Tisza (Koloman von), ungar. Staatsmann, geb. 16. Dez. 1830 zu Geszt im Biharer Komitat, erhielt im elterlichen Hause eine sorgfältige Erziehung und trat schon 1848 ins Unterrichtsministerium. Nach dem Ausbruch der Revolution zog er sich nach Geszt zurück, unternahm dann eine mehrjährige Reise durch Mitteleuropa, wurde 1855 Hilfskurator des reform. Nagy-Szalontaer Kirchendistrikts und bekämpfte 1859 energisch das vom österr. Kultusminister Grafen Leo Thun eingeführte, gegen die autonome prot. Kirchenverfassung Ungarns gerichtete Protestantenpatent. Im J. 1861 wurde T. von der Stadt Debreczin in den Reichstag gewählt und übernahm nach dem Selbstmorde des Grafen Ladislaus Teleki die Führerschaft des linken Centrums im ungar. Abgeordnetenhause, welche er auch in den folgenden Sessionen (1865, 1869, 1872) behauptete. Endlich gab er im Anfang 1875 seinen oppositionellen Standpunkt auf und ermöglichte die Vereinigung des linken Centrums mit der Deak-Partei, welche sich nun liberale Partei nannte. Im Ministerium Wenkheim vom 5. März 1875 übernahm T. das Ministerium des Innern und 21. Okt. auch die Ministerpräsidentschaft. Die Arrondierung der Municipien (Komitate, Distrikte, Stühle) wurde 1876 sanktioniert und der Wirkungskreis der Verwaltungsausschüsse bestimmt. Hauptaufgabe des T.⸗Ministeriums war der wirtschaftliche Ausgleich mit Transleithanien und die Wäbrend der Wah-Osterreich-Ungarischen Bank. Während der Wahlen für 1878—81 bereitete die Occupation Bosniens und der Herzegowina neue Schwierigkeiten für die Finanzen diesseit und jenseit der Leitha, sodaß das onse T. Ministerium seine Entlassung einreichte, obgleich die Wahlen ihm eine große Majorität gesichert hatten. Die viel angefochtene Politik Andrässys siegte aber in den Delegationen, und T. trat aufs neue im Dez. 1878 an die Spitze des neuen Kabinetts. Mit großem Geschick verteidigte nun T. die Vereinbarungen der beiden Regierungen gegen die heftigen Angriffe von seiten der Linken. Seitdem behauptete si trotz aller Angriffe der Oppositionsparteien am Ruder der Regierung, das er mit Hilfe einer großen Majorität im Reichstage nach seinen Intentionen lenkt. Graf Ludwig T., Bruder des vorigen, geb. 12. Sept. 1832 zu Geszt, wurde 1861 Mikglied des Reichstags, gehörte anfangs mit seinen Brüdern Koloman und Ladislaus zur Opposition, trat später Bit Deak-Partei über, wurde 1867 Obergespan des Biharer Komitats, 1869 Vizepräsident des Baurates in Budapest, 1871 Minister der Kommunikationen und öffentlichen Bauten, trat 19. Dez. 1873 zurück und wurde nach der Katastrophe von Szegedin 1879 königl. Kommissar zur Rekonstruktion der verwüsteten Stadt. Zur Belohnung hierfür erhielt er 1883 die Würde eines Grafen von Szegedino, nachdem er schon 1869 die k. k. Kämmerers⸗ und 1873 die Geheimratswürde erhalten hatte. Jetzt ist Graf T. als Deputierter eines Wahlbezirks von Szegedin fortdauernd Mitglied des ungar. Reichstags.