Thian-schan, d. i. Himmelsgebirge, Tengri-Tägh, d. h. Geisterberg, bei den Osttürken genannt ist der Name einer mächtigen, sich zwischen 40—44 nördl. Br., von 73 bis gegen. 957 östl. L. von Greenwich, von W. nach ONO. hinziehenden Gebirgskette in Innerasien. Ihr westl. Anfang liegt an der Kreuzungsstelle des Meridians des Obischen Meerbusens mit der Parallele des Ursprungs des Flusses Hoangho: ihr östl. Ende erstreckt sich bis östlich von der Stadt Hami am Westende der Wüste Gobi (s. d.). Der westl. Teil des T. bildet die Grenzscheidung zwischen Thian-schan-Pelu, d. h. der chines. Dsongarei (s. d.), und Thianschan-Nanlu, d. h. Ostturkestan. In der östl. Hälfte dieses Gebirges sollen nach chines. Schriftstellern vulkanische Erscheinungen stattfinden, wie z. B. der angeblich noch thätige Vulkan Hotscheu unter 20 östl. L. von Greenwich und 222 km weiter westwärts von ihm die Solfataren von Urumtsi. Noch weiter westwärts breitet sich das Gebirge mehr aus und erhält den Namen Khatun-Bogda-O'ola. In der Nähe der Stadt Kutscha, gegen N., unter 30/ östl. L. soll ein zweiter Vulkan, Po-schan, auch Ho-schan genannt, gelegen sein. Noch weiter westlich liegt der Mussartpaß und ein erst 1856—57 durch P. von Semenow und 1860 von Wenjukow näher erforschtes Alpenland. Etwa 75 EKm vom Mussartpaß, im Südosten von dem nördlich von dem T., schon auf russ. Gebiet gelegenen See Issykkul, erhebt sich der T. im Tengri-Chan, d. i. Geisterkönig, bis zu 6660 m Höhe. Noch weiter westlich spaltet sich der T. in eine nördliche, zahllose Alpenwasser in den Issyk-kul ergießende und eine südliche, ihrer Schnee⸗ und Eismassen wegen Mustagh genannte Kette. Die erstere macht im Südwesten des Sees eine Biegung gegen Nordwesten über den Koschkarpaß hinaus bis zu einem etwa 80 km im Westen des Sees gelegenen Schneegipfel, an dem sie mit dem an der Nordseite des Ili sich nach Süden erstreckenden Ala-taugebirge zusammentritt, sodaß letzteres nur als eine Abzweigung des T. und der Issyk-kul (s. d.) nur als ein von den Ketten des Thian-schan-Systems umschlossenes Wasserbecken erscheinen. Von den erwähnten Schneegipfeln streicht gegen Westen, zwischen den Thälern zweier Steppenflüsse, des dem Alatau entströmenden Tschu und des Talas, ein langer Bergzug, das Alexandersgebirge der Russen, bis zur Ortschaft Aulia-Ata (Talas). Südlich von diesem und ihm parallel zieht auf der Wasserscheide des Talas und des Syr-Darja der Urtak-Tau, welcher einerseits gegen Südwesten den Kyndyr-Tau bis gegen Aien Rord hin, andererseits einen längern Zweig gegen Nordwesten entsendet, der mit dem Kara-Tau unter 44½% nördl. Br. und 67 20 östl. L. von Greenwich, südlich unweit vom Saumal-Köl, dem Mündungssee des Tschu, endet. Die Südkette des T., im Süden des Issyk-kul auch Temurtu-Tau genannt, zieht zunächst auf der Grenze von Khokand und China als Terek-Tau nördlich am Kaschgar vorüber und verwächst weiterhin als Kiptschak-Tau mit dem turkestanischen Pamirplateau. Von der ungeheuern Längenausdehnung des T. ist nur eine unverhältnismäßig kleine Strecke wissenschaftlich untersucht. Am Gletscherberge Tengri-Chan liegt die Schneegrenze an dessen Nordabhange 3840 m, die Höhe des untersten Gletschers beträgt 3000 m, die Baumgrenze 2500 m, die des höchsten Passes, des berühmten chines. Gletscher⸗ oder Mussartpasses, 4000 m hoch über dem Meere. Letzterer führt durch ewigen Schnee und über einen Gletscher (Dschepawle) des Hauptkamms aus dem Tekes⸗ oder obern Ilithale nach Pai und Aksu in Turfan. Der Paß ist sehr schwierig, kann aber mit Kamelen bereist werden. Von ihm ostwärts bis zur Gruppe des Bogdo-O'ola gibt es weiter keine Gebirgspässe. Was die Passagen im westlichen T. betrifft, so bildet das Himmelsgebirge im Westen des Flusses Aksu bis um Meridian von Kaschgar ein weites Bergland, n Syrt der Kirgisen. Dasselbe hat etwa 116 km im Durchmesser, wird von hochgelegenen Längenthälern durchschnitten, ist waldlos, für Kultur unfähig, mit niedrigem, aber dichtem Gras bewachsen und dient den Kirgisen als Sommerlager. Über den Syrt führen mehrere, sämtlich mit Kamelen zu bereisende Karawanenstraßen. Westlich vom Meridian von Kaschgar, wo sich der T. in mehrere Aste zerteilt, sind die Berge mit Wald bestanden, die Flußthäler fruchtbar, aber tief eingefurcht und daher die Zugänge steiler. In diesem Striche gibt es mehrere Saumwege, aber nur eine wirkliche Handelsstraße, aus dem Thale von Ferghana (Khokand) über Osch nach Kaschgar, durch den Paß Terekty-Dawän oder Derwaza-Dawän-Terek, den die Russen die Kaschgarische Schlucht nennen. Diese Terekstraße hat Überfluß an Brennmaterial und Futter für Lasttiere. Auf ihr fand im Altertum der Handelsverkehr zwischen Westasien und China statt; über sie zogen auch die Horden, die aus der Mongolei in Turan eindrangen. Vgl. Sewerzow, „Erforschung des Thian-schan-Gebirgssystems 18675 (2 Hefte, Gotha 1874—75).