganze gebildete Welt verbreitet haben. Ahnliches gilt von der Lebensdauer derselben. Manche haben sich von der ältesten Zeit bis jetzt im Volksmunde erhalten, sind aus der griech. und röm. Litteratur in unsere Volkssprache übergegangen und leben bei uns im Munde des Volks; andere haben nur eine gewisse Zeit darin gelebt und sich nur in der Litteratur erhalten; wieder andere leben bloß im Volksmunde, ohne in das Schrifttum übergegangen zu sein; viele endlich entstehen und verschwinden in ihrem Kreise, ohne daß das Volk im allgemeinen Kenntnis davon erhält. Von jeher hat man den Sprichwörtern wegen der oft darin enthaltenen Lebensweisheit großen Wert beigelegt. Besondere Bedeutung haben sie für Sprachkunde, für die Kulturgeschichte eines Volks und seiner verschiedenen Stämme. Die Bedeutsamkeit des S. ist auch zu allen Zeiten durch Bearbeitungen auf verschiedenen Gebieten wie nach mannigfachen Richtungen anerkannt worden. Allgemeine Sammlungen deutscher Sprichwörter und Apophthegmen (s. d.) erscheinen besonders zahlreich seit dem Anfange des 16. Jahrh. Die wichtigsten sind die von Tunnicius (zuerst 1514), Joh. Agricola (zuerst 1529), Sebast. Frank (1541 und öfter), Egenolff (1548), Eyering (1601), Petri (1605), Zinkgreff (zuerst 1626), Lehmann Guerst 1630), Sailer (1810). Mit Wagner (1813), dessen Sammlung 3737 Sprichwörter enthält, beginnt die Gruppierung derselben unter alphabetisch geordnetem Hauptbegriffe, eine Form, die Körte (1837 mit 7202, Eiselein (1840) mit etwa 12 000 und Simrock (1846) mit 12396 Sprichwörtern als die Samemlun beibehält. Doch ist durch keine dieser Sammlungen der reiche deutsche Sprichwörterschatz auch nur annähernd zu übersichtlicher Kenntnis gebracht, da sie, anstatt aus der Litteratur und dem Volksmunde, den beiden Lebensquellen der Sprichwörter, selbst zu schöpfen, vorherrschend nur frühere Sammlungen zu Grunde legten. Erst in neuester Zeit wandte man sich den Quellen zu und begann die Litteratur und die Mundarten auszubeuten, wozu besonders Firmenich durch «Germaniens Völkerstimmend (Berl. 1843-65) und Frommann durch seine KDeutschen Mundarteno (Rürnb. 1854 - 59 und Neue Folge, Halle 1875) den Anstoß gegeben haben. In verhältnismäßig kurzer Zeit sind eine Anzahl mundartlicher Sprichwörtersammlungen oder dahin einschlagender Schriften erschienen von Amand Baumgarten, Birlinger, Clement, Deecke, Dicks, Diermissen, Frischbier, Goldschmidt, Haupt, Hoefer, Johannsen, Köster, Laven, Lohrengel, Lyra, Mindermann, Mühlhause, Peter, Raabe, Sartorius, Schambach, Schild, K. Schiller, Schleicher, Schuster, Schwerin, Stöber, Weyden, Woeste, Zyro. Das Bedürfnis aber, den gesamten deutschen Sprichwörterschatz wohlgeordnet in übersichtlicher Fassung in Einem Werke zu besitzen, wird erst durch das „Deutsche

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 111Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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