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GeschichteBrockhaus 1882

Thun und Hohenstein (Leo eigentlich Leopold!], Graf von), österr. Staatsmann, geb. 7. April 1811 zu Tetschen, studierte zu Prag die Rechte. Seit 1831 lebte er in Dresden, in England und Paris. Im Herbst 1835 trat er zu Prag in den Justizdienst, wandte sich jedoch 1842 der Administration zu. Im J. 1846 wurde er dem Grafen Rudolf Stadion zugeteilt, der nach Unterdrückung des Aufstandes in Galizien mit der Ordnung der dortigen Verhältnisse betraut war. Nachdem T. hierauf seit Herbst 1847 als Gubernialrat in Galizien gewirkt, erfolgte im April 1848 seine Ernennung zum Gubernialpräsidenten in Böhmen, welches Amt er aber schon im Juli wieder niederlegte. Bisher hatte T. als Mitglied der böhm. Landtage der äußersten Linken angehört und sich fest an die nationale Partei angeschlossen. Auch hatte er selbst in die litterarische Bewegung der Czechen mit den Schriften Küber den gegenwärtigen Zustand der böhm. Litteratur und ihre Bedeutungo (Prag 1842) und Die Stellung der Slowaken in Ungarn (Prag 1843) eingegriffen, in denen er die histor.polit. Individualität der Czechen verteidigte. Am 28. Juli 1849 übernahm T. im Ministerium Schwarzenberg das Portefeuille des Kultus und Unterrichts, welches er auch unter den folgenden Ministerien behielt, bis er 20. Okt. 1860 zurücktrat. Als Unterrichtsminister hat er die Gymnasialreform nach preuß. Muster (1849) eingeführt, an die Universitäten zahlreiche ausgezeichnete Lehrkräfte aus Deutschland berufen und die österr. Hochschulen ganz nach dem Muster der deutschen eingerichtet. Als Kultusminister schloß er das Konkordat mit der röm. Kurie ab (18. Aug. 1855, aufgehoben 1870) und verschaffte dadurch der Kirche die Herrschaft über die Schule. Im Frühjahr 1861 von dem Wahlkörper der Fideikommißbesitzer in den neugebildeten böhm. Landtag gewählt, stellte er sich auf die Seite der mit den Nationalen verbündeten Clam: Maend und galt bald neben dem Grafen Tlam-⸗Martinitz als deren Haupt. Im April desselben Jahres berief ihn der Kaiser auch in das Herrenhaus, in welchem er Führer der äußersten Rechten wurde. Nach Auflösung des Landtags im März 1867 ward er mit seiner ganzen Partei nicht wiedergewählt Im Herrenhause sprach er sich im Juni 1867 auf das entschiedenste gegen den Ausgleich mit Ungarn und die staatsrechtliche Zwiespal—⸗ tung Ssterreichs aus. Später unterstützte er 1871 die Hohenwartsche Föderativpolitik im böhm. Landtage, trat aber aus demselben aus, als das verfassungstreue System siegte, huldigte dann der Abstinenzpolitik und wurde, auch als die Czechen nach siebenjährigem Fernbleiben wieder in den prager Landtag eintraten, mit den andern Feudalen des Großgrundbesitzes nicht wiedergewählt. Im Herrenhause ist T. Parteigänger des Taaffeschen Systems.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 664Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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