FeedUral (turko-kirgisisch, d. i. Gürtel)
ErdkundeBrockhaus 1882

Ural (turko-kirgisisch, d. i. Gürtel), russ. Semlanöj⸗ oder Kammenoöj-Pojas (d. h. Erd-oder Felsengürtel), bei den Alten Montes Hyperborei oder Riphaei, heißt das Gebirge, welches an der Grenze Asiens und Europas von der Karischen Bucht des Eismeers bis zu den Ufern des Aralsees (von 68 30 bis 45 30“ nördl. Br.) in einer Strecke von 2560 km durch die ganze Breite des Russischen Reichs hinstreicht und, ohne mit einem andern Gebirge in Verbindung zu stehen, die einzige Unterbrechung der ungeheuern Tiefebene Osteuropas und Nordasiens bildet. Das Gebirge wird gewöhnlich in den Nördlichen oder Wüsten, den Mittlern oder Erzreichen, den Südlichen oder Waldreichen U. eingeteilt. Der Nördliche oder Wüste Ural reicht von Norden bis in die Gegend der Petschoraquellen, ist eine wallähnliche, von niedrigen Vorbergen begleitete Felsenkette mit Gipfeln von 1000 m Höhe, die durch 450 m hohe Einsenkungen voneinander geschieden sind, mehrfach zerspalten und zertrümmert, kahl, waldlos, mit Krüppelholz, Moos, Torf, Morästen, Felsblöcken bedeckt, fast stets in Wolken und Nebelgehüllt, die unwirtbarste Gegend Europas. In ihm steigt der höchste Gipfel des U., der Töll Poß, zu 1689 m empor. Der nördlichste höchste Punkt ist der Konstantinow-Kamm, 430 m hoch. Der Mittlere Ural, auch der Permische, Werchoturische, OstjakischeoderKatharinenburger Ural genannt, reicht südwärts bis zu den Quellen und dem Durchbruchsthal der Ufa und ist der schmalste und zugänglichste Teil des ganzen Gebirges. Die Zone seiner Vorberge ist nur schmal; die mittlere Höhe beträgt 6 =—800 m. Der höchste Gipfel ist der 1565 m hohe Konschakowskij; der Deneschkin mißt 1292 m. Die Gipfel bestehen hier wie im Norden aus kahlen Felsenkämmen, während die Abhänge beider Seiten je weiter nach Süden, desto dichter mit Wald bedeckt, die Thäler mit Sumpf und Busch erfüllt sind. Der Südliche oder Waldreiche, Baschkirische oder Orenburger Ural besteht aus drei südwärts mehr und mehr divergierenden Bergkämmen Kürktü, Irendük und Guberlinskij von 600 memittlerer Höhe, welche durch die Längenthäler des Uralflusses, der Sakmara und obern Bijelaja voneinander geschieden, aber durch die plateauartige Beschaffenheit und die Höhe der Thalflächen dennoch zu einem Ganzen verbunden werden. Der höchste Punkt ist hier der 1536 m hohe Iremel auf der westl. Kette, in der Nähe der Bijelajaquelle, also im nördl. Abschnitt dieses durch Waldreichtum, Mineralschätze und treffliches Weideland ausgezeichneten Gebirgsabschnitts. Im ganzen U. finden sich nirgends Abgründe, Querschlüfte oder andere charakteristische Eigentümlichkeiten eines hohen Kettengebirges. Nur verhältnismäßig schmale Hügellandschaften bilden den übergang aus den Tiefebenen zu dem Gebirge. Sie sind die einzigen Kulturlandschaften der Uralegenden; aber nur in den schönen hügeligen Geänden, die das Bjelajathal umgeben, haben sie eine größere Ausdehnung. Die Abdachung ist auf beiden Seiten sehr sanft. Die Hauptstraße über das Gebirge ostwärts nach Jekaterinburg ist so niedrig, daß sie kaum einem Gebirgspasse ähnlich ist. Das sanfte Gefälle der zahlreichen Strombetten und der träge Lauf ihrer Gewässer erzeugt an dem östl. oder sibir. Fuße des Gebirges ausgedehnte Marschländer; die weitern Umgebungen tragen überall den Charakter alen 4ch Steppenflächen. Der U. ist in seiner centralen Achse aus quarzigen und chloritischen Gesteinen, auf der westl. Seite aus silurischen und devonischen, sowie der Steinkohlenformation und Pontalliz mehr oder weniger umgewandelten und krystallinisch gewordenen Gesteinen zusammenesetzt, während auf den östl. Abhängen und Vortufen die Bergwerke in metamorphischen Schichtensystemen betrieben werden, zwischen denen Gesteine feurigen Ursprungs auftreten. Zahlreich und zum Teil großartig sind in den kalkigen Mittelgebirgen und in den flötzigen Vorbergen, besonders auf der Westseite, die Grotten und Höhlen. Der Gesamtural zeigt in seiner mineralog. Zusammensetzung den sehr merkwürdigen Gegensatz einer gewissen Einförmigkeit des Festgebäudes im großen und einer ungemein großen Mannigfaltigkeit schöner krystallinischer Gesteine. Unter den edeln Gesteinen sind besonders hervorzuheben die Smaragde, die Topase aus den Gruben von Mursinsk, die Berylle aus den Gruben von Jekaterinburg. Auf einer Goldwäscherei des Grafen Polier entdeckte man 1829 den ersten Diamanten; auch findet man Malachitdrusen, Turmaline, Jaspis und andere Edel- und Halbedelsteine, seit 1836 auch Bernstein. Bei weitem wichtiger ist der Metallreichtum. Die Vorstufen des Gebirges bilden das eigentliche uralische Erzgebirge. Die bedeutendsten Metallschätze liegen größtenteils zwischen 54 und 60 nördl. Br., und zwar hauptsächlich auf der östl. Seite. Hier ist auch der allein kolonisierte Teil des Gebirges und einer der gewerbreichsten und civilisiertesten Distrikte Rußlands. In diesem zum Gouvernement Perm (s. d.) gehörigen Mittlern U. wurde 1623 die erste Eisenhütte und 1640 der erste Kupferammer angelegt. Gold, und zwar auf seiner urprünglichen Lagerstätte als Gang⸗ oder Berggold, wurde 1745 unweit nordöstlich von Jekaterinburg auf Quarzgängen entdeckt; allein erst 1754 begann der Bergbau daselbst. Seitdem öffnete man mehr und mehr Goldgruben, die aber großenteils wieder verlassen wurden, nachdem man 1774 die goldführenden Sandflötze entdeckt hatte, durch deren seit 1814 auf den kaiserlichen und seit 1819 auch auf den Privathüttendistrikten erfolgte Bearbeitung durch Waschwerke der Weg zu einer weit wohlfeilern Goldgewinnung angebahnt war. Die Bergwerksscnitt a konnte man um 1832 jährlich im Durchnitt auf etwa 50 Mill. Rubel, mit Einschluß des aschgoldes, annehmen, seitdem hat sich der Wert derselben durch die größere Ausbeutung des Goldes bedeutend erhöht. Der uralische Goldsand bedeckt eine Fläche von 40470 akm, und man findet ihn sowohl in den Bergadern als in dem Ufersande. Von 1878 bis 1882 betrug die Ausbeute an Gold in den Uralbergwerken 44128 kg. Ein großes Interesse erweckte früher die Ausbeute an Platin (s. d.), von dem 1876 noch 1562 kg gefunden wurden; seitdem hat die Ausbeute abgenommen. Silberhaltige Bleierze bricht man in den Berg-und Hüttendistrikten von Nishnij-Tagilsk, Syßertsk und Jekaterinburg. Kupfer ist reichlich vorhanden. Mehr als vier Fünftel der gesamten Roheisenmasse Rußlands werden auf den uralischen Hüttenwerken, und daus in den Gouvernements Perm, Orenburg, Wjäta und Wologda gewonnen; 1876 lieferten die Uralbergwerke 263 721 751 kg Roheisen und im Durchschnitt hat sich bis in die Gegenwart die Ausbeute auf dieser Höhe erhalten. Der Magneteisenstein des U., mit Holzkohlen verschmolzen, eignet sich vorzüglich zur Bereitung des Stahls und Eisendrahts, und diese Eigenschaften sichern dem russ. Eisen seinen auswärtigen Absatz. Große Steinsalzbrüche befinden sich bei Jlezkaja-Saschtschita, ergiebige Salzwerke in den Gouvernements Wologda und Perm. Auch ist 1852 etwa 96 km von Jekaterinburg ein —. Steinkohlenlager aufgefunden worden. gl. außer den Werken von A. von Humboldt (s. d.) und Murchison (s. d.): Hofmann und Helmersen, «Geognostische Untersuchungen des Süduralgebirges» (Berl. 1831); Rose, WMineralogisch-geonostische Reise nach dem Ural u. s. w. »(2 Bde., Berl. 1837—42); Schrenk, »Orographisch-geognostische Ubersicht des Uralgebirges im hohen Nordeno (Dorp. 1849); Hofmann, Der nördliche U. und das Küstengebirge Pae-Chois (Bd. 1, Petersb. 1853) Hochstetter, über den U.» (Berl. 1873).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 59Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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