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Sagen & MythenBrockhaus 1882

Thomas (aramäisch, soviel wie Zwilling, grch. Didymos) ist der Name eines der zwölf Jünger Jesu. Das vierte Evangelium berichtet von ihm, daß er bei der ersten Erscheinung des Auferstandenen unter seinen Jüngern nicht zugegen gewesen sei und den Erzählungen der andern nicht eher Glauben geschenkt habe, als bis Jesus auch ihm selbst erschien und ihn aufforderte, die Hände in seine Wundmale zu legen. Daher gilt er in der kirchlichen überlieferung als Typus der Schwergläubigkeit und der Zweifelsucht. Nach den apokryphen »Akten des T.» führte er den Namen Judas T., wurde von Christus als Sklave nach Indien verkauft, wo er dem König Gundaforus einen Palast erbauen sollte, aber die ihm dafür übergebenen Schätze verwendete, um den Armen Gutes zu thun. Als der König dies erfuhr, wollte er ihn hinrichten lassen, bis er auf wunderbare Weise erfuhr, daß T. ihm von jenen Schätzen einen Palast im Himmel erbaut habe. Nach derselben Legende wurde T., nachdem er viele Wunder gethan und eine große Menge zum christl. Glauben bekehrt hatte, auf Befehl eines Königs Mesdeus durch die Lanzen von vier Soldaten durchbohrt. Die Nachrichten der Kirchenväter sind von dieser Legende abhängig. Die Acta Thomaey sind von Thilo (Lpz. 1823), Tischendorf (&Acta Apostolorum Apocryphao, Lpz. 1851), im syr. Text mit engl. übersetzung von Wright (Apocryphal acts of the Apostleso, 2 Bde., Lond. 1871), zuletzt in vollständigem griech. Texte von Bonnet (Supplementum codicis apocryphio, Lpz. 1883) herausgegeben worden. Die ind. Christen, welche mit der syr. Kirche in Verbindung standen und seit dem 5. Jahrh. von der Reichskirche als Nestorianero (. d.) getrennt wurden, betrachteten ihn als den Stifter ihrer Kirche und nannten sich nach ihm Thomaschristen. Auch die pers. Nestorianer erklärten sich für Schüler des Apostels TZ. Dem Apostel T. wird auch ein «Evangelium infantiae Christis (daher auch Evangelium secundum Thomamo genannt) zugeschrieben, welches die Lücken der evang. Geschichte für die Zeit von der Kindheit bis zum Auftreten Jesu auszufüllen sucht, doch stets als apokryph galt (abgedruckt in Tischendorfs Evangelia Apocrypha, 2. Ausg., Lpz. 1876). Ihm ist in der röm. Kirche der 21. Dez., in der griech. Kirche der erste Festtag des mit Ostern beginnenden Kirchenjahres(Thomassonntaggenannt) geweiht. In Abbildungen sieht man T. mit einem Winkelmaße und einem Lineale oder auch mit einer Meßschnur. Vgl. Lipsius, «Apokryphe Apostelgeschichtens (Bd. 1, Braunschw. 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 643Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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