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HeilkundeBrockhaus 1882

Tierischer Magnetismus oder Animalischer Ragnetismus, Lebensmagnetismus, auch Mesmerismus genannt, angebliche, eigentümliche, von einem Menschen auf den andern übertragbare Kraft und deren Anwendung zu Heilzwecken. Die geheimnisvollen Anziehungen, welche der Magnetstein auf das Eisen ausübt, lenkten schon im Altertum die Aufmerksamkeit der Arzte auf diesen Stein und führten dahin, daß derselbe unter den Arzneimitteln eine Stelle erhielt. Bei der weitern Ausbildung der Lehre von dieser wunderbaren Kraft lag es daher nahe, daß seitens der Arzte wiederholt Versuche unternommen wurden, um einen Einfluß der gewöhnlichen Stahlmagnete oder Magnetsteine auf den menschlichen Körper nachzuweisen. So gebrauchte auch Anton Mesmer (s. d.), ein Schweizer von Geburt, der sich mit den angeblichen Heilkräften des Mineralmagnets beschäftigte, 1773 in Wien gewöhnliche Magnetstäbe, um verschiedene Krankheiten zu heilen, und glaubte dabei zu finden, daß die heilbringende Kraft nicht allein den Stahlmagneten eigen sei, sondern auch in andern Körpern, besonders im menschlichen Körper, hervorgerufen werden könne. Da seine Ansichten bei der Bevölkerung Wiens nicht die gewünschte Aufnahme erhielten, begab sich Mesmer 1778 nach Paris, wo er für seine neu entdeckte angebliche Kraft in großer Zahl Anhänger fand. Die Angelegenheit gelangte endlich dahin, daß 1784 auf Befehl König Ludwigs XVI. zur Untersuchung des sog. Tierischen Magnetismus zu Paris eine Kommission niedergesetzt wurde, zu deren Mitgliedern unter andern auch Franklin und Lavoisier gehörten. Diese Kommission fand bei den Kuren Mesmers eine größere Anzahl Personen beiderlei Geschlechts im Kreise um eine hölzerne Badewanne sitzend. Aus der Wanne ragten gekrümmte und bewegliche gußeiserne Stäbe heraus, mit deren äußersten Enden die Patienten den leidenden Teil ihres Körpers in Berührung brachten. Sämtliche Kranke waren durch einen um den Leib jedes einzelnen gehenden Strick verbunden und verstärkten zeitweilig diese wechselseitige Gemeinschaft, indem sie ihre Daumen ineinanderhenkten. Mesmer selbst berührte mit einem in der Hand gehaltenen Eisenstabe den leidenden Teil des Kranken, während andere Magnetiseure die Seiten und den Unterleib derselben längere Zeit sanft drückten. Nach einiger Zeit stellten sich dann die sog. magnetischen Krisen ein, wobei Einzelne der Magnetisierten bisweilen in starke Zuckungen verfielen, andere konvulsivisch husteten, noch andere schrien, lachten oder weinten etc. Die Kommission überzeugte sich durch die genaueste und gewissenhafteste Prüfung, daß die angegebenen Symptome, soweit sie nicht geradezu auf Betrug hinausliefen, der Einbildungskraft ihre Entstehung verdankten. Vgl. Gilbert, Annalen der Physiks (Bd. 42). Trotz der ungünstigen Berichte jener Kommission fand Mesmers Lehre in Deutschland selbst unter berühmten Ärzten (Kieser, Hufeland, Gmelin, Ennemoser u. a.) bis über das erste Viertel des 19. Jahrh. hinaus eifrige Anhänger, und noch gegenwärtig gibt es unter der halbgebildeten und ungebildeten Menge viele, welche den sog. magnetischen Kuren Wirksamkeit zusprechen. Das jetzt beim Magnetisieren übliche Verfahren besteht darin, daß der Magnetiseur seine ausgespreizten Arme von dem Kopfe des Kranken abwärts über die beiden Seiten der Brust, des Unterleibes und über die beiden Schenkel hinabführt, dabei je nach den Umständen den Körper mit den Fingerspitzen leicht berührend oder letztere in einiger Entfernung haltend. Durch solches längere oder kürzere Zeit fortgesetzte Streichen soll dann der Kranke in den sog. magnetischen Schlaf verfallen, in welchem er mit dem Magnetiseur in einer sehr engen Verbindung (magnetischem Rapport) steht. Durch in umgekehrter Richtung geführte Striche soll der Kranke aus seinem Schlafe wieder erweckt werden. Wenn jemand in magnetischen Schlaf gebracht, so sollen seine geistigen Fähigkeiten ungemein gesteigert werden, er soll den Bau seines Körpers erkennen, soll auf die Herzgrube gelegte Briefe lesen, für sein Leben und ebenso für die Krankheiten anderer die Heilmittel angeben können u. s. w. Neuere sorgfältige Untersuchungen haben mit Sicherheit ergeben, daß diese Angaben teils auf grobem Betrug und Täuschung, teils auf einem eigentümlichen hypnotischen Zustande infolge von überreizung der Großhirnrinde beruhen. (S. Hypnotismus.) Als Fortsetzungen des Tierischen Magnetismus sind die Lehre vom Od (s. d.) und der neuere Spiritismus (s. d.) zu betrachten. Litteratur. Carus, «über Lebensmagnetismuso (Lpz. 1857); M. Perty, Die mystischen Erscheinungen der menschlichen Nature (2. Aufl., Lpz. 1872); Heidenhain, «Der sog. tierische Magnetismuso (Lpz. 1880); Avé-Lallemant, Der Magnetismus mit seinen mystischen Verirrungeno (Lpz. 1881).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 691Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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