FeedThrazien (grch. Godan, lat. Thracia)
ErdkundeBrockhaus 1882

Thrazien (grch. Godan, lat. Thracia), ein geogr. Name, der zu verschiedenen Zeiten verschiedene Bedeutung hatte. In der frühesten Zeit bezeichnete man damit den ganzen Norden Europas oberhalb Griechenlands mit Einschluß von Macedonien im Süden und Skythien im Norden, daher Herodot die Thrazier für das größte Volk der Welt nächst den Indern erklärt. Insbesondere wird die am nördl. Fuße des Olympos gelegene, zu Macedonien gehörige Landschaft Pieria als der Wohnsitz eines thraz. Stammes, der Pierischen Thraker, bezeichnet, welche von dort aus auch in verschiedene Landschaften von Hellas eindrangen und gewisse Kulturelemente, insbesondere Gesang und Musendienst, mitbrachten. Später beschränkte man den Namen T. auf das Land zwischen der Macedoniens und dem Ister (Donau), das im O. durch den Pontos Euxeinos (das Schwarze Meer) und den thraz. Bosporus (Straße von Konstantinopel), im S. durch die Propontis (Marmarameerh, den Hellespont (die Dardanellenstraße), das Agäische Meer und das nördl. Grenzgebirge Macedoniens, im W. durch den Fluß Strymon und die Wohnsitze der illyrischen Völkerstämme begrenzt wird, ein Gebiet mit einem Flächenraum von etwa 220000 akm. In der röm. Kaiserzeit endich wurde der Name Thracia auf den südöstlichsten Teil des alten T. südlich vom Hämos (Balkan) beschränkt, der nördlichere Teil aber Mösia (s. d.) genannt. Unter den Gebirgen des Landes ist außer dem genannten Hämos das südlich davon gelegene Rhodopegebirge (ietzt Despoto-Dagh), eine breite, bis zur Höhe von 2300 msich erhebende Gneis⸗ und Granitmasse, das bedeutendste. Der im südwestlichsten Teile des Landes, zwischen den Mündungen der Flüsse Strymon und Nestos gelegene Pangäos war im Altertum durch seine Gold⸗ und Silberbergwerke berühmt. An den Küsten T.s waren von den Griechen frühzeitig zahlreiche, zum Teil sehr blühende Pflanzstädte angelegt worden; so an der Südküste, zwischen der Mündung des Strymon und dem Golf Melas, die Städte Amphipolis, Abdera, Dikäa, Maroneia, Mesembria, und in der Nähe der Mündung des Hebros, des bedeutendsten aller thraz. Flüsse (jetzt Maritza) Aenos; an der Propontis Perinthos und Selymbria; am thraz. Bosporus Byzantion (s. Byzanz); an der Westküste des Schwarzen Meers bis zu den Donaumündungen Apollonia, Odessos, Kallatis, Tomoi und Istros. Die 75 kmelange und gegen 15 Em breite Halbinsel zwischen dem Golf Melas und dem Hellespont, die von den Alten die Thrazische Chersonesus genannt und als ein Teil T.s betrachtet wurde (gegenwärtig die Halbinsel der Dardanellen oder die Halbinsel von Gallipoli genannt) wurde von Athen aus unter der Führung des Miltiades, eines Oheims des gleichnamigen Siegers bei Marathon, kolonisiert. Abgesehen von diesen griech. Niederlassungen an der Küste war ganz T. von zahlreichen, meist von Königen beherrschten Stämmen bewohnt, die als kriegerisch und tapfer, aber äußerst roh und wild geschildert werden. Megabazes, der Feldherr des Darius, unterwarf sie der pers. Herrschaft; aber nach dem Rückzuge des Xerxes gewannen sie ihre Unabhängigkeit wieder. Um die Mitte des 5. Jahrh. v. Chr. war die Mehrzahl der thraz. Stämme unter der Herrschaft des Teres, des Königs der Odrysen, zu einem Reiche vereinigt, das besonders durch Teres' Sohn Sitalkes, zu Tobe Blüte und Macht erhoben wurde, nach dessen Tode aber (424 v. Chr.) in drei Fürstentümer auseinanderfiel, deren Herrscher sich fast fortwährend untereinander bekriegten. So wurde es den macedon. Königen, besonders dem schlauen Philipp, dem Vater Alexanders, leicht, sich in kurzer Zeit die einzelnen Stämme zu unterwerfen und T. dem macedon. Reiche einzuverleiben, dessen Bestandteil es bis zur Auflösung desselben durch die Römer blieb, wo das Land zunächst seine Unabhängigkeit zurückerhielt, aber nur ür kurze Zeit, da es allmählich (seit 133 v. Chr.) in die Gewalt der Römer kam, die 29 v. Chr. den nördlichern Teil als Provinz Mösia, 46 n. Chr. nach Aussterben der odrysischen Dynastie den südlichern Teil als Provinz Thracia konstituierten. Nachdem es dann zum Byzantinischen Reiche gehört hatte, kam es beim Fall desselben in die Gewalt der Türken und bildet noch gegenwärtig einen Teil der europ. Türkei. Die Bevolkerung gehört jedoch gegenwärtig zum größten Teil der südslaw. Völkerfamilie an; nur in den Küstenplätzen wohnen Griechen in beträchtlicher Anzahl. Vgl. H. Kiepert, „Lehrbuch der alten Geographier (Berl. 1878); B. Skordelis, «Meditationes Thracicaes (in griech. Sprache, Lpz. 1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 659Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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