Statistik (von dem neulateinischen und italienischen Wort statista, Staatsmann, Politiker) hat ursprünglich die Bedeutung von Staatskunde, unter welcher die systematische Darstellung der Verfassung, der Organisation, der Bevölkerungsverhältnisse, der militärischen und wissenschaftlichen Hilfsquellen und der sonstigen bemerkenswerten Einrichtungen und Verhältnisse eines oder mehrerer egebener Staaten zu verstehen ist. In diesem Sinne hielt schon Conring (1660) akademische statistische Vorlesungen, nachdem schon im 16. Jahrh. Sansovino eine Sammlung von (22) bungen unter dem Titel Del Governo ed administrazioneé di diversi regni e republiches (Venedig 1583) veröffentlicht hatte. Besondern Vorschub erhielt die Staatskunde als Unterrichtswissenschaft durch Achenwall (s. d.) in Göttingen und durch dessen Nachfolger von Schlözer. Neben dieser Auffassung bildete sich indes eine andere aus, welche die spezifische Aufgabe der S. in der zahlenmäßigen Erhebung und Untersuchung von Massenerscheinungen auf dem Gebiete des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens erblickt, und diese Bedeutung der Worte S. und astatistischo hat über jene ältere so vollständig das übergewicht erhalten, daß man auch die in gewissen Zweigen der Naturwissenschaften, z. B. in der Meteorologie und in der Firsternastronomie angewandte Methode der zahlenmäßigen Massenbeobachtung als statistische bezeichnet. Die Staatskunde behält ihr Recht als eine praktische destriptive Wissenschaft, die von der eigentlichen S. den wichtigsten Teil ihres Materials erhält. Jedoch ist die letztere nicht bloß eine stoffsammelnde und ordnende Hilfswissenschaft, sondern sie erlangt auch nach gewissen Richtungen hin volle Selbständigkeit, indem sie innerhalb der beobachteten Massenerscheinungen eigentümliche Regelmäßigkeiten oder Gesetzmäßigkeiten nachweist. Zu solchen Resultaten ist namentlich die Bevölkerungs- und die Moralstatistik (s. d.) gelangt, die daher als das eigentliche Gebiet der wissenschaftlich-selbständigen S. zu betrachten sind, während andere Zweige derselben, wie z. B. die Handels⸗ und Produktionsstatistik, teils praktischen Zwecken, teils dazu dienen, die Sätze anderer Wissenschaften, namentlich der volkswirtschaftlichen, erfahrungsmäßig zu bestätigen. Der erste, der gewisse Regelmäßigkeiten in den gesellschaftlichen Massenerscheinungen nachwies, war John Graunt (Observations on the bills of mortalityo, Lond. 1662). Halley gab durch seine Sterblichkeitstabelle diesen Untersuchungen einen weitern Impuls, und Süßmilch behandelte in seiner Göttlichen Ordnung in den Veränderungen des Menschengeschlechts» (Berl. 1741; 4. Aufl. 1775) die bevölkerungsstatistischen Regelmäßigkeiten in einem umfassenden Zusammenhange. Eine wesentliche Förderung wurde dann im 19. Jahrh. dieser sozialphysiologischen S. durch die Arbeiten Quetelets (s. d.), insbesondere durch dessen 1835 erschienenes Werk «„Sur l'hommev, zuteil, der zugleich durch seinen Versuch, die menschlichen Handlungen auf statistische Naturgesetze zurückzuführen, die Aufmerksamkeit weiterer wissenschaftlicher Kreise auf dieses Gebiet lenkte. Ein weiterer Ausbau der mathematisch-theoretischen Seite der Bevölkerungsstatistik erfolgte durch Knapp, Becker u. a. Die Sammlung und tabellarische Ordnung des statistischen Materials ist im wesentlichen die Sache öffentlicher Behörden, wie denn ja auch der unmittelbare Zweck dieser Erhebungen nicht ein wissenschaftlicher, sondern ein praktisch-administrativer ist. Gewisse statistische Feststellungen, wie Volkszählungen und Vermögensaufnahmen, finden sich schon in den Staaten des Altertums, und je mannigfaltiger sich die staatliche Aufgabe in der neuern Kulturentwickelung gestaltete, um so mehr stellte sich das Bedürfnis einer quantitativen Kenntnis der Hauptelemente des Staatslebens heraus. Doch wurden die Resultate der statistischen Erhebungen anfangs in den meisten Staaten nicht veröffentlicht, sondern sogar sorgfältig geheimgehalten. Die erste Organisation der amtlichen S. in moderner Form geschah in Schweden, wo 1756 eine «Tabellenkommissiono für die Aufstellung von ährlichen Nachweisen über die Bewegung der Bevölkerung eingesetzt wurde. In Frankreich wurde 1796 ein statistisches Bureau gegründet, das indes beim Sturz. des Kaiserreichs einging und erst 1834 durch eine Centralstelle ersetzt wurde. In Preußen trat ein statistisches Bureau 1805 ins Leben, jedoch nur auf kurze Zeit. Es wurde 1810 unter Hoffmann erneuert und gelangte unter Engels Leitung (1860— 80) zu seiner vollen Entwickelung. Ein reichsstatistisches Amt unter Becker wurde 1872gegründet. Ahnliche Anstalten sind im Laufe des 19. Jahrh. in allen Kulturstaaten entstanden, wenn auch nicht immer als Centralstellen, da in einigen Ländern, 3. B. in England, die Hauptzweige der S. von verschiedenen Bureaus bearbeitet werden. Den statistischen Buregus stehen in mehrern Ländern noch Centralkommissionen, aus höhern Beamten und Gelehrten zusammengesetzt, zur Seite. Außer den Staaten haben auch viele große Städte statistische Bureaus organisiert. Sehr wünschenswert wäre es, daß die statistischen Erhebungen in den verschiedenen Staaten nach einem möglichst einheitlichen Plane erfolgten, da mannur auf diesem Wege zu einer wirklich befriedigenden vergleichenden Statistik gelangen kann. Die Erreichung dieses Ziels anzubahnen, sind die internationalen Statistischen Kongresse (der erste 1853 in Brüssel, die folgenden in Paris, Wien, London, Berlin, Florenz, Hagg, Petersburg und der letzte 1876 in Budapest) nicht ohne Erfolg bemüht gewesen. Der 1879 nach Rom eingeladene Kongreß kam nicht zu Stande, und erst 1885 ward in London wieder ein ainternationales statistisches Instituté gegründet, iedoch nur als Privatverein, während zu den frühern Kongressen amtliche Delegierte entsandt wurden. Die amtlichen statistischen Veröffentlichungen bestehen zunächst aus den aus dem Material gewonnenen Tabellenwerken, welche ihrerseits den Rohstoff für weitere Verarbeitung bilden. So erscheinen in Deutschland jährlich mehrere Bände der S. des Deutschen Reichso nebst Monatsheften zur S. des Deutschen Reichso,‚ ferner die Preußische Statistiks in zwanglosen Heften und mehrere ähnliche Publikationen der übrigen Einzelstaaten und der städtischen Bureaus. In Frankreich gibt das Centralbureau eine «Statistique annuelle de la Francen heraus, außerdem werden auch von seiten des franz. und anderer Ministerien regelmäßige Veröffentlichungen veranstaltet. In England liefert der Registrar generalo das bevölkerungsstatistische, das Bureau des Board of trade das wirtschaftsstatistische Material. In Ssterreich ist das Hauptquellenwerk die von der statistischen Centralkommission herausgegebene «Ssterreichische Statistiko. Die italienische Direktion der allgemeinen Statistik liefert hauptsächlich bevölkerungsstatistisches Material, daneben aber erscheinen auch zahlreiche Veröffentlichungen der Abteilung für Handel und Industrie im Handelsministerium. In vielen Ländern geben die statistischen Bureaus außerdem jährlich gedrängte Übersichten der wichtigsten Daten auf allen Gebieten, meistens mit Rückblicken auf frühere Jahré, heraus. Solche Statistische 0. für büchere erscheinen z. B. für das Deutsche Reich, fur Preußen (nicht regelmäßig), für Osterreich, Ungarn, Frankreich, Italien (nicht regelmäßig), vereinzelt auch für Rußland. Das englische Handelsamt gibt als Blaubuch den «Statistical abstract for the United Kingdomo heraus, das immer die betreffenden Zahlen für je 15 Jahre nebeneinander stellt. Ahnliche Abstractso erscheinen für 3 den und für die Gesamtheit der Kolonien. Nach dem englischen Vorbilde gibt auch das statistische Bureau des Schatzsekretariats der Vereinigten Staaten jährlich einen Statistical abstract for the United Stateso heraus. Eine dritte Klasse der amtlichen statistischen Veröffentlichungen endlich bilden die statistischen Zeitschriften, in denen mehr ausgebildete Einzeldärstellungen, theoretische Untersuchungen und ähnliche Abhandlungen erscheinen. Hierher gehören die Zeitschriften der preuß., der bayr., der sächs. statist. Bureaus, die österr. statist. Monatsschrifto, die ital. KAnnali di statisticav. Private Unternehmungen ähnlicher Art sind das Journal de la société de statistique de Pariso und das „Journal of the Statistical Societys in London. über S. im allgemeinen vgl. Fallati, „Einleitung in die Wissenschaft der S.„ (Tüb. 1843); Kniess, Die S. als selbstandige Wissenschafte (Kass. 1850); Jonak, «Theorie der S.y (Wien 1856); Rümelin, NReden und Aufsätzey (Freib. u. Tüb. 1875); Ad. Wagner, »Statistiko (im «Staatswörterbucho von Bluntschli und Brater); Block, «Handbuch der S.v (deutsch von H. von Scheel, Lpz. 1879); John, „Geschichte der S.» (Bd. 1, Stuttg. 1884).