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ErdkundeBrockhaus 1882

Taurien, ein Gouvernement in Südrußland, umfaßt die Halbinsel Krim (s. d.) oder TL. im engern Sinne und die mit derselben durch die schmale Landenge von Perekop, welche das sog. Tote Meer im Westen von dem Faulen Meer oder Siwasch trennt, usammenhängende, vom untern Dnjepr ostwärts zis zum Küstenflusse Berda reichende Steppe Noga ind hat ein Areal von 63553 Akm, mit Einschluß des Siwasch, der 2375 akm einnimmt. Während der Süden der Halbinsel Krim ein reizendes, reiches ind gut kultiviertes Bergland bildet, ist ihr nördl. eil und die Nogay eine öde, wasser⸗ und holzarme Steppe, mit salzigem, daher zum Ackerbau untauglichem Boden, dagegen durch weite Grasflächen zur Viehzucht geeignet und auch benutzt, sodaß das Gouvernement einen höchst bedeutenden Viehstand hat. Die Bevölkerung, deren Zahl (1885) auf 964 329 Seelen berechnet wurde, besteht der Mehrzahl nach aus Russen (380000) und Tataren (100000), wozu noch viele Armenier, Juden, Zigeuner, Griechen und andere Europäer, besonders Deutsche kommen, indem sowohl in der Krim wie in der Nogay seit längerer Zeit von der russ. Regierung Ansiedler aus Süddeutichland, der Schweiz, auch Mennoniten aus Preußen herangezogen wurden, die eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Kolonien angelegt haben. Namentlich geschah dies im Kreise Berdjansk und an den Ufern der in das Asowsche Meer fließenden Molotschnaja, wo sie den gemeinsamen Namen des Molotschnaer Kolonistenbezirks führen. In neuester Zeit hat jedoch die Auswanderung der Mennoniten die Zahl der Kolonisten bedeutend gelichtet. Das Gouvernement zerfällt in acht Kreise, von denen Melitöpol, Berdiansk, Aleschki die Nogay, Perekop den Isthmus, Simferopol, Eupatoria, Jalta und Feodosia die Krim (mit Ausschluß von Kertsch nebst Gebiet) bilden. Die Hauptstadt ist Simferopol (s. d.). Außerdem sind bemerkenswerth Bachtschisarai (s. d.), Sewastopol (s. d.), Eupatoria (s. d.), Feodosia (s. d.), Kertsch (J. d.), Jalta (s. d.), Balaklawa (s. d.) und Berdjansk (s. d.) in der Nogay. Die das Gouvernement bildenden Länder, welche in ältern Zeiten Skythen und griech. Kolonisten bewohnten, wurden seit Herodot um 450 v. Chr. nach und nach von miehr als 70 verschiedenen Völkern erobert und verheert. Diese Länder waren unterworfen den Skythen, den griech. Republiken, den Königen vom Bosporus, den Römern, den Sarmaten, dann den griech. Kaisern und am Ende des 12. Jahrh. zum Teil den Genuesern und Venetianern, von denen die erstern die Stadt Kaffa, die letztern die Kolonie Tana begründeten. Im 13. Jahrh. eroberten jene Gebiete die nogäischen Tataren und am Ende des 15. die Türken, die zwar einen eigenen Chan in der Krim bestehen ließen, diesen aber zum türk. Vasallen machten. Seit Ende des 17. Jahrh. drangen die Russen wiederholt in die Krim ein, eroberten dieselbe indes erst 1771 und nötigten die Pforte im Frieden zu Kutschuk-Kainardschi 1774, die Krim als ein völlig unabhängiges Land anzuerkennen, das unter einem von der Nation selbst gewählten Chan stehen sollte. Von jetzt an zogen auch viele rufs. Kolonisten, besonders Saporogische Kosaken, in diese durch ihre Fruchtbarkeit ausgezeichneten Gegenden. Gleichzeitig machte sich der Einfluß der russ. Politik besonders auf die Wahl der einige Zeit noch ziemlich unabhängigen Chane fühlbar. Der Chan Schahin-Gerai, von der türk. Gegenpartei gedrängt, sah sich endlich genötigt, die Krim zu verlassen und eine Zuflucht in Petersburg zu suchen. Derselbe übergab sein Land an Rußland, das daher 1783 die Krim für sein Eigentum erklärte und sie 1784 als eine Statthalterschaft unter dem alten Namen Taurischer Chersones oder Taurisches Gebiet (seit 1802 Gouvernement T.) dem Russischen Reiche einverleibte. Die Pforte aber trat im Jan. 1784 die Krim und ganz T. förmlich an Rußland ab.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 504Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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