FeedTacitus (Marcus Claudius)
GeschichteBrockhaus 1882

Tacitus (Marcus Claudius), röm. Kaiser, Aurelians Nachfolger, vom 25. Sept. 275 bis April 276 n. Chr., wurde (in jener Zeit eine einzig dastehende Episode) vom Senat gewählt, dem die Armee nach der Ermordung Aurelians die Ernennung überließ. Er war ein Lochuedosehener Mann, zeigte den besten Willen, konnte aber — wie er überhaupt die Krone nur mit Widerstreben angenommen hatte — mit seinen 75 J. nur wenig mehr ausrichten. Er starb in Kleina ien, wo er gegen Alanen und Goten glücklich kämpfte, nach Ablauf von nur 200 Tagen im Pontus, nach der Sitte dieser Zeit von Soldaten ermordet. Sein Bruder, der Gardepräsekt Florianus, der ihm folgte, wurde schon drei Monate nachher von seinen Truppen, die sch „I nicht gegen den in Syrien als Kaiser aufgestellten r Probus fechten mochten, zu Tarsos getötet. T. lei⸗ „ütete sein Geschlecht von dem Geschichtschreiber Cornelius Tacitus ab, ließ deshalb dessen Werke in allen Bibliotheken aufstellen und sorgte für zahl⸗ „reiche Vervielfältigung derselben. ; Tacitus (Cornelius), der größte röm. Geschichtschreiber, geb. um 55˙n. Chr. Ein Zusammenhang seiner Familie mit dem alten Adelsgeschlecht der Cornelier läßt sich nicht nachweisen. Nach Keingehenden rhetorischen Studien, noch unter Bespasian, wurde er, nachdem er sich im J. 78 mit der Tochter des Gajus Julius Agricola (s. d.) vermählt hatte, unter Titus 80 oder 81 Quästor und dann unter Domitian Tribun oder Adil. Im J. 88 war er Prätor, 98 unter Nerva Konsul. Zwischen Prätur und Konsulat scheint er außerhalb Roms mit der Verwaltung einer Provinz beschäftigt gewesen zu sein. Aus späterer Zeit weiß man nur, daß er als Sachwalter thätig war. Das Jahr seines Todes ist ungewiß, fällt aber nicht vor 117. Von den ihm zugeschriebenen Schriften rühren unbestritten vier von ihm her, nämlich «Agridie unter Nerva und Trajan geschrieben sind. Die Autorschaft der fünften unter seinen Werken erscheinenden Schrift, des Dialogus de oratoribusd, ist bestritten; doch sprechen uberwiegende Gründe dafür, daß sie dem jugendlichen, noch nicht mit eigenem fertigen Stil schreibenden T. zuzuweisen ist. Durch alle diese Schriften geht ein Zug der Opposition gegen seine Zeit, die fortwährend, direkt oder indirekt, an der als Ideal vorschwebenden republikanischen Vergangenheit gemessen wird. Der Dialogus de oratoribuso ist von der Tendenz eingegeben, den Auswüchsen der zeitgenössischen Beredsamkeit die großen Redner der Republik als Muster vorzuhalten. Die Schrift &De vita et moribus Julii Agricolaen, geschrieben 98, sollte zunächst dem Schwiegervater, dessen Tod nicht undeutlich dem Domitian schuld gegeben wird, ein Denkmal setzen. Indem aber T. einem Manne, der an sich nicht besonders hervorragend war, eine Biographie widmet, welche für diese Schriftgattung mustergültig ist, hatte er den weitern Zweck, zu zeigen, wie es einem wackern Manne möglich sei, unter einem Despoten zu dienen, ohne seine Würde und Unbescholtenheit zu verlieren. Das Buch De origine, situ, moribus ac populis Germanorumo, ursprünglich wohl kürzer De situ Germaniaes, die älteste Beschreibung Germaniens und der Germanen, geschrieben ebenfalls im J. 98, macht zunächst nur den Anspruch, eine ethnolog. Schilderung dieses für Rom so wichtigen Grenzlandes zu geben; aber das Bild unverdorbener Kraft und reiner Sitte, das darin den Zeitgenossen vorgegalten wird, ist zugleich ein Gegenbild gegen die Sittenlosigkeit des damaligen röm. Lebens. Die dach Inhalt, Umfang und Stil bedeutendsten Werke sind die unter Trajan geschriebenen 4Histoiaen und «Libri ab excessu divi Augustio oder Annales o, zusammen 30 Bücher, von denen auf ie Historiend 14, auf die Annalens 16 kamen. Eralten sind von den «Historieno nur Buch 1 bis 5, 26, on den «Annalenꝰ Buch 1—4, von 5 die ersten Kaitel, von 6 der größte Teil, ferner Buch 11 (aber hne den Anfangj bis 16, 25. T. wollte ursprüngch die Regierungen von Neros Sturze bis Trajan hildern, zum Gedächtnis der frühern Knechtschaft und des gegenwärtigen Glücks, befaßte sich aber den »Historien in Wahrheit nur mit der Zeit vond 69 bis 96, von denen der erhaltene Teil sogar nur die J. 69 und 70 begreift. Statt der Fortsetzung riff er in den Annaleno auf die Zeit von Tiber bis Rero zurück, wählte also statt der glücklichern Zeiten die besonders unglücklichen, und hat in ihnen in dem erhaltenen Teile in den Regierungen des Tiberius, Claudins und Nero ein Gemälde des Despotismus von typischer Bedeutung geliefert. Der hervorragende Charakter des litterarischen Stils des T. liegt in der gedrängten Kürze voll, starker Pointen und in der Vorliebe für poetische“ Ausdrücke. Die Komposition ist wahrhaft dramatisch. In Bezug auf histor. Glaubwürdigkeit hat T. bis in die neuere Zeit als unbedingt zuverlässig und als Norm des Urteils gegolten. Neuerdings aber wurde er angefochten, zuerst von Napoleon I., dem Niebuhr teilweise beistimmt hinsichtlich des Tiberius, ebenso von Sievers, Ad. Stahr, teilweise von Höck, ferner von dem engl. Darsteller der Kaisergeschichte, Merivale. Man wirft dem T. Parteilichkeit vor, weil er allen Haß des den Kaisern feindlichen Senats und alle Vorliebe für eine durch ihre eigene Schuld untergegangene Vergangenheit in sich getragen habe. Ein unbefangenes Urteil muß zugeben, da allerdings nicht sowohl auf gründliche objektive kritische Erforschung der Thatsachen aus den ersten Quellen bedacht gewesen ist, sondern mehr nur das schon litterarisch vorhandene Material als geistvoller Denker und Meister der Darstellung verarbeitet hat, und daß er hauptsächlich das Verhältnis der Kaiser zu den aristokratischen Kreisen in der Stadt Rom, vor allem das zu dem ionstitutionellen und republikanischen Faktor der augusteischen Verfassung, dem Senat, ins Auge gefaßt hat. Die kritische Forschung mußte oftmals zu andern Resultaten kommen, und der Historiker muß vielfach andere Urteile fällen, als die sind, die T. von seinem politischen Standpunkt und seiner Denkweise überhaupt aus gefällt hat. Aber nichtsdestoweniger sind seine Geschichtswerke Meisterwerke ersten Ranges, ausgezeichnet durch Tiefe der Gedanken, Schärfe der Charakterzeichnung, kunstvolle Komposition, und ergreifend durch das tiefe Pathos des Verfassers. T. wurde schon von den nächsten Generationen nach ihm wenig gelesen und ebenso wenig im Mittelalter. Deshalb ist auch für die «Historieno nebst dem zweiten Teil der Annaleno und für den ersten Teil der Annaleno je nur eine Handschrift (ietzt in Florenz) aus dem frühern Mittelalter erhalten, aus denen dann alle spätern Handschriften geflossen sind. Neuere Gesamtausgaben sind die von Bekker (2 Bde., Lpz. 1831), Walther (4 Bde., Halle 1831 —33), Ritter (4 Bde., Lpz. 1848, in einem Band, 1864), Orelli (mit ausführlichem Kommentar, 2 Bde., Zür. 1846 — 48: Bd. 1, 2. Aufl., 1859; Bd. 2 erscheint in 2. Aufl. von Schweizer-⸗Sidler, Andresen, Meiser seit 1877), Halm (4. Aufl., 2 Bde., Lpz. 1883), Nipperdey (4 Bde., Berl. 1871—76). Deutsche übersetzungen sind unter andern vorhanden von Baur, trodtbeck und Teuffel (3 Bde., Stuttg. 1856 —58) und Roth (2. Aufl., 3 Bde., Stuttg. 1868). Von Ausgaben der verschiedenen Werke mit erklärenden Anmerkungen sind folgende hervorzuheben: von den »Annalen » die von Nipperdey und Andresen (Bd. 1, 8. Aufl., Berl. 1884; Bd. 2, 4. Aufl. 1880); von den «Historien die von Heräus (Bd. 1, 4. Aufl., Lpz. 1885: Bd. 2, 3. Aufl. 1884): vom „Dialogusv die von Andresen (2. Aufl., Lpz. 1879), vom Agricolas die von Wex (Braunschw. 1852), Kritz (3. Aufl., Berl. 1874), Dräger (4. Aufl., Lpz. 1884), von der „(Germanias die von Kritz (4. Aufl., von Hirschfelder, Berl. 1878), Baumstark (2 Bde., Lpz. 1875—80), Holtzmann ((German. Altertümere, mit Text, übersetzung und Erklärung von T. Germaniay, herausg. von Holder, Lpz. 1873) und die Ausgabe ohne Anmerkungen «„Cum aliorum veterum auctorum locis de Germania praecipuiso von Müllenhoff (Berl. 1883). Ein Lexicon Taciteumo geben Gerber und Graef heraus (Lpz. 1876 fg.). alüber Syntar und Stil des T.v handelt Dräger (. Aufl., Lpz. 1882). Vgl. noch Hoffmeister, „Die Weltanschauung des T.» (Essen 1831); Urlichs, KDe Taciti vita et honoribuso (Würzb. 1879. Taena, eigentlich San-Pedro de Taena, Hauptstadt des bis 1893 unter chilen. Verwaltung stehenden Depart. Taena der südamerik. Republik Peru, in hübscher Ebene links am Tacna, 1128 km von Lima und 168 Km von La Paz gelegen. Die 1605 von Bewohnern von Arequipa gegründete Stadt zählt (1876) 7738 E., hat eine hübsche Hauptkirche, ein Hospital, ein Departements⸗-Obergericht und eine Bank und ist durch eine 62,5 Em lange Eisenbahn mit dem Hafenort Arica verbunden. Die Bewohner treiben lebhaften Handel nach Osten hin, da es der Hauptstapelplatz für die Republik Bolivia ist. T. ist Sitz eines deutschen Konsulats. In der Schlacht bei T. 26. Mai 1880 wurden die Peruaner und Bolivianer durch die Chilenen besiegt, worauf letztere am 7. Juni die Festungswerke des Hafens Arica erstürmten. — Das Departement Tacna zählt auf 53000 km 28 300 E.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 440Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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