Ventimiglia, Stadt in der ital. Provinz Porto-Maurizio, Bezirk San-Remo, an der Mündung der Roja in das Mittelländische Meer, die ital. Grenzfestung und Grenzstation auf der Riviera di Ponente an der Cornice-Bahn (Genua-Savona-V.), 11 km östlich von Mentone am Bergabhange gelegen, von bedeutenden Forts umgeben, ist Sitz eines Bischofs, zählt (1881) 5444 (Gemeinde 8880) E. und hat einen Hafen, ein Zollamt und im Stadthause eine Sammlung röm. Altertümer. Das Gewölbe der Krypta von San-Michele wird durch Säulen mit röm. Inschriften getragen. Von V. nach Cuneo ist eine Eisenbahn im Bau, die in einem Tunnel von 14 km Länge unter dem Col di Tenda hindurch führen wird. V., im Altertum Albium wohl seit alter Zeit in Latium und dann in Rom unter verschiedenen Beinamen (Murcia, Cloacina und Libitina) verehrt und später mit der griech. Gottin Aphrodite identisiziert. Diese, obgleich frühzeitig in das griech. Göttersystem eingereiht und zum Teil mittels Vermischung mit einheimischen Göttergestalten ganz in hellenischem Geiste umgebildet und neugeschaffen, ist doch ausländischen, asiat. Ursprungs. Sie ist die weibliche Hauptgöttin der Semiten, deren Kult durch die Phönizier nach den von diesen besetzten Inseln Kypros (Cypern) und Kythera (jetzt Cerigo) gebracht wurde und von da den Griechen zukam, daher diese auch jene Inseln als Geburts⸗ und Wohnstätten der Göttin betrachteten und diese selbst mit dem Namen Kypris oder Kythereia bezeichneten. Der ausländische Ursprung der Göttin zeigt sich auch in der Sage, welche sie aus dem Schaume des Meers, der sich um das abgeschnittene Zeugungsglied des Uranos (s. d.) bildete, hervorgehen ließ, während eine andere Sage, wohl infolge der Vermischung der ausländischen mit einer ursprünglich griech. Göttin, sie zur Tochter des Zeus und der in Dodona als Gemahlin desselben verehrten Dione machte. Zum Gemahl gab ihr die Sage den Hephästos, dem sie aber mehrfach untreu wurde. Am berühmtesten ist ihre Liebschaft mit Ares (Mars), dem sie nach der thebanischen Sage die Harmonia (Vereinigung), nach Hesiod den Deimos (Schrecken) und Phobos (Furcht) gebar. Außerdem kennt die Sage als ihre begünstigten Liebhaber den Hermes, dem sie den Hermaphroditos, den Dionysos, dem sie den Priapos, und den Anchises, dem sie den Aneas gebar. Phöniz. Ursprungs ist die Sage von ihrer Liebe zu dem schönen Jüngling Adonis (s. d.). Dem troischen Paris verschaffte sie zum Dank, daß er ihr in dem Wettstreite mit Hera und Athena den Preis der Schönheit zuerkannt hatte, die Helena zur Gemahlin, und sie stand auch im trojanischen Kriege durchaus auf der Seite der Trojaner. An den ältesten Stätten ihres Kultes, wie in Paphos, Amathus und Idalion auf Cypern (nach welchen Orten sie auch Paphia, Amathusia und Idalia genannt wird), auf Kythera, in Sparta, Elis, Athen und anderwärts wurde sie unter dem Beinamen Urania, d. h. als Himmelsgöttin (wie die phöniz. Astarte) verehrt und vollständig bekleidet, zum Teil bewaffnet oder mit dem Fuß auf einer Schildkröte (einem Symbol des Himmelsgewölbes) stehend dargestellt. Die philos. Spekulation deutete dann diesen Beinamen geistig oder ethisch und stellte die Aphrodite Urania als die Göttin der himmlischen, reinen und teuschen Liebe, der Aphrodite Pandemos gegenüber (der ursprünglichen Bedeutung des Beinamens nach Göttin der Vereinigung eines Volks zu einem Ganzen), als der Göttin der sinnlichen Liebe, ja der Prostitution (der lat. Venus vulgiräga), unter deren Schutze an manchen Orten, z. B. in Korinth und am Berge Eryx auf Sicilien die liederlichen Dirnen ihr Gewerbe trieben. Allgemein aber wurde bei den Griechen Aphrodite als die Göttin der Liebe, des Reizes und der Anmut aufgefaßt; daher außer ihrem steten Begleiter, dem Eros (Amor), auch die Peitho, die Göttin der Überredung, und die Chariten (Grazien) 5 die mit ihr verbunden werden, wie sie selbst als die schönste und anmutigste Göttin geschildert und dargestellt wurde. Die griech. Kunst, welche die Göttin häufiger als irgend eine andere Gottheit gebildet hat, stellte in älterer Zeit die V. meist ganz bekleidet dar. Auch die Kunst der großen Zeit des 5. Jahrh. scheint die Bekleidung noch festgehalten zu haben. Spätere Nachbildungen einer Schöpfung vom Ende des 5. oder Anfang des 4. Jahrh. zeigen den Leib der Göttin bis auf die eine Brust bekleidet. Wenn dies mit einem so dünnen und anliegenden Gewande geschieht, daß alle Formen des Körpers hindurchschimmern, so war dies wohl sicher im Original weniger der Fall. Die attische Kunst des 4. Jahrh. wagte es dann, die Göttin der Liebe und Schönheit auch in halber und in völliger, anfangs regelmäßig durch das Bad motivierter Nacktheit darzustellen. Die Kunst der besten Zeit und auch spätere Werke, welche den Geist derselben atmen, pflegen aber auch in den Darstellungen der ganz oder teilweise entblößt dargestellten Göttin Schönheit und Anmut mit göttlicher Würde zu verbinden, wie dies in der schönsten erhaltenen Statue der Göttin, der gegenwärtig im Louvre in Paris Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XVI. rbefindlichen Marmorstatue von der Insel Melos, der sogenannten V. von Milo (s. Tafel: Bildnerei IU, Fig. 9), der 10 ist. Dasselbe gilt auch von den besten Nachbildungen der berühmtesten Statue der Göttin, der knidischen Aphrotdite des Praxiteles. Eine Umbildung in der Richtung auf das Überwiegen des Anmutigen und Reizenden über den göttlich erhabenen Ausdruck eigt schon die Statue in München (s. Taf. II, Fig. 12); weniger gilt dies von der in Haltung ab⸗ „weichenden sog. kapitolinischen V. (in Rom), in vollstem Maße aber von der sog. mediceischen V. (in Florenz), die nach der Angabe der darunter befindlichen, aber als modern erwiesenen Inschrift für ein Werk des Bildhauers Kleomenes aus Athen gehalten wurde; diese ist schon von überwiegend zierlichem, fast kokettem Charakter. (S. Taf. III, Fig. 1.) Andere Darstellungsweisen, worin die Gottin ganz unbekleidet erscheint, sind die Aphrodite Anadyoméne, d. i. die aus dem Meere auftauchende (von Apelles in einem berühmten Gemälde dargestellt), die sich die Sandale lösende und die im Bade kauernde Aphrodite. Das sinnlich Reizende ist besonders stark ausgeprägt in der teilwethe bekleideten Aphrodite Kallipygos. Vgl. Gerhard, «cliber Venusidoled (in den «Abhandlungene der berliner Akademie der Wissenschaften, 1843); Lajard, «Recherches sur le culte, les symboles, les attributs et les monuments figurés de V. en Orient et en Occidento (Par. 1837—48); Stark, «aüber unedierte Venusstatuen und das Venusideal seit Praxiteleso (in den „Berichten» der königl. sächs. Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, 1860); Bernoulli, «Aphrodite v (Lpz. 1873).