Tierchemie, Physiologische Chemie oder Zoochemie. Alle Vorgänge im tierischen, resp. menschlichen Körper sind an chem. Prozesse geknüpft, und Aufgabe der T. ist es, diesen Zusammenhang ersichtlich zu machen und sein Wesen festzustellen. Dazu ist die Kenntnis der Bestandteile des tierischen Körpers und ihrer chem. Eigenschaften, sowie der Bedingungen erforderlich, unter welchen sie aufeinander einwirken und unter welchen sich ihre Beziehungen zur Außenwelt vermitteln. Denn von der anatom. Anordnung der Körpersubstanz und ihren physik. Eigenschaften hangt die Art und Weise ab, in welcher die Körperbestandteile in Wechselwirkung treten. Als charakteristischen Bestandteil besitzen alle belebten Organismen (Tiere sowohl als Pflanzen) die Eiweißkörper, deren eine große Menge unterschieden werden, die aber gewisse Eigenschaften gemein haben; aus ihnen baut sich der Tierkörper auf, und an ihnen nehmen alle Lebenserscheinungen ihren Ablauf. Sie sind im Tiere in nicht geronnenem Zustande enthalten und besitzen in diesem nicht nur einen hohen Grad von Festigkeit und Elasticität, sondern auch die Eigenschaft, während sie selbst unlöslich und in Flüssigkeiten nur aufquellen, Lösungen in großer Menge aufzunehmen und festzuhalten. Weitere Bestandteile des Tierleibes sind die Fette, sog. Kohlenhydrate (verschiedene Zuckerarten, ein stärkemehlähnlicher Körper), und eine kleine Anzahl von sog. Mineralsubstanzen (hauptsächlich Phosphorsäure, Kohlensäure, Schwefelsäure, Salzsäure, Kieselsäure, Kalk, Magnesia, Kali, Natron, Eisen, Sauerstoff). Neben diesen treten als Zersetzungsprodukte der Eiweißkörper, der Fette re. noch eine Reihe sog. organischer Körper auf, als Harnstoff, Harnsäure, Kreatin, Milchsäure etc. (S. unter Ernährung, Stoffwechsel.) Die Lebensvorgänge kommen nur durch eine fortwährende Zersetzung der Körperbestandteile zu Stande, und diese müssen daher fortwährend ersetzt, die Organe müssen ernährt werden. Die Nahrungsmittel gelangen nur auf zwei Wegen in den Organismus, durch den Darmkanal (die festen) und durch die Lungen (in gasförmigem Zustande). In Wasser lösliche (die Salze, der Zucker) oder bei Körpertemperatur flüssige (die Fette) Substanzen werden im Darmkanal wesentlich nicht verändert, die unlöslichen dagegen durch die Verdauungsflüssigkeiten in den löslichen Zustand übergeführt, ein Vorgang, den man als Verdauung (s. d.) bezeichnet. Solche unlösliche Nahrungsmittel sind das Stärkemehl, welches durch den Mund⸗ und Bauchspeichel in Dertrin und Zucker verwandelt wird, und die Eiweißkörper, welche durch den Magensaft und den Bauchspeichel löslich gemacht (in Peptone verwandelt) werden. Vom Darm aus gelangen die Nahrungsmittel durch Aufsaugungsapparate entweder direkt in das Blut oder zunächst in den Chylus, der sich auf Umwegen zuletzt gleichfalls in das Blut ergießt. Das Blut ist eine Lösung von Eiweiß, Salzen u. s. w., in welcher kleine rote, gleichfalls aus einer Eiweißsubstanz bestehende Kügelchen schwimmen, welche die Eigenschaft besigen, den Sauerstoff chemisch zu binden. Bei seinem Durchgange durch die Lungen nimmt das Blut den Sauerstoff auf, und führt ihn, zugleich mit den vom Darmkanal bezogenen Nahrungsmitteln, zu den Organen des Körpers, welche beiderlei Substanzen als Ersatz für verbrauchte Substanz aufnehmen, überschüssige aufspeichern oder sogleich weiter verarbeiten. Der Sauerstoff wird hier zu Orydationen verwendet, und die dabei gebildete Wärme tritt entweder in der Form der Bewegung auf (wie in der Dampfmaschine), oder bleibt dem Körper als solche erhalten. Die Umsatpro dukte werden entweder von dem Blute aufgenommen oder fließen durch die Chylusgefäße aus den Geweben ab, gelangen aber schließlich in das Blut, aus welchem die gasförmigen (Rohlensäure und Wasser) durch Lungen und Haut abgeschieden werden, die löslichen durch die Nieren abfiltrieren (Harn) oder nach weiterer Verarbeitung in den Darmkanal ergossen werden (wie die Galle aus der Leber), oder in das Blut zurückfließen (aus der Milz) und so dem Körper noch fernerhin nutzbar werden. Die T. schließt also sehr wichtige praktische Fragen in sich, die sich nicht bloß auf die Ernährung und den Stoffwechsel des gesunden Körpers beziehen (3. B. die Nahrungsmittellehre), sondern auch auf diese Vorgänge bei Krankheiten (Pathologische Chemie). Ein besonderer Zweig der physiol. Chemie, die sog. Histochemie oder Mikrochemie, beschäftigt sich mit der chem. Konstitution der Formelemente und Gewebe des tierischen Körpers. Litteratur. Unter den Forschern, welche sich um die T. besondere Verdienste erworben haben, sind besonders Berzelius, Liebig, Mulder, Scherer, Strecker, C. Schmidt, Schloßberger, Hoppe-Seyler, Kühne, Voit, Henneberg, Stohmann, Gorup Besanez (Physiol. Chemie v, 4. Aufl., Braunschw. 1878) zu nennen. Vgl. Lehmann, «Handbuch der Tuch Chemiey (2. Aufl., Lpz. 1859); Kühne, Lehrbuch der physiol. Chemier (Lpz. 1868); Hermann, Handbuch der Physiologies (6 Bde., Lpz. 1879—81); Hoppe-Seyler, «Handbuch der physiologisch- und pathol.⸗zoochem. Analyses (5. Aufl., Berl. 1883); derselbe, «Physiol. Chemie v (4 Bde., Berl. 1877 —81); (Zeitschrift für Biologies (herausg. von Buhl, Pettenkofer und Voit, Münch. 1865 fg.); „Jahresbericht über die Fortschritte der Tierchemies (herausg. von Maly, Wiesb. 1871 fg.).