FeedSteinkohle
NaturlehreBrockhaus 1882

Steinkohle (Schwarzkohle, frz. houille. engl. coal) findet sich in sämtlichen Formationen. welche älter sind als die Kreide, namentlich aber in der nach ihr benannten carbonischen oder Steinkohlenformation (s. d. und Geogn osie) in Gestalt von Flözen (s. d.) zwischen Sandsteinen oder Schieferthonen eingelagert. Diese Steinkohlenf.öze zeigen sehr verschiedene Mächtigkeit, welche von einigen Centimetern bis zu 10 und 15 m ansteigen kann. Die S. entsteht durch einen außerordentlich längsamen, unter Luftabschluß vor sich gehenden Zersetzungsprozeß (Vermoderung, Verkohlung) von massenhaft angehäuften Pflanzenresten. Dabei werden Kohlenfäure, Sumpfgas und Wasser erzeugt, während gleichzeitig innerhalb der zurückbleibenden, verkohlenden Pflanzenmasse (des Kohlengesteins) eine relative Anreicherung an Kohlenstoff stattfindet. (S. Braunkohle und Kohle.) Das erste Produkt dieses Prozesses ist die Braunkohle mit etwa 70, das zweite die S. mit etwa 85, das nächste der Anthracit (s. d.) mit 94, das letzte der Graphit (s. d.) mit 100 Proz. Kohlenstoff. Die Pflanzen, welche das Material der S. geliefert haben, sind je nach der Formation (s. d. und Geognosie), welcher dieselbe angehört, durchaus verschieden und zwar in der Wealden- und Keuperformation (s. d.) Coniferen und Cycadeen, in der Steinkohlenformation Lepidodendren, Sigillarien, Farne und Calamiten, in der Devon- und Silurformation Seetange. Die Hauptverbreitungsgebiete der S. sind A. in Europa: Großbritannien mit einer Fläche von 26430km. Belgien mit dem Becken von Lüttich und dem von Mons. Im Deutschen Reich: aachener Steinkohlengebiet, westfälisches Gebiet mit 74 abbauwürdigen Flözen, saarbrückener Kohlenbecken (385 abm, 88 abbauwürdige Flöze), die Kohlenreviere von Jobenbüren und vom Piesberg bei Osnabrück (7 und 3 Flöze), das zwickauer, das lugau-ölsnitzer und das potschappeker Becken im Königreich Sachsen (mit 10, 7 und 3 Flözen), das waldenburger (oder niederschlesische) Becken (mit 31 Flözen), das oberschlesische Kohlenfeld (mit 104 Flözen, davon das Xaveriflöz mit 16 m Mächtigkeit). Außerdem die kleinern Kohlenterrains von Wettin, Ilfeld, Stockheim, Manebach. In Böhmen: die Becken von Pilsen, Radnitz und Kladno; Mähren; das rossitzer Becken bei Brünn (3 Flötze). Alle übrigen Staaten Europas besitzen nur geringfügigere Vorkommnisse von S. B. Nordamerika zeichnet sich durch die großartige Verbreitung der Steinkohlenformation aus. Dieselbe bildet namentlich folgende Becken: das appalachische Kohlenfeld, 132 000 qkm; das Illinois-Missouri-Kohlenfeld, fast ebenso groß; das von Michigan, 11000 akm, jedoch kohlenarm; das von Rhode-Island, 1870 dkm; das von Neuschottland (bei Pictou mit 4, bis 13 m mächtigen Flözen). C. Asien. China besitzt einen mit Nordamerika rivalisierenden Kohlenreichtum. Allein das Shansibecken nimmt 34 900 akm ein und enthält ein bis 10 m mächtiges Hauptflöz. „Der Bergbau auf S. hat mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, die der Braunkohlenbergbau nicht kennt; aus den erstern entwickeln sich ununterbrochen Kohlenwasserstoffgase, die, mit Luft gemischt, explosive Gasgemenge (feurige Schwaden, schlagende Wetter) geben, die trotz der die Ventilation bewirkenden Wetterschächte und der Benutzung der Sicherheitslampen immer noch zu großen Unglücksfällen Veranlassung geben. Die geförderte S. wird von der Grube als Brennstoff auf der Eisenbahn oder durch Wasserfracht nach dem Konsumtionsorte geschafft, oder falls sie zur Bereitung von Coks (s. d.) Anwendung finden soll, häufig aufbereitet. Die Verwendung des Coks für Lokomotivenfeuerung und für ähnliche Zwecke bedingte die Notwendigkeit der Herstellung einer von anhängender Bergart möglichst freien Kohle, und man erreichte dies durch die Einführung der nassen Aufbereitung der Kohlenwäsche, wodurch man die spezifisch leichtern Kohlen von dem anhängenden Gestein, dessen Dichte ungefähr dreimal so groß ist als das der Kohle, trennt. In technischer Hinsicht teilt man die S. nach ihrem Verhalten beim Erhitzen und nach der Ausbeute und der Beschaffenheit der sich bildenden Coks in 1) Backkohlen, deren Pulver, in einem Tiegel erhitzt, schmilzt und zu einer glatten, metallglänzenden, gleichförmigen Masse sich sete Na 2) Sinterkohlen, deren Pulver in eine feste Masse sich verwandelt, ohne eigentlich zu schmelzen; 3) Sandkohlen, wenn das Pulver beim Erhitzen keinen Zusammenhang erhält. In England teilt man die S. je nach der Verwendung in 1) Gaskohle (gaz coal), 2) Hauskohle (household coah), 3) Dampfkohle (steam coal). An diese Kohlenarten schließen sich die Anthracite (s. d.W an, die beim Erhitzen kein Gas entwickeln, unverändert bleiben und als von der Natur dargestellte Coks betrachtet werden können. Durch neuere Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen der chem. Zusammensetzung und den technischen Eigenschaften der S. hat sich ergeben, daß die so verschiedenen Eigenschaften der lertof fast nur auf den wechselnden Gehalt an Sauerstoff zurückzuführen sind und daß die Menge der die Flamme bildenden flüchtigen Produkte, das sog. Bitumen der Kohle, und das Verhältnis des Bitumens zu den zurückbleibenden Coks, 28.e. punkte für die Beurteilung des Wertes der S. liefert; magere anthracitische S. gibt 5— 10 Proz. Bitumen, Backkohle 15—33, gasreiche Sinterkohle 40—48, gasreiche Sandkohle 44,—48 Proz. Für die Verwendung der S. als Brennstoff und als Gasmaterial folgt, daß anthracitische Kohle lebhaften Zug braucht, eine geringe und nicht leuchtende Flamme gibt und keinen Ruß absetzt; sie dient als Hausbrand, Ziegelkohle, für Schachtöfen aller Art und auch zur Kesselheizung; die Backkohle repräsentiert die eigentliche Schmiede- und Cokskohle, sie ist in allen Flammenofenfeuerungen verwendbar und hat nur den Nachteil beginnender Rußbildung und raschen Erlöschens; die Gaskohle ist als Brennstoff weniger gut verwendbar und liefert zudem das meiste und beste Leuchtgas. Die lchen Kar Sand- und Sinterkohlen sind die eigentichen Kohlen zum Flammenofenfeuer. Die ver⸗ +1— Substanz der S. zeigt je nach dem Alter der Kohlen eine sehr verschiedene Zusammensetzung. Sie enthält Kohlenstoff 75—93, Wasserstoff 4—5,3, Sauerstoff 19,5—3 Proz. Die jüngsten, den Braunkohlen noch nahe stehenden S. sind am reichsten an Sauerstoff, je ältern Formationen sie angehören, je weiter der Umbildungsprozeß fortgeschritten ist, um so reicher an Kohlenstoff werden sie, ohne aber jemals zu eigentlichem Kohlenstoff zu werden. Jede Kohle enthält außerdem gewisse Mengen unverbrennlicher Substanz, Gangart des Gebirges in welchem sie eingeschlossen ist, Schiefer, oder infiltrierte und durch Reduktion veränderte Körper, Erden, Kiese, deren Bestandteile beim Verbrennen als Asche zurückbleiben. Je höher der Aschenehalt, um so geringer ist der Wert der Kohle. urch Aufbereitung sind diese Beimengungen häufig zum großen Teil zu entfernen. Das spezifische Gewicht der Kohlen schwankt zwischen 1,16 und 1,64 um den mittlern Wert von 1,32. Beim Lagern an der Luft verliert die S. an Gewicht und an Heizwert; bei zwölfmonatlichem Lagern im Freien kann die Einbuße an Gewicht betragen bis 1,5 Proz. und an Heizwert bis zu 6 Proz. Die Zersetzung oder Verwitterung geht am lebhaftesten bei Temperaturerhöhung vor sich, also wenn die Kohlen auf großen Haufen liegen. Die Erwärmung erfolgt sehr rasch bei schwefelkieshaltigem Grubenklein, welche nach und nach bis zur Entzündung sich steigern kann. soll, so bildet die Ermittelung der Verdampfungskraft für eine technische Untersuchung den wichtigsten Gesichtspunkt; im allgemeinen läßt sich der Satz aufstellen, daß die praktische Nutzleistung der 30105. zu zwei Drittel aus der chem. Zusammensetzung berechneten angenommen werden kann. Bei den in Deutschland gebräuchlichsten Sorten S. ist die nutzbare Verdampfungskraft folgende: Ruhr-S. 7.2, π. S. 5,8 bis 7,0, Saar-S. 6,25, Böhmische „4, bis 6,1, Schlesische S. 5,8 bis 7,1 (d. h. der betreffenden S. kann 5,6 bis 7,2 Kkg oder 1 Wasser in Dampf verwandeln). Die Heizkraft der verbrennlichen Substanz der S. liegt je nach ihrer wechselnden Zusammensetzung zwischen 7000 und 9000 Calorien, d. h. beim Verbrennen von 1 Gewichtsteil Kohle wird so viel Wärme, wie erforderlich ist, um 7000 bis 9000 Gewichtsteile Wasser um 1•0. zu erwärmen. Soll die S. als Material zur Gasbereitung Verwendung finden, so wählt man die sog. Gaskohlen aus, die durch hohen Gehalt an Wasserstoff und niedern Sauerstoffgehalt charakterisiert sind, deren vorzüglichster Repräsentant die sog. Bogheadkohle ist; was die Gasausbeute betrifft, so geben 100 kg Oberschlesische S. 282—290 ebm, Heinitz-S. vom Saarbecken 266—272, westfäl. Gaskohlen 278—283, Zwickauer Kohlen 247—252, Neweastle-S. bis zu 306 und endlich die Bogheadkohle bis zu 430 cbm. In den Nebenprodukten der Gasbereitung liefern die S. die Rohmaterialien für verschiedene höchst wichtige Industriezweige. Aus dem Gaswasser wird der größte Teil des für die Industrie und für die Landwirtschaft gleich wertvollen Ammoniaks abgeschieden. Der Steinkohlenteer ist der Rohstoff für eine Fülle der schönsten Farbstoffe und unzähliger sonstiger chem. Präparate. Der in der S. in Form von Schwefelkies enthaltene Schwefel, bisweilen 1 Proz. vom Gewicht der Kohle ausmachend „tritt bei der Verwendung der S. als Brennstoff in Form von schwefliger Säure in die Luft und kann, wie es hier und da in engl. Städten beobachtet worden ist, in Doe Weuen Hinsicht die Luft verunreinigen; bei der Verwendung Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XV. der S. zur Gasbereitung entweicht der Schwefel als Schwefelwasserstoff und findet sich in dem Rohase, bei dessen Reinigung er sich in der eisenoxydholthen zur Absorption der Schwefelwasserstoffe estimmten Masse findet. Man verwertet diesen Schwefel an vielen Orten zur Fabrikation von Schwefelsäure. Die Menge von S., welche in London jährlich zur Gasbereitung verwendet wird, enthält 200000 Ctr. Schwefel, entsprechend 612500 Ctr. Schwefelsäure. Endlich ist noch zu erwähnen, daß das in dem Rohgase enthaltene yan, welches in der Reinigungsmasse sich ansammelt, zur Herstellung von Berlinerblau benutzt wird. Was die Art der Verwendung der S. in quantitativer Beziehung betrifft, so rechnet man in England, daß von 100 Proz. in folgender Weise verbraucht werden: 30 für die Eisen⸗ und Stahlproduktion, 17 für Haushaltungszwecke, 12 für Dampfmotoren, 10 für die Ausfuhr, 7 für das Bergwesen, 6 für die Gasbereitung (inkl. Teer⸗ und Teerfarbenindustrie), 4 für die Glas-und Thonindustrie, 3 für die Dampfschiffahrt, 2 für die Eisenbahnen, 9 für alle übrigen Verwendungen in der Metallurgie (exkl. Eisen), Brauerei, den chem. Fabriken u. . w. Zu berücksichtigen ist, daß der vorhandene Vorrat an S. ein begrenzter ist, während ihr Verbrauch, annähernd proportional dem Zuwachs der Bevölkerung, stetig unimmt. Es muß daher in einer gewissen Zeit der Vorrat seiner Erschöpfung entgegengehen. Litteratur. Voigt, Versuch einer Geschichte der S.y (Weim. 1802—5); Brix, Untersuchungen über die Heizkraft der wichtigern Brennstoffe der preuß. Monarchies (Berl. 1853); E. Hartig, «Untersuchung über die Heizkraft der S. Sachsenso (Lpz. 1860); Geinitz, Fleck und E. Hartig, «Die S. Deutschlands und anderer Länder Europasv(2 Bde., Münch. 1865); Schilling, Die Steinkohlengasbeleuchtung (3. Aufl., Münch. 1878); Lunge, Die Destillation des Steinkohlenteerso (Braunschw. 1867): Pechar, «Kohle und Eiseno (Berl. 1878); Muck, «„Chem. Beiträge zur Kenntnis der S. v (Bonn 1876); Frantz, «Deutschlands, namentlich Oberschlesiens S. (Beuthen 1876); die Lehr⸗ und Handbücher der Wärmelehre und Metallurgie von Ferrini, Péclet, Schinz, Th. Scheerer, Knapp-Percy, Plattner-Richter, Br. Kerl, Bertier, K. Stölzel, H. Wedding, K. Rammelsberg und die amtli en Berichte über die internationalen Ausstellungen in London (1851 u. 1862), Paris (1855, 1867 u. 1878), Wien (1873) und Philadelphia (1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 192Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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