Tanne (Abies LI.) ist die Bezeichnung derjenigen Nadelhölzer, welche unter den Abietineen die Gattungen Fichte (s. d.), T. oder Edeltanne (A. vera LI.), Hemlockstanne (Tsuga Endl.) und Scheintanne (Pseudotsuga Carr.) bilden. In Norddeutschland, Liv-und Estland nennt man auch die Kiefern (s. d.) T. Die Gattung T. oder Edeltanne (Abies L.) hat gewöhnlich zweiflächige spiralig gestellte, an den Seitensprossen aber zweizeilig ausgebreitete Nadeln, oberseits dunkelgrün, ohne Spaltöffnungen, unterseits mit grünem Mittelkiel und grünen Rändern, dazwischen mit bläulichweißen Streifen von Spaltöffnungsreihen. Die Pollensäcke öffnen sich der Quere nach, die weiblichen Blüten haben lang zugespitzte Fruchtblätter. Zapfen stehen aufrecht; die Fruchtteller lösen sich von der Achse des Zapfens, dieser zerfällt zur Reifezeit, nur die Spindel bleibt noch lange stehen; der Samen ist groß, umgekehrt 2.90 oder keilförmig, mit bleibendem breiten Flügel. Die Edeltanne, Weißtanne oder Tanne (A. pectinata DOC., Pinus picea L., Pinus abies Duroi) ist die in Europa verbreitetste Art der Gattung T. Bei normalem Wachstum ein Baum erster Größe, mit geradem, bis über 65 m hoch werdendem, nach oben wenig abfälligem Stamm, anfänglich pyramidaler, im spätern Alter fast walzenförmiger, oben abgeplatteter Krone, tiefgehender Bewurzelung, anfänglich glatter, grünlichbrauner, später weißgrauer, in dünnen Schuppen abblätternder Rinde, in deren innerer grünen Schicht der Länge nach verlaufende Harzgänge sich finden. Letztere bilden dort, wo sich mehrere kreuzen, Terpentinblasen, die zerreißend Ursache der mit Harz gefüllten Rindenbeulen sind. Die ungleich langen Aste stehen quirlförmig, fast rechtwinkelig Die Nadeln sind 10— 20 mm Polt 2—3 mm breit, kurz gestielt und sitzen ohne Polster glatt auf der Rinde, sind in den untern Teilen des Baums an der Spitze ausgerandet, an den blütentragenden Wipfelästen fast spitzig, am Wipfeltriebe undobern Stammteile in einer nach unten lockerer werdenden Spirale geordnet, nach allen Seiten abstehend, an den Zweigen eng spiralig gestellt und zweizeilig kammförmig ausgebreitet, oberseits glänzend dunkelgrün, unterseits mit zwei breiten silbergrauen Längsstreifen, sie erhalten sich acht bis zehn Jahre lebendig. Die jungen, anfänglich ganz lichtgrünen Triebe entwickeln sich meist Anfang oder Mitte Mai. Zu derselben Zeit blüht die T., aber meist erst vom 60. Jahre an. Die männlichen Blüten sind grünlich, bis 20 mm lang und sitzen edrängt bis ein Dutzend und mehr jede in der 1 chsel einer Nadel auf der Unterseite der letztjährigen Seitentriebe der Krone. Die weiblichen Blüten stehen aufrecht auf der obern Seite unterhalb der Spitze vorjähriger Triebe der dem Wipfeltrieb zunächst stehenden obersten Quirläste, sind walzenförmig, 20—30 mm lang, am Grunde von bleichgrünen, gefransten Deckblättern umhüllt. Die Fruchtblätter ind bleichgrün, verkehrt-eiförmig, gezähnelt, mit langer, weit abstehender Spitze. Der walzige Zapfen wird bis 16 em lang, bleibt aufrecht stehen, über die breit abgerundeten Schuppen ragen die nach abwärts gebogenen Spitzen der Fruchtblätter heraus. Der reife Zapfen zerfällt im Spätherbst, Oltober bis November, die Spindel bleibt noch lange stehen. Die Abbildung auf Tafel: Nadelhölzer, Waldbäume IV, Fig. 2, stellt Abies pectinata dar: 1) Zweig mit männlichen Blüten; 2) weibliche Blüte; 3) vollkommen entwickelte männliche Blüte; 4) Staubgefäße; 5) weibliche Deckschuppe mit der noch kleinen Samenschuppe; 6) reifer Zapfen; )oberer Rand der Zapfenschuppe von außen mit dem zugespitzten Deckblatt; 8) Samenflügel mit dem den Samen haltenden Umschlag; 9) abgeflügelter Samen; 10) Querschnitt; 11) Spitze einer Nadel, links ein Triebstückchen mit Blattstielnarben, 12) Spindel eines Zapfens. Die T. trägt nie so reichlich Samen, wie die Fichte in guten Samenjahren, dagegen weit häufiger, alle 2—5 Jahre. Der Same hält sich nur bis zum nächsten Frühjahr keimfähig, daher oft Herbstsaat. Die Keimpflanze hat 4—8, gewöhnlich 5, den Nadeln sehr ähnliche Kotyledonen. Der erst vom 8. bis 10. Jahre sich stark entwickelnde Höhenwuchs dauert bis zum 200. Jahre, sein Aufhören kennzeichnet sich durch eine storchnestförmige Abplattung der Krone. Die T. ist in einem großen Teile des mittlern und südl. Europa einheimisch, teils waldbildend, teils nur einzeln den Fichten⸗ und Buchenwaldungen beigemischt. Von den westl. Pyrenäen zieht sich ihre natürliche Nordgrenze durch Lothringen und Mitteldeuts land, den Südrand des Harzes berührend, nach Schlesten (51,8), von da nach dem Nordrand der Karpaten, durch m und Bukowina über den Balkan nach dem S hwarzen Meer. Dort ist auch die Ostgrenze. Die natürliche Südgrenze beginnt in Navarra, läuft parallel den Pyrenäen durch die Hochgebirge Cataloniens bis auf den Monseni, berührt Corsica und Sicilien und streift durch Macedonien wahrscheinlich bis nach Klein-Ort der T. im Osten, wohl auch ihr östlichster. Waldbildend ist die T. namentlich in den Pyrenäen, in den Gebirgen Centralfrankreichs, den Vogesen, im Jura, Schwarzwald, Frankenwald, in den Beskiden und Karpaten, in den Apenninen und in Corsica. Den Ebenen und niedern Gebirgen des Südens fehlt die T., am höchsten steigt sie in Sicilien und in den Pyrenäen Aragoniens, bis 1950m; während sie im Thüringerwald, im Erzgebirge, im Riesengebirge nur bis 800 m vorkommt, erreicht sie im Bayrischen Wald, in den Vogesen 1200, im Jura 1500 m. Ihre untere Verbreitungsgrenze liegt in den Pyrenäen Aragoniens bei 950, in den Vogesen bei 600, im Jura bei 500 m. Die T. erreicht ein sehr hohes Alter. Einzelne sehr alte T. haben sich auch in den Kulturwäldern erhalten, so z. B. im sächs.⸗böhm. Erzgebirge 250— 500jährige Bäume, welche hoch über die alten Buchen hinausragen, denen sie beigemengt sind. Die T. liefert gutes Bau⸗ und Nutzholz, doch wird es etwas geringer geschätzt, als das der Fichte. Es ist leicht und weich, etwas schwerer als Fichtenholz und fast ohne Harz. Die T. gehört zu den wichtigsten deutschen Waldbäumen; selbst dort, wo man sie nicht in reinen Beständen erzieht, mischt man sie ihrer größern Sturmfestigkeit wegen gern den Fichten bei, namentlich auch gern den Buchen, deren hohen Umtrieb sie aushält. Ihre Fähigkeit, ein hohes Alter zu erreichen und selbst nach sehr langem Druck im geschlossenen Bestand nach erfolgter Freistellung kräftig zu wachsen, macht die T. sehr geeignet zum überhalten für eine doppelte, selbst dreifache Umtriebszeit. Die Nachzucht der T. erfolgt vorzüglich durch Femelschlagbetrieb (s. d.), namentlich zum Zwecke der Einmischung jedoch auch durch Pflanzung im Freien. Die T. ist während ihres Lebens mancherlei Gefahren ausgesetzt, wenn auch weniger als die Fichte. Frost schadet ihr namentlich in der Jugend, Sturm und Schnee im späten Alter. Unter den Insekten hat sie besonders zu Feinden einen Borkenkäfer (Bostrychus curvidens Germ.), einen Rüsselkäfer (Pissodes piceae II.), einen Kleinschmetterling, den »Tannenwickler (Tortrix histrionana Fri). Dem Verbiß des Rot⸗ und Rehwildes ist die T. so sehr ausgesetzt, daß es bei starkem Wildstand unmöglich ist, junge T. vereinzelt nachzuziehen, obgleich deren Reproduktionskraft größer ist, als die der meisten andern Nadelhölzer. Krankheiten der T. sind die (Hexenbeseno und krebsartige Wulstbildungen, hervorgerufen durch einen parasitischen Pilz (Aecidium elatinum 4/. et Schay.). Von fremdländischen Arten der Gattung Abies sind hauptsächlich zu nennen: die in den Gebirgen Griechenlands heimische A. Cephalonica Lond., welche süddeutsches Klima noch verträgt, sowie ihre Varietäten Apollinis L. und Reginae Amaliae Aeldr.; die in Gärten ihrer schönen Form und dunklen Färbung wegen beliebte A. Nordmanniana Li. aus dem Kaukasus, welche in Mitteldeutschland gut gedeiht, weil sie im Frühling spät treibt, daher weniger von Frost leidet, wie die hier heimische Art; A. Pichta Forb. vom Ural; A. pinsapo Boiss. in Spanien und Nordafrika, mit sehr starren, sperrig abstehenden, stumpf dreikantigen Nadeln; A. balsamea MIII., weit verbreitet in Nordamerika, von Canada bis zu den Alleghanies, vielfach bei uns in Gärten angepflanzt, sie wird selten über 15 u hoch und über 30 J. alt, trägt früh und häufig Sarber ihre Nadeln sind wohlriechend, aus den Harzbeulen der Rinde wird in Amerika sehr feiner Terpentin, der sog. Canadabalsam gewonnen. Die Gattung Hemlockstanne (Tsuga Endl.) hat unregelmäßig zweizeilige, spitze, oben dunkelgrüne, unten bläulichgrüne oder weißliche Nadeln. Die Pollensäcke springen der Länge nach auf. Die weiblichen Blüten sind sehr klein, die Zapfen klein, hängend, die Fruchtteller lösen sich nicht von der Achse, der Zapfen zerfällt daher nicht. Viel in Gärten angebaut findet sich seit Anfang des 18. Jahrh. in Deutschland die canadische oder Schirlingstanne (Tsuga canadensis Michæ., Pinus canadensis L.), heimisch in den kalten Gegenden Nordamerikas, von der Hudsonsbai bis in die Alleghanies verbreitet. Es ist ein zierlicher, höchstens 20—30 m hoch werdender Baum mit unregelmäßiger Krone; die jungen Gipfelzweige und die Seitenäste hängen. Er trägt eirunde, nur 1—2 em lange Zapfen. Sein Holz ist nicht besonders nutzbar, daher ohne Bedeutung für die Waldkultur. Die Gattung Scheintanne (PSeudotsugaCarr.) hat spiralig gestellte, spitze, oben dunkelgrüne, unten konvexe, meergrüne Nadeln. Die Pollensäcke öfsnen sich mit schiefer Spalte. Die Zapfen sind hängend, mit bleibenden Schuppen, zerfallen daher nicht. Die Douglastanne (P. Douglasii Carr.) ist ein prachtvoller Baum, weit verbreitet im nordwestl. Amerika, wo er bei einem Alter von 500 bis 600 Jahren bis 90 m hoch und 5 m stark wird. Neuerdings wird er vielfach in Gärten, versuchsweise auch in deutschen Waldungen angebaut.