FeedTallien (Jean Lambert)
ReligionBrockhaus 1882

Tallien (Jean Lambert), franz. Revolutionär, geb. zu Paris 1769, war Notar und ward dann bei der Redaction des Moniteuro angestellt. Im J. 1791 gab er im Maratschen Stil den Ami du citoyeno heraus. In der Nacht zum 10. Aug. 1792 wurde er Sekretär des revolutionären Gemeinderats. Wenige haben an den Septembermorden so viel Anteil gehabt als T., der Verfasser des vom 3. Sept. datierten Aufrufs an die Provinzen. Das Departement Seine-⸗Oise wählte ihn in den Nationalkonvent, wo er im Prozeß des Königs auf den Tod ohne Aufschub und Appellation drang. Am —.— der Hinrichtung wurde T. zum Präsidenten der Versammlung ernannt. Drei Monate später erhielt er eine Sendung in die gegen den Konvent empörten Departements des Westens, wo er gegen alle Verdächtigen aufs ärgste wütete. Sodann schickte man ihn nach Bordeaux. Hier lernte er Ende 1793 in den Gefängnissen eine schöne Frau, Madame de Fontenay, spätere Fürstin Chimay (s. d.), kennen. Er befreite seine Geliebte und führte seitdem die blutigen Dekrete des Konvents weniger streng aus. Die Schreckensregierung rief deshalb T. nach Paris. Robespierre ließ ihn aus dem Jakobinerklub stoßen und veranlaßte aufs neue die Einsperrung der Dame. Während Robespierre auf die vollständige Vernichtung der Partei Dantons, zu der auch T. gehörte, sann, bereitete namentlich letzterer den Widerstand vor. Er war es, der am 9. Thermidor (27. Juli 1794) den Angriff im Konvent eröffnete und durch seine von der Furcht für sich selbst diktierte Energie den Sieg über Robespierre herbeiführte. Nach der Katastrophe vermählte er sich mit Madame de Fontenay und erlangte als das Haupt der sog. Thermidoristen gewaltigen Einsluß. Zum Präsidenten des Wohlfahrtsausschusses gewählt, setzte er zahllose Gefangene in Freiheit, lähmte die Macht des Revolutionstribunals und schloß den Klub der Jakobiner. Er ging hierauf als Kommissar des Konvents zur Armee in den westl. Departements und wohnte der Niederlage der Royalisten auf Quiberon bei. Bei der Errichtung der Direktorialregierung ging er in den Rat der Fünfhundert über, sah 19 aber sowohl von den Republikanern wie von den Royalisten als Verräter behandelt. Er folgte 1798 der Expedition Bonapartes nach Agypten. Hier erhielt er eine Stelle bei der Verwaltung der Nationaldomänen und gab unter dem Titel Décade égyptienned ein Journal heraus. Nach Bonapartes Abgang schickte ihn Menou nach Frankreich zurück. Auf der Überfahrt fiel T. den Engländern in die ände, die ihn nach London brachten, wo ihn die Whigpartei mit Auszeichnung aufnahm. Seine Gemahlin hatte sich inzwischen von ihm gerichtlich scheiden lassen. T. hielt sich nun in Zurückgezogenheit, bis ihm 1805 Fouché und Talleyrand die Stelle eines franz. Konsuls zu Alicante in Spanien verschafften. Infolge einer Krankheit, durch die er auf einem Auge erblindete, mußte er nach Paris zurückkehren und lebte dort von dem Gnadengehalt, das ihm Napoleon bewilligte. T. starb 16. Nov. 1820. H „soviel wie Corypha umbracuifera. Schauspieler der Franzosen, geb. zu Paris 15. Jan. 1763, verlebte seine erste Jugend in England und kam erst im 15. Jahre nach Paris zurück. Nach beendigten chirurgischen Studien ging er wieder nach London, wo er sich mit einigen jungen zur Aufführung dramatischer Stücke verband. ald jedoch ging er nach Paris, um hier die zahnärztliche Praxis zu erlernen, trat 1786 in die neuerrichtete königl. Deklamationsschule ein und erschien am 21. Nov. 1787 als Seide in Voltaires Mahomety zum ersten mal auf dem Theatre Français. Von da an begann er seine künstlerische Bildung mit größtem Erfolg, studierte die Geschichte und brachte besonders in den Kostümen bedeutende Reformen hervor. Als nach dem Ausbruch der Revolution Cheêniers Trauerspiel &Charles IXo auf die Bühne kam, stellte T. diesen König mit so lebendiger Wahrheit dar, daß sein Ruf als erster tragischer Schauspieler begründet war. T. besaß keine ausgezeichnete Persönlichkeit, aber eine regelmäßige Gestalt, eine volle, wohltönende Stimme, und seine zur antiken Form sich hinneigenden Gesichtszüge standen mit seinem klaren Geiste, tiefer Empfindung, lebhafter Phantasie und großer Feinfühligkeit in harmonischer Verbindung. Nie spielte er komische Rollen. I. der Revolution teilten sich die Schauspieler des Theätre Frangais, und T. führte die Direktion der neuen Gesellschaft (de la Rue de Richelieu), bis unter dem Direktorium beide wieder vereinigt wurden. In großem Ansehen stand T. bei Napoleon, der ihn stets mit Auszeichnung behandelte und oft um sich hatte. Auch folgte er dem Kaiser 1808 nach Erfurt und 1813 nach Dresden. Im J. 1817 ging T. nach England, wo er mit Enthusiasmus aufgenommen wurde, sowie nachher in Brüssel. Er starb in Paris 19.Okt. 1826. Seine tiefe Einsicht in das Wesen der Schauspielkunst zeigte er in den „Réflexions sur ekain et sur Part théatral (Par. 1815; neue Aufl. 1875); auch gab er Lekains Mémoiréso heraus. Vgl. Moreau, Mémoires historiques et littéraires sur Frangçois Joseph T. (Par. 1826; 1849 in 4 Bdn. von A. Dumas herausgegeben); Lemercier, Notice biographique sur J.„(Par. 1827). Seine Gattin, Charlotte Vanhove, geb. 10. Sept. 1771 im Haag, als Mademoiselle Vanhove, dann (bis 1794) als Madame Petit-Vanhove und endlich (seit 26. Juni 1802) als Madame Talma bekannt, war ebenfalls eine der größten Schauspielerinnen ihrer Zeit, zog sich aber schon im Sept. 1811 von der Bühne zurück. Sie starh zu Paris 11. April 1860. Man hat von ihr Etudes sur Part théàtrald (Par. 1835).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 455Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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