FeedLinde (Tilia) ist eine zur 13. Klasse
PflanzenreichBrockhaus 1882

Linde (Tilia) ist eine zur 13. Klasse, 1. Ordnung des Linneschen Systems gehörige Baumgattung, welche mit einigen andern exotischen Gattungen die Familie der Tiliaceen (s. d.) bildet. Die zweizeilig wechselständigen Blätter sind etwas schief, mehr oder weniger herzförmig zugespitzt, langgestielt und haben einen gesägten Rand. Die gelblichen Zwitterblüten, in drei⸗ oder mehrblütigen Trugdolden, in der Achsel eines großen, an den Stiel der Dolde angewachsenen, zungenförmigen, blaßgrünen, netzaderigen Deckblattes. Der Kelch ist fünfblätterig, ebenso die Blumenkrone, die Staubfäden sind langgestielt, zahlreich, die Fruchtknoten obenständig, fünffächerig mit zwei Samenknospen, die Früchte meist fünfkantige, gewöhnlich nur einsamige Kapseln mit harter Schale, welche sich beim Keimen fünfklappig teilt. In Deutschland kommen nur zwei Arten vor: die klein⸗ und die großblätterige L. Die kleinblätterige Linde (T. parvifolia Ehirh., ulmifolia Scop.), auch Stein⸗, Berg- oder Winterlinde genannt, hat unterseits seegrünliche Blätter, die außer einem gelben Bärtchen in den Nervenwinkeln kahl sind. Die Abbildung auf Tafel Laubhölzer: Waldbäume II, zeigt in Fig. 4 die Winterlinde; dargestellt ist ein frei erwachsener Baum, ferner: 1blühender Zweig, rund 3 Blüten, 4 Stempel, 5 Querdurchschnitt des Fruchtknotens, 6 Längsdurchschnitt desselben, 7 Frucht, 8 Längsdurchschnitt derselben, o Längsdurchschnitt des Samens, 10 Triebspitze mit Knospen im Winter, 1 Keimpflanze mit den beiden fünf⸗ oder mehrspaltigen Kotyledonen. Die großblätterige Linde (T. grandifolia“ Hhrh., platyphyllos Scop.), auch Wasser⸗ oder Sommerlinde genannt, hat etwas größere, unterseits blaß-grasgrüne, etwas rauh behaarte Blätter, in den Nervenwinkeln hellere Bärtchen; Blüten und Früchte sind etwas größer, als bei der kleinblätterigen L. Von beiden Arten gibt es zahlreiche Varietäten; merkwürdig ist die sog. Kapuzenlinde auf dem Kirchhofe des von den Hussiten zerstörten Klosters Sedlecz in Böhmen, welche sich durch eigentümliche Verwachsung des Blattes zu einer Art Kapuze auszeichnet. Beide L. bilden einen geraden Schaft, mit in der Jugend glatter, im Alter flachrissiger Rinde, und entwickeln eine starke Pfahlwurzel. Sie erreichen ein sehr hohes Alter, in einzelnen Fällen bis 1000 Jahre. Samenreife findet im Oktober statt, Abfall im November, Keimdauer ist zwei Jahre. Der Verbreitungsbezirk der L., namentlich der kleinblätterigen, ist sehr groß. Diese ist eine osteurop. Holzart, waldbildend im mittlern Rußland, geht nördlich bis Finland und Skandinavien, westlich bis Nordspanien, gehört namentlich dem Flachlande an und steigt im Böhmerwald kaum bis 700 m, in Tirol einzeln bis 1200 m. Lindenwälder gibt es nur noch in Rußland, früher mögen sie in Deutschland und Hsterreich nicht selten gewesen sein, worauf viele slaw. und deutsche Ortsnamen schließen lassen. Die großblätterige L. kommt namentlich in Südeuropa vor, waldbildend im südlichern Rußland (Volhynien u. s. w.), einzeln nicht selten eingesprengt im mitteleurop. Waldgebiet, steigt in den Gebirgen etwas höher als die kleinblätterige L., im böhm.⸗ bayr. Walde und in den Bayrischen Alpen bis 1000 m; im nördl. Europa is sie häufig angepflanzt, aber von Natur nicht heimisch. Das Holz beider L. ist zum Bauen nicht brauchbar, dagegen für Tischler als Blindholz vorzüglich geeignet, ebenso zu den verschiedensten Schnitzarbeiten, es liefert sehr weißen Holzstoff und eine gute Kohle, welche zum Zeichnen (Reißkohle), zum Feinschleifen der Metalle und zur Fabrikation von Schießpulver dient. Die Rinde liefert Bast zu Flechtwerken (Seilen, Tauen, Matten u. s. w.) und zum Binden; diese Bastwaren kommen vorzugsweise aus Rußland in den Handel. Der Bast wird im Frühjahr von 20⸗ bis 30jährigen gefällten jungen L. durch streifenweises Schälen gewonnen; eine 10 mhohe, 30—40 cm starke L. liefert etwa 45 kg Bast, welcher für 10—12 Matten ausreicht. Die Blüten gewähren den Bienen vorzügliche Nahrung, auch bereitet man aus ihnen einen offizinellen, schweißtreibenden Thee. Die L. ist weniger ein Baum des Waldes, obgleich sie diesem keineswegs fehlt, wo sie einen tiefgrundigen, frischen Boden findet, mehr wird sie jedoch als Park⸗ und Alleebaum geschätzt. Häufig findet man nicht bloß die deutschen L. in Gärten, sondern auch die schöne Silberlinde (T. argentea Desf.), welche im Orient und in Ungarn heimisch ist, die nordamerik. Silberlinde (T. alba Ait., heterophylla Vent.), beide Arten ausgezeichnet durch die unterseits silberweißen Blätter; die amerik. T. pubescens Ait. mit großen weißhaarigen Blättern, und die ebenfalls amerik. T. americana L. mit kahlen, beiderseits grünen Blättern. Den alten Deutschen war die L. heilig. Unter einer L. wurden die Gemeindeangelegenheiten beraten, auch auf den Friedhöfen wurde die L. vielfach angepflanzt. Gefahren ist die L. wenig ausgesetzt; obgleich vielfach von verschiedenen Insekten bewohnt, erleidet sie doch selten erhebliche Schäden. Auffallend sind an den Lindenblättern oft die durch eine Milbe (Phytoptus) hervorgerufenen Gallen und filzartigen Gebilde.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 86Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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