Elektrotherapie, die Anwendung der Elektricität zu Heilzwecken, hat sich in der neuesten Zeit aus äußerst geringen und bescheidenen Anfängen zu einem außerordentlich umfangreichen Zweig der allgemeinen Therapie und zu einer Spezialität von eminent praktischer Bedeutung und Wichtigkeit entwickelt. Zwar hatten schon bald nach der großen Entdeckung Galvanis (1786) die berühmtesten Arzte jener Zeit, Hufeland, Reil, Sömmering, Pfaff, Loder, Walther u. a., wiederholt Versuche gemacht, die neuentdeckte wunderbare Kraft im Dienste der Heilkunst zu verwerten, allein die Schwerfälligkeit, Kostspieligkeit und schwierige Instandhaltung der Apparate, die noch mangelhafte Kenntnis der meisten Krankheitszustände und die Ausbeutung des Galvanismus durch zahlreiche Marktschreier und Charlatane waren die Ursache, daß diese Versuche gar bald in Mißkredit und Vergessenheit gerieten. Den eigentlichen Ausgangspunkt der modernen E. bilden die Entdeckung der magnetelektrischen Erscheinungen durch Oersted (1820) und die bald darauf folgende der weihe eis die 9et durch Faraday (1831), durch welche erst die Herstellung handlicherer und wirksamerer Apparate und damit auch die Ausbildung wissenschaftlicherer Methoden ermöglicht wurde. Mit ihrer Hilfe begründete der franz. Arzt Duchenne de Boulogne, der sich zu seinen Untersuchungen eines zweckmäßig konstruierten volta-elektrischen Induktionsapparats bediente und seine epochemachenden Forschungen in den Jahren 1847 bis 1850 veröffentlichte, die Methode der er mernden wic des elektrischen Stroms, indem er zuerst den wichtigen Nachweis führte, daß man den faradischen Strom auf gewisse unter der Haut, bis zu einer bestimmten Dese gelegene Teile lokalisieren könne, wenn man die Stromgeber (Elektroden) mit feuchten Leitern umgäbe und oberhalb des zu reizenden Organs kräftig auf die Haut aufsetze. Weiterhin hatte Duchenne gefunden, daß man von bestimmten Punkten der Körperoberfläche aus ganz besonders kräftige Muskelkontraktionen hervorrufen könne, und Remak in Berlin wies bald darauf nach, daß diese Punkte nichts anderes als die Eintrittsstellen der motorischen Nerven in die Muskelmasse seien, und daß es überhaupt zweckmäßiger sei, den zugehörigen Nervenzweig zu reizen als die Muskelbündel selbst. Die letztere Methode pflegt man als die direkte, die erstere als die indirekte Muskelfaradisation zu bezeichnen. Infolge der glänzenden Resultate, welche mit dem faradischen Strome auf dem Gebiete der Muskel- und Nervenkrankheiten erzielt wurden, geriet der galvanische Strom für längere Zeit fast gänzlich in Vergessenheit, bis Remak (1858) aufs neue die hervorragende therapeutische Bedeutung des Galvanismus hervorhob, die Ausbildung rationeller Untersuchungs⸗ und Behandlungsmethoden anbahnte, und dadurch auch dem galvanischen Strom diejenige Stellung in der Therapie zu ver chaffen wußte, welche ihm mit Recht gebührt. Im allgemeinen unterscheidet sich die irkungsweise der beiden verschiedenen elektrischen Stromarten dadurch, daß der faradische oder induzierte Strom sich vorzugsweise zur Erregung der peripheren Nerven und der Muskeln, der galvanische dagegen namentlich zur Erregung der tiefer und geschützter gelegenen Centralorgane, des Gehirns, Rückenmarks und der Sinnesorgane, eignet; die feinern, wahrscheinlich molekularen Vorgänge, welche der elektrische Strom in den einzelnen, von ihm durchströmten Organen hervorruft, sind freilich zum größten Teil noch völlig unbekannt. Zur Faradisation, d. h. zur Anwendung des faradischen oder induzierten Stroms, bedient man sich der in nachstehender Abbildung (Fig. 1) dargestellten sog. Induktionsapparate, welche im wesentlichen aus einem oder zwei galvanischen Elementen als Elektricitätsquelle, aus zwei, durch zahlreiche Windungen eines übersponnenen Metalldrahts gebildeten Induktionsrollen, deren eine den primären, deren andere den sekundären Strom liefert, sowie aus einem Bündel von Eisendrahtstäben bestehen, welche den Kern der Induktionsrollen ausmachen. Außerdem ist der Apparat mit verschiedenen Vorrichtungen versehen, um die Stärke des induzierten Stroms beliebig zu regulieren und um das Offnen und Schließen der galvanischen Kette durch eine selbstthätige Unterbrechung (den sog. Neefschen Hammer) zu bewirken. Die Galvanisation, die Einwirkung des galvanischen Stroms auf den Körper, wird meist in der Form des sog. konstanten Stroms angewendet, den man in einer größern Anzahl elektrischer, zu einer Batterie vereinigten Elemente (meist Daniellscher Zinkkupferelemente) erzeugt. (S. Fig. 2.) Um den entstandenen galvanischen Strom beliebig regulieren zu können, ist der Apparat gewöhnlich noch mit verschiedenen Nebenapparaten versehen; mit einem sog. Stromwähler zur entsprechenden Regulierung der Strom stärke, mit einem Stromwender, zur beliebigen Anderung der Richtung des Stroms, mit einem Galvanometer, zur Messung der im einzelnen Fall zur Wirkung kommenden Stromstärke, mit einem Rheostaten, zur feinern und gleichmäßigern Abstufung der Stromstärke u. dgl. m.; zur übertragung des gal-Il vanischen Stroms in den menschlichen Körper die-l nen die mit der Batterie durch gut isolierte Leitungsschnüre verbundenen Elektroden, knopf= oder plattenförmige, mit einem angefeuchteten z Schwamm oder Leinwandstreifen überzogene Metallstücke, welche fest auf die Körperoberfläche aufgedrückt werden. Die Zahl der Krankheiten, bei welchen die sachkundige Anwendung des elektrischen Stroms sich wirksam erwiesen hat, ist eine außerordentlich große; insbesondere sind es die zahlreichen Nerven⸗ und Muskelkrankheiten, die Lähmungen, Krampfkrank-Rüchen Neuralgien und manche Erkrankungen des ückenmarks, welche durch eine konsequent durchgeführte elektrotherapeutische Behandlung in oft überraschend kurzer Zeit geheilt oder doch wenigstens erheblich gebessert werden. Ferner hat sich die Elektricität wiederholt beim Scheintod (infolge von Kohlenoxyd⸗, Leuchtgas⸗ und Chloroformvergiftung, von Erfrierung, Alkoholintoxikation u. dgl.) als lebensrettendes Mittel bewährt, insofern durch die faradische Reizung der Zwerchfellsnerven oberhalb des Schlüsselbeins die Atmung wiederhergestellt und damit das anscheinend entflohene Leben des Verunglückten wieder zurückgerufen wurde. Auch die Chirurgie macht neuerdings von der Elektricität die chtwaloritche Anwendung, indem sie sich teils der elektrolytischen, teils der Torrut an Wirkung des clektrischen Stroms mit Vorteil zu den verschiedensten Heilzwecken bedient. Läßt man mit Hilfe eingestochener Nadeln stärkere galvanische Ströme ch tiefer gelegene Organe einwirken, so entstehen sehr bald elektrolytische Vorgänge in den Geweben, welche Zersetzung der Parenchymsäfte, Gerinnung des Blutes und Absterben der Gewebe zur Folge haben; wiederholt hat man diese elektrolytische Wirkung zur Heilung von Pulsadergeschwülsten, von Krampfaderbrüchen, von manchen Gelenkkrankheiten und zur Verkleinerung von Polypen und andern Geschwülsten in schwerer zugänglichen Körperhöhlen erfolgreich benutzt. Weiterhin bedient sich die Chirurgie der durch den galvanischen Strom erzeugten Glühhitze als eines ganz vortrefflichen Mittels zur Stillung von Blutungen, zur Abtragung krankhafter Gewächse, zur Zerstörung bösartiger Geschwüre und zu Operationen an sonst sehr schwer zugänglichen Stellen, wie in der Tiefe * Nasen⸗ und Rachenhöhle, des Kehlkopfsinnern u. dgl. (S. Galvanokaustik.), Zum Schluß mag noch erwähnt sein, daß die Elektricität auch ein wertvolles Mittel zur Konstatierung des eingetretenen Todes (Elektrobioskopie) ist: wenn die Muskeln ihre faradische Kontraktilität vollständig verloren haben, so ist der Tod mit Si it zu konstatieren, während Scheintod höchst rscheinlich vorliegt, wenn ein bis zwei Stunden dem scheinbaren Eintritt des Todes die Muskelkontraktilität noch unverändert ist. Vgl. Duchenne, De P'eélectrisation localisée, et son application à la physiologie, à la pathologie et à la thérapeutiquer (Par. 1855; 3. Aufl. 1872); Remak, «Galvanotherapie der Nerven⸗ und Muskelkrankheiten» (Berl. 1858); Ziemssen, «Die Elektricität in der Medicin » (Berl. 1857; 4. Aufl. 1872); Bruns, «Galvanochirurgien (Tüb. 1870); Erb, «Handbuch der Elektrotherapiev (Lpz. 1882).