Tessin, Fluß, s. Ticino. Teffin (ital. Ticino), der südlichste Kanton der Schweiz, nach dem Flusse Ticino (s. d.) benannt, stößt im N. an die Kantone Wallis, Uri und Graubünden, im O. an Graubünden, im S. und W. an die ital. Provinzen Como und Novara und umfaßt ein Areal von 2818 qkm mit (1880) 130 777 E. Der Kanton gehört zum Gebiete des Po (s. d.), welchem die meisten Gewässer durch den Ticino, die des südlichsten Teils durch die Olona (Lambro) und die Adda zugeführt werden. Das obere T. wird von den Lepontinischen Alpen (s. Alpen 9) eingenommen: den Nordrand bildet die St. Gotthardgruppe mit dem Pizzo Rotondo (3197 m), den Ostrand das Adulagebirge mit dem Rheinwaldhorn (3338 m), den Raum zwischen der Toce und dem Ticino erfüllen die Tessineralpen mit dem Basodine (3276 m) und dem Pizzo Campo Tencca (3044 m). Die wichtigsten Thäler sind die Thalstufen des Ticino, das Blegnothal, das Verzascathal und das Maggiathal. Im Süden des Kantons erhebt sich jenseit des Lago-Maggiore und der Sumpfebene des Ticino das fruchtbare, bewachsene und bewaldete Voralpenland der See-Gruppe (s. Alpen 12) mit dem Monte-Camoghe (2227 m), und dem Monte-Generoso (1695 m). Der äußerste Süden gehört der lombard. Tiefebene an. Von der Bodenfläche entfallen 17,3 Proz. auf Waldungen, 2,8 Proz. auf Weinberge, 46, Proz. auf Acker⸗ und Gartenland, Wiesen und Weiden; 33,3 Proz. sind unproduktiv (Gletscher, Gewässer, Felsen und Schutthalden u. s. w.). Das Klima ist nach der Lage und Höhe sehr verschieden: während das Hospiz auf dem St. Gotthard (2100 m) ein Jahresmittel von —0,6 C., eine Sommertemperatur von + 6,8 und eine Wintertemperatur von — 7½4e C. hat, beträgt für Bellinzona (229 m) das Jahresmittel + 12,5, die Sommertemperatur 21,8 und die Wintertemperatur 4 3,1 bei einer Regenmenge von 1,8 m. Der Boden ist im obern T. (Sopraceneri) in den höhern Lagen arm, die Alpen sind steinig, die Thalsohlen häufigen Lawinen und Steinschlägen ausgesetzt, in den tiefern Lagen durch Verkiesung und Versandung teilweise unfruchtbar geworden. Dagegen zeichnen sich die Ufer des Lago-Mäggiore und das Land südlich vom Monte-Ceneri (Sottoceneri) durch üppigkeit und Mannigfaltigkeit der Vegetation aus. Die Bevölkerung ist meist kath. Konfession (358 Protestanten), lombard. Stammes und mit Aus-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XV. nahme der deutschen Gemeinde Bosco oder Gurin im Val di Campo ital. Zunge. Die Haupterwerbsqauellen sind Landbau, Obst⸗ und Weinbau und Alpwirtschaft, die wichtigsten Produkte Mais, Tabak, Wein, Südfrüchte bei Locarno, Bellinzona und Lugano, Edelkastanien in den Waldungen der Voralpen und der untern Thalstufen, Rohseide. Nach der Viehzählung von 1886 besaß der Kanton 972 Pferde, 812 Esel und Maultiere, 50412 Rinder, 10190 Schweine, 16330 Schafe, 64416 Ziegen, 5216 Bienenkörbe. Außerdem sind zu erwähnen die Zucht von Seidenraupen und Tafelschnecken. Die starke Ziegenzucht ist neben der Raubwirtschaft früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte die Hauptursache des kläglichen Zustandes der Waldungen im Hochgebirge. Der Bergbau liefert Topf- oder Lavezstein im Val Lavizzara, Marmor bei Mendrisio, Granit und Gneis bei Locarno und andern Orten. Handel und Industrie sind unbedeutend; doch haben die Ortschaften der St. Gotthardbahn lebhaften Touristenverkehr und Transit. Faido, Bellinzona und Lugano sind als Viehmärkte bekannt, in Sottoceneri blüht die Seidenspinnerei, in Brissago die Cigarrenfabrikation, im Onsernonethal die Strohflechterei. Etwa 10 Proz. der Bevölkerung wandert alljährlich aus, um in der Fremde ihr Brot als Maurer, Gipser, Straßenarbeiter, Kastanienbrater, Bilderhändler, Cafétiers u. s. w. zu verdienen und mit den erworbenen Sparpfennigen nach mehrmonatlicher Abwesenheit heimzukehren. Alle Hauptthäler werden von guten Straßen durchzogen; der Lago-Maggiore und der Luganersee ben Dampfboote. Die Hauptverkehrsader ist die Sankt Gotthardbahn (s. d.). Die Verfassung ist repräsentativ-demokratisch mit fakultativem Referendum. Der Große Rat, je ein Mitglied auf 1200 CE., vom Volke in 23 Kreisen gewählt, ist gesetzgebende Behörde und wählt den Staatsrat, der aus fünf Mitgliedern besteht. In administrativer Beziehung zerfällt der Kanton in acht Bezirke. An der Spitze jedes Bezirks steht ein Regierungsstatthalter. Jeder Bezirk besitzt ein Bezirksgericht; oberste Instanz ist das Obergericht (neun Mitglieder); über Kriminalfälle urteilen die Geschworenen. Für 1884 waren im Budget des Kantons 2015214 Frs. Einnahmen und 2014957 Frs. Ausgaben vorgesehen. Ständige Hauptstadt ist seit 1881 Bellinzona. In kirchlicher Hinsicht gehört der Kanton nominell zu den ital. Bistümern Mailand und Como, wird aber seit 1885 von einem besondern apostolischen Vikar verwaltet. Klöster existieren sieben, worunter drei Frauenklöster. Das Schulwesen ist vernachlässigt; höhere Lehranstalten sind das Lyceum von Lugano, die Progymnasien von Mendrisio, Lugano, Locarno und Bellinzona und das Lehrerseminar von Pollegio. Große Gelehrte hat das Land wenig hervorgebracht, dagegen hat namentlich das Sottoceneri viele tüchtige Maler, Bildhauer und Architekten aufzuweisen. In militärischer Beziehung gehört T. zum Stammgebiet der 8. Division. Hauptwaffenplatz ist das befestigte Bellinzona. Das Wappen ist ein rot und blau senkrecht geteilter Schild. Im Altertum von den kelt. Lepontiern bewohnt, kam das heutige T. mit der übrigen Gallia eisalpina unter röm., im 5. Jahrh. unter ostgot., im 6. unter longobard., im 8. unter fränk. Herrschaft. Im spätern Mittelalter gehörte der größte Teil den Herzögen von Mailand, Bellinzona den nel 1408 Freiherren von Sax. Das Livinenthal fiel 1403 durch Eroberung an Uri, welches dasselbe in de Schlacht von Arbedo 1422 verlor, 1440 wieder er warb und durch die Schlacht von Giornico 1478 sowie durch den Ewigen Frieden von 1512 in diesen Besitz bestätigt wurde. Das übrige T. kam als ge meine Herrschaft teils an die drei Urkantone, teils die 12 Orte der damaligen Eidgenossenschaft. Di Reformation, welche besonders in Locarno Eingan, gefunden hatte, wurde 1555 durch Vertreibung der Protestanten gewaltsam unterdrückt. Überhaup wurden diese Ennetbergischen Vogteien mit Härtt behandelt, elend verwaltet, ausgesogen und ver. wahrlost. Durch den Umsturz der alten Eidgenossen. schaft 1798 wurde das T. aus seinem Unterthanenverhältnis befreit und, in die Kantone Bellinzona und Lugano geteilt, der Helvetischen Republik einverleibt; durch die Mediation 1803 erhielt es die Stellung eines selbständigen Kantons, der aber erst 1816 durch eidgenössische Besetzung organisiert und mit der Schweiz fest verknüpft wurde. Die Restauration brachte dem Kanton eine repräsentative, faktisch aber aristokratische Verfassung und eine demoralisierte Verwaltung. Noch vor der Julirevolution von 1830 wurde eine Verfassungsreform in gemäßigt demokratischem Sinne und damit die Konstitution vom 4. Juli 1830 zu Stande gebracht. Allein auch unter dieser Verfassung wußte sich die korrupte Partei der frühern Gewalthaber der Herrschaft zu bemächtigen, bis endlich durch eine Revolution 1839 eine neue Verwaltung an die Spitze kam, unter welcher im lange verwahrlosten Kanton einige heilsame Veränderungen, zumal zur Hebung des im höchsten Grade vernachlässigten Unterrichts, durchgesetzt wurden. Von 1839 bis 1873 blieb nun die liberale Partei die herrschende und verfocht mit mehr Eifer und Leidenschaft, als Geschick und Mäßigung den modernen Staat gegen die Ubergriffe und Anmaßungen des sehr zahlreichen und herrschsüchtigen Klerus, dem besonders die neuen nterrichtsgesetze verhaßt waren. Beim Sonderbundskriege 1847 stand T. in der Reihe der bundestreuen Kantone. Bei der Abstimmung von 1872 über Revision der Bundesverfassung gab der liberale Große Rat die Standesstimme im bejahenden Sinne ab, während das Volk die Revision verwarf. Dieser Zwiespalt zwischen Volk und Behörden wies auf einen Umschwung der polit. Gesinnung hin, der sich 1873 durch die Wahl eines überwiegend ultramontan-konservativen Großen Rats noch schärfer aussprach. Seither ist der Kanton der ultramontanen Richtung treu geblieben; die Bundesrevision von 1874 wurde vom Volke wie von den Behörden verworfen. Liberale Beamle und Lehrer wurden ohne Rücksicht auf die gesetzliche Amtsdauer entlassen, die beclo Schulstellen durch Priester besetzt, ja 1879 beschloß der Große Rat sogar, den Kapuzinerklöstern wieder die Aufnahme neuer Mitglieder zu gestatten und 1885 überlieferte er den Kanton durch die Aufhebung des Kirchengesetzes gänzlich dem Klerus. Erbitterte Parteikämpfe werden fortwährend von beiden Seiten mit der gleichen Leidenschaftlichkeit und Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel geführt. Das Volk ist arm, durch jahrhundertelange Mißregierung heruntergekommen und steht unter dem Einfluß einer ebenso anmaßenden wie unwissenden Geistlichkeit. Ein eigentlicher Krebsschaden ist ferner die sehr große nzahl von Advokaten und Notaren, die am Marke des Volks zehren helfen und aus der Politik ein erGewerbe machen. In keinem Kanton gibt es so r- viele polit. Verbrechen und Prozesse wie im T. und 8, zweimal in dem letzten Jahrzehnt, 1876 bei dem m sog. Stabiohandel (s. Stabio) und 1885 führten solche zur eidgenössischen Intervention. Vgl. Fransnceini, Der Kanton T.„ (St. Gallen 1835); Osenbrüggen, «Der Gotthard und das T.v (Bas. 1877). Vorrichtung, besteht aus einer eisernen, mit Mergel ausgeschlagenen Schale, in welcher das Silber unter einer Schicht von Holzkohlen vor dem Gebläse eingeschmolzen wird. Wegen unvermeidlich großer Verluste an Silber wird das Feinbrennen auf dem T. wohl kaum noch ausgeführt.