FeedTiedemann (Friedr.)
HeilkundeBrockhaus 1882

Tiedemann (Friedr.), verdienter Anatom und Physiolog, geb. zu Kassel 23. Aug. 1781, der Sohn des vorigen, bezog das Gymnasium zu Marburg und seit 1798 die dortige Universität, an der er hauptsächlich Anatomie, Physiologie und Chemie studierte. Zu seiner praktischen Ausbildung besuchte er sodann die Hospitäler zu Bamberg und zu Würzburg, worauf er 1804 zu Marburg promovierte und sich auch in demselben Jahre noch habilitierte. Unter anderm las er damals über Galls Schädellehre. Hierauf ging er wieder nach Würzburg, wo er besonders das Nervensystem zum Gegenstand seiner Studien machte. Eine Reise nach Paris brachte ihn mit den damaligen Koryphäen der Naturwissenschaft, mit Cuvier, Hauy, Geoffro Sainte-Hilaire u. a. in nähern Verkehr. Dur Vermittelung Sömmerrings erhielt er 1806 den Ruf als Professor der Zoologie und Anatomie an die Universität Landshut. T. entwickelte hier als Lehrer wie als Schriftsteller eine außerordentliche Thätigkeit. Von seinen wissenschaftlichen Arbeiten waren es namentlich die Zoologies (3 Bde., Landsh. 1808 — 10), die «Anatomie des Fischherzens v (Landsh. 1809) und eine vom Französischen Institut Suoher Untersuchung über die Anatomie der trahltiere, die ihrerzeit das allgemeinste Aufsehen erregten. Sein Ruf wurde noch erhöht durch die „Anatomie der kopflosen Mißgeburten » (Landsh. 1813) und durch die Anatomie und Bildungsgeschichte des Gehirns im Fötus des Menschen⸗ (Nürnb. 1816). Im J. 1816 als Professor der Anatomie, Physiologie, vergleichenden Anatomie und Zoologie nach Heidelberg berufen, gehörte er von da an zu den Zierden dieser Universität. Unter seinen spätern Arbeiten sind hervorzuheben: „Physiologie des Menschen» (Bd. 1 u. 3, Darmst. 1830 u. 1836), «Zeitschrift für Physiologie v (1824 —27), die er mit Reinhold und Treviranus gemeinschaftlich herausgab, „Das Hirn des Negers verglichen mit dem des Europäers » (Heidelb. 1837), „Von den Duverneyschen und Bartholinischen Drüsen des Weibes »(Heidelb. 1840), «über Verengerung und Schließung der Pulsadern in Krankheiteno (Heidelb. 1843) und „Von lebenden Würmern und Insekten in den Geruchsorganen des Menschens (Nannh. 1844). Nach der bad. Revolution von 1848 und 1849, an welcher auch zwei seiner Söhne (on denen der eine, Gustav Nikolaus, als Kommandant von Rastatt 11. Aug. 1849 in Rastatt standrechtlich erschossen wurde) Anteil nahmen, waren ihm seine Stellung und der Aufenthalt in Heidelberg verleidet. Er nahm 1849 seine Entlassung vom Lehramte und lebte seitdem in stiller Zurückgezogenheit erst zu Frankfurt a. M., dann in München, wo er 22. Jan. 1861 starb. Seine letzte Arbeit war die «Geschichte des Tabaks und ähnlicher Genußmittelo (Frankf. 1854). Vgl. L. W. Bischoff, „Gedächtnisrede auf Friedrich T.v (Münch. 1861).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 681Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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