FeedSudan oder Beläd-es-Sudän
ErdkundeBrockhaus 1882

Sudan oder Beläd-es-Sudän, d. h. Land der Schwarzen oder Negerland, ist schon seit dem Mittelalter der gemeinsame Name für die ungeheuere Länderstrecke Centralafrikas, welche sich von der Wüste Sahara südwärts bis gegen den Aquator hin ausbreitet. Neuere Geographen unterscheiden Hochsudän und Flachsudan. Manche rechnen auch Senegambien (s. d.) dazu. 1) Der Hochsudän erstreckt sich von den Quellgebieten des Niger, Senegal und Gambia bis gegen den obern Nil, jedenfalls bis südlich vom Tsadsee, und umfaßt die hinter den meist flachen Küsten von Nordguinea und Senegambien aufsteigenden Gebirgs⸗ und Plateaulandschaften des Kong und vom obern Senegambien, die Reiche der Aschanti, von Dahomeh sowie die der Mandingo, Häussa und Fulah, die sich alle durch reichliche Bewässerung, prachtvolle Urwaldung, üppige Vegetation, überhaupt durch eine Fülle von tropischen Erzeugnissen und Gold auszeichnen. 2)Flachsudän, auch Nigritien, d. h. Negerland oder Nigerland, von den Eingeborenen aber Belädel-Tekrur, d. h. Land der zum Islam Bekehrten, genannt, erstreckt sich an den nördl. Abfällen des hohen S. ostwärts bis Kordofan und bildet die übergangsstufe zur Wüste. Dieser sog. flache S. ist teils Ebene, teils wellenförmiges, zum Teil sogar von eigentlichen Bergzügen unterbrochenes Hügelland. Seine Lage zwischen dem wasserlosen Sandmeer der Wüste, deren Rand gleichsam seine Nordküste bildet, und den schwer übersteigbaren Hochländern im Süden, verbunden mit dem für Fremde tödlichen Klima, der Wildheit und Raubsucht seiner Völker, machen ehe zu einem der unzugänglichsten Länder, um dessen nähere Kenntnis sich vorzüglich die Reisenden Mungo Park, Laing, Denham, Clapperton, Cailliè und Lander, in neuerer Zeit die Deutschen Overweg, Barth, Vogel, Beurmann, Rohlfs und Nachtigal verdient gemacht haben. Im Norden erhebt sich das Land allmählich zum Wüstenplateau. Weiter im Süden dagegen ist reichliche, zum Teil überreiche Bewässerung und es beginnt ein wahres Kulturland. Der Niger mit seinen vielen Nebenflüssen und der große Tsadsee mit seinen Zuflüssen Schari im Süden und Komadugu im Westen bilden große und reiche Wassersysteme, jener im West⸗, dieser im Ostsudän. In den Landschaften südlich vom Tsadsee liegen die Quellen beider Wassersysteme nahe beieinander. Dort erhebt sich die Mandara⸗ oder Wandalakette bis zu 1000 m. Diese Erhebungslinie bildet anscheinend die Wasserscheide und hat eine durchschnittliche Höhe von 650 m. Jenseit des Binue steigt der Alantika in Adamaua 2900—3250 m hoch empor, erreicht jedoch die Region des ewigen Schnees nicht. Das Klima ist hier, in der Nähe der Wüste und des Aquators, sehr heiß. In der sog. Winterzeit fällt jedoch das Thermometer nachts nicht selten unter den Gefrierpunkt. Diese Temperaturunterschiede, verbunden mit anhaltenden Überschwemmungen und den Ausdünstungen der Sümpfe, verursachen Fieber, die selbst den Einheimischen verderblich sind. Der Boden ist mit reichem Pflanzenwuchs bedeckt. Überall wachsen die mächtigen Adansonien auf den unübersehbaren Grasebenen, erscheinen üppige Tamarinden⸗ und Mimosenwälder, baumartige Euphorbien, die Delebpalme, die Dümpalme, seltener die Dattelpalme, im Osten der Wollbaum. Angebaut werden Weizen, Reis, Mais, Durrahirse, Bohnen und andere Hülsenfrüchte, Zwiebel⸗ und Gurkengewächse, Hanf,‚ Tabak, Baumwolle, Indigo, roter Pfeffer, Koriander u. s. w. Man zieht Rindvieh, Schafe, Esel und Pferde, Zibethkatzen in Käfigen, am Rande der Wüste auch Kamele. Es finden sich hier noch in roßer Menge Elefanten, Rhinocerosse, Flußpferde, Lwen, Panther, Hyänen, Schakals, Strauße, mancherlei andere Vögel mit Prachtgefieder, Fische, Hrord Amphibien und Insekten aller Art, auch drokodile und Schlangen. An Mineralien ist die Ebene arm, viel reicher das Bergland. Am häufigsten kommen Eisen⸗ und Kupfererze vor, seltener Gold, Blei, Zinn, Salpeter und Schwefel; Salz muß aus den Oasen der Wüste eingeführt werden. Die Bevölkerung besteht teils aus alteinheimischen Negerstämmen mit sehr vielen Sprachen, teils aus Fulbe oder Fellata. Sie sind entweder Mohammedaner, die nächst den hier und da vorhandenen Araberkolonien den civilisiertesten Teil der Bevölkerung bilden; oder rohe und wilde Heiden. Neben Ackerbau, Viehzucht und Fischerei treiben die civilisierten CEinwohner mancherlei Gewerbe. Am ausgebreitetsten ist die Verarbeitung der Baumwolle und die Indigofärberei durch die Weiber, auf denen auch die Last der Feldarbeit ruht. Außerdem liefert der westliche S. eine Reihe künstlicher Stoffe, die Sudänstoffe, die in die Oasen der Wüste und selbst auf die Märkte von Marokko kommen. Von geringer Ausdehnung ist der Bergbau und das Hüttenwesen. Der S. hat nach allen Richtungen einen sehr ausgedehnten Ein- und Ausfuhrhandel, besonders nach Norden, der, wie in der Sahara, fast durchgängig durch Karawanen betrieben wird, indem die großen Verkehrsani sich an die im Westen, Süden und Norden anschließen. Zu den wichtigsten Handelsplätzen gehören Segu, Bammaku, Sansandig, Dschinne, Timbuktu, Sokoto, Katsena, Kano, Jakoba, Kuba, Abesche, Fascher. Die Hauptausfuhrartikel sind Baumwolle, Elfenbein, Korkidan oder Rhinoceroshörner, feine Wolle, Straußfedern, Zibeth, Sudängummi (Räucherwerk), Gummikopal, Asa foetida, vorzügliche Senna, Guro⸗ oder Kolonüsse, Kaffee, Paradiespfeffer, Kardamomen, Tamarinden, Eben“ und Sandelholz, Indigo, Häute, blaue und blaugestreifte Baumwollzeuge, Seiden⸗ und Halbseidenstoffe Hem aber Pal Matten, Leder, Lederarbeiten, vor allem aber Palmöl, Gold und Sklaven. Das Gold hat seinen Hauptmarkt im Westen zu Dschinne und Timbuktu, im Osten in Darfor und kommt teils als Goldstaub (Tibber), teils verarbeitet in Ringen und Schmucksachen in den Handel. Für den Sklavenhandel war S. von jeher der Hauptstapelplatz, von wo aus die Ware nach allen Weltegenden versendet wurde. In vielen Teilen des Dauen überwiegt die Zahl der Sklaven die der Freien bedeutend. Die wichtigsten Einfuhrartikel sind: baumwollene Kleidungsstoffe, fast ausschließlich brit. Ursprungs, franz. Seide, Leinwand, alle Arten von feinen Tüchern, nordafrik. Teppiche, wollene Mäntel (Haiks aus Fez), Gürtel von Wolle und Seide, Samt, seidene Taschentücher, Glasperlen, Eisenbarren und Eisenwaren (namentlich auch Flinten und andere Waffen), teils aus England, teils aus Nordamerika, in großer Menge auch aus Deutschland (besonders aus Solingen, über Agypten), viele kleine Schmucksachen, Nürnberger Waren, Papier, Pulver, Blei, Salz, +N7 und zinnerne Gerätschaften, Kämme, gefärbtes Leder und Tabak aus Marokko, Gewürze aus Ost⸗ und Westindien, Kaffee, Kakao, Zucker, Pferde, Kauris (Muscheln) aus Ostindien. Die allgemeinsten Tauschmittel im Handel sind entweder Kauris oder eine Art im Niger bei Timbuktu gefischter Süßwasserschnecken, dann Stücke baumwollener Zeuge und Goldstaub. Als Scheidemünze dienen in den kleinen Reichen längs dem Westrande des Niger Gurunüsse, in Darfur kleine Ringe von Zinn. Hinsichtlich der Verfassung ist in den zahlreichen, an Größe und Macht sehr verschiedenen Reichen oder Sultanaten das Princip der Erbmonarchie in sehr strengen Formen herrschend. Die größten und bekanntesten Staaten, Länder und Ortschaften sind von Westen gegen Osten: Bambara, die Reiche der Fellata, ferner Bornu, Baghirmi, Wadai und Darfor. Im J. 1881 erhob der Mahdi (s. d.) im östlichen S. die Fahne des Aufstandes, und im Winter 1882/83 konnte die ägypt. Regierung diese Bewegung augenscheinlich nicht mehr bewältigen, nachdem im Jan. 1883 El Obeid gefallen und der Mahdi dadurch Herr von ganz Kordofan geworden war. Der brit. Oberst Hicks traf 9. März in Chartum ein, übernahm nach einigen erfolgreichen Kämpfen anfangs August den Oberbefehl über die im S. stehenden Truppen und zog im September gegen El Obeid, wurde aber 3. Nov. 1883 bei Kaschgil nach dreitägiger Schlacht mit seinem ganzen Heere vernichtet. Während im Osten die Araber unter Osman Digma sich der Bewegung anschlossen und brit. Truppen Massaua und Suakim besetzten, drang der Mabdi an den Nil vor und besetzte Anfang Juni 1884 Berber. Nur Chartum und einige kleine Plätze (Kassala, Sinkat, Tokar) wurden von den ägypt. Garnisonen gehalten, doch fielen auch diese bis auf Chartum, nachdem Baker Pascha von Osman Digma beim Brunnen El Teb 4. Febr. 1884 eine Niederlage erlitten hatte. Hierdurch gelangte der Aufstand in den Besitz beträchtlicher Vorräte an Geschütz, Waffen und Munition, auch rer 30 sich ägypt. Offiziere und Soldaten in größerer Zahl der Bewegung an. Die brit. Regierung sendete den General Gordon mit bedeutenden Geldmitteln nach dem S., doch vermochte auch dieser keinen Erfolg zu erreichen. Er traf im Febr. 1884 in Chartum ein und trat als Generalgouverneur des S. an die Spitze der dortigen Verwaltung, organisierte Truppen und hielt durch bewaffnete Dampfer die Linie des Nils offen; aber seine Verbindung mit Agypten wurde bald unterbrochen und er selhst vom Mahdi in Chartum Lar 1884 derwisthen war Osman Digma 13. März 1884 ei Tamanieb von einem brit. Korps unter General Graham unweit der Küste zwar geschlagen worden, hielt aber bald wieder das Feld, sodaß von dieser Seite Chartum nicht entsetzt werden konnte. Da sandte nach langem Zögern die brit. Regierung ein stärkeres Heer unter Lord Wolseley zur Befreiung Gordons aus. Dieses Heer rückte im Nilthal aufwärts n langsam von der ägypt. Grenze über Dongola nach Korti und sendete von dort aus im Jan. 1885 zwei Kolonnen nach Berber, bezw. Metemmneh vor. Die zweite dieser Kolonnen erreichte unter General Stewart (s. d.) den Nil nach blutigen Kämpfen bei Abu Klea und Gubat, erfuhr dort, daß Chartum 26. ᷣ3 bereits gefallen und Gordon getötet sei, und kehrte nach Korti zurück. Die andere Kolonne vermochte Berber nicht zu erreichen und wurde von Lord Wolseley zurückgerufen. Die brit. Regierung gab nach diesen Mißerfolgen die Der ichrie des Kampfes vorläufig auf, und das eer kehrte bis zum Juli nach Oberägypten zurück, während in der Provinz Dongola nur einige Plätze am Nil besetzt blieben. Auch diese wurden bis auf Koscheh und Wadi Halfa später geräumt. Inzwischen war der Mahdi gegen Ende Juni 1885 im Lager von Umdermann (am linken Ufer des vereinigten Nils, unterhalb von Chartum) am Typhus gestorben. Die brit. Regierung sendete inzwischen im März 1885 General Graham von Suakim aus gegen Osman Digma (s. d.) vor, um über Berber nach dem obern Nil und Chartum zu gelangen, doch scheiterte auch dieses Unternehmen vollständig. Der Nachfolger des Mahdi setzte den Kampf fort, hielt Suakim durch die Araber unter Osman Digma eng eingeschlossen und ließ die in der Provinz Dongola stehenden Scharen unter Mohammet el Kheir verstärken. Zwar erfochten die von Assuan und Wadi Halfa aus verstärkten brit. Truppen 30. Dez. 1885 bei Koscheh über die Sudanesen einen Sieg; doch kehrten diese bald wieder nach Agypten zurück, sodaß Dongola und ganz Nubien in der Hand der Aufständischen verblieb. Vgl. Hartmann, Die Nigritiero (Berl. 1876); Nachtigal, Sahara und S.» (2 Bde., Berl. 1879 —81); Wilson und Felkin, Uganda und der ägyptische S.v (2 Bde., Stuttg. 1883); Schweiger-Lerchenfeld, «Afrika (Lpz. 1886).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 345Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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