FeedThiersch (Friedr. Wilh.)
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Thiersch (Friedr. Wilh.), einer der verdientesten neuern deutschen Humanisten, geb. 17. Juni 1784 zu Kirchscheidungen bei Freiburg a. d. U., widmete sich, auf der Schule zu Naumburg und Pforta vorbereitet, seit 1804 in Leipzig vorzugsweise theol., zugleich aber auch philol. Studien. Seit 1807 setzte er dieselben zu Göttingen fort und erhielt daselbst bald eine Lehrerstelle am Gymnasium, nachdem er noch zuvor sich 1808 bei der Universität habilitiert hatte. Schon 1809 wurde er als Professor an das neu eingerichtete Gymnasium zu München berufen. In dieser Stellung entwickelte er die ihm eigentümliche Kraft, durch welche er der Begründer der philol. Studien in Bayern (praeceptor Bavariae) geworden ist. Bei den damaligen, von Christoph von Aretin ausgehenden Streitigkeiten und Parteiungen gegen die angestellten Ausländer lenkte T. den Zorn durch seine Schrift «Uber die angenommenen Unterschiede zwischen Süd⸗ und Norddeutschland⸗ (Münch. 1810) auf sich, und es ward angenommen, daß ein Mordversuch, den man auf ihn machte, damit in Zusammenhang gestanden habe. Fast noch inmitten dieser Anfeindungen stiftete er ein philol. Institut, das 1812 mit der Akademie und bei Verlegung der Universität nach München mit dieser vereinigt wurde. Auch gab er die Acta philologorum Monacensiumo (Bd. 1—4, Münch. 1811— 29) heraus. Wie er sich 1813 bei dem Befreiungskampfe mannigfach wone Teilaatz so bewies er auch bald darauf die wärmste Teilnahme für die Wiedergeburt Griechenlands und hatte bedeutenden Einfluß während seines Aufenthalts in Griechenland 1831 und 1832, wo er namentlich dazu beitrug, eine günstige Stimmung für Deutschland, besonders für Bayern, hervorzurufen. Hierauf bezieht sich das wichtige Werk De L'état actuel de Ia Grèce et des moyens d'arriver à sa restauration (2 Bde., Lpz. 1833). Seine wissenschaftlichen Bestrebungen für allseitige Aufhellung des Altertums bekunden unter anderm die «Griech. Grammatik, vorzüglich des Homerischen Dialekts (3. Aufl., Lpz. 1826), von der ein Auszug als «Schulgrammatikv (4. Aufl., Lpz. 1854) erschien; ferner die Bearbeitung des Pindar (2 Bde., Lpz. 1820) und die Schrift Über die Epochen der bildenden Kunst unter den Griechen (2. Aufl., Münch. 1829). Über eine 1822 unternommene Reise nach Italien berichtete er unter anderm in den mit Schorn, Gerhard und Klenze herausgegebenen «Reisen in Italiend» (Bd. 1, Lpz. 1826). Ferner schrieb er: aüber gelehrte Schulen, mit besonderer Rücksicht auf Bayern» (3 Bde., Stuttg. u. Tüb. 1826—37) und allber die neuesten Angriffe auf die Universitäten (Stuttg. u. Tüb. 1837). Der Schulplan für die bayr. Gymnasien und lat. Schulen, den T. mit Schelling 1829 entworfen hatte, kam nur in verkümmerter Gestalt zur Ausführung. Einen heftigen Streit entzündete T. durch die Schrift aliber den gegenwärtigen Zustand des öffentlichen Unterrichts in den westl. Staaten von Deutschland, in Holland, Frankreich und Belgien» (3 Bde., Stuttg. u. Tüb. 1838), welche namentlich an von Linde, Diesterweg, Schnitthenner u. a. heftige Gegner fand. Im J. 1837 veranlaßte er bei dem Universitätsjubiläum zu Göttingen die regelmäßigen Versammlungen der Schulmänner und Philologen. Seit dem Antritt des Ministeriums Abel verlor T. die Gunst des Königs Ludwig. aun Rarm ihn schon seit 1839 der damalige Kronprinz Maximilian in seine Nähe gezogen, nach dessen Thronbesteigung (1848) er noch einen heitern Lebensabend genoß. T. starb 25. Febr. 1860. Viele Abhandlungen von ihm enthalten die Denkschriften der münchener Akademie der Wissenschaften, deren Präsident er 1848 wurde. Vgl. seines Sohnes Heinr. Thiersch: «Friedrich T.s Lebene (2 Bde., Lpz. 1866). Ein jüngerer Bruder von ihm, Bernhard T., geb. 26. April 1794 zu Kirchscheidungen, wirkte seit 1817 als Oberlehrer zu Gumbinnen, seit 1818 zu Lyck in Ostpreußen, seit 1823 am Gymnasium zu Halberstadt, bis er 1832 die Direktion des Gymnasiums zu Dortmund erhielt. Er starb emeritiert zu Bonn 1. Sept. 1855. Als gelehrter Philolog hat er sich durch Untersuchungen aüber das Zeitalter und Vaterland des Homer⸗(2. Aufl., Halberst. 1832), sowie durch seine mit F. Ranke begonnene Ausgabe des Aristophanes (Bd. 1 u. 2, Lpz. 1830) einen Namen erworben. Auch ist er bekannt als Dichter des Preußenliedesv.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 639Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 1

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Sagen & Mythen 6