FeedVölkerwanderung
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Völkerwanderung nennt man die Bewegung namentlich der germanischen und einiger anderer Völker nach dem Westen und Süden Europas, die den übergang aus der Zeit des Altertums zu dem Mittelalter vorbereitet hat; sie findet ihre Fortsetzung in der Wanderung der Slawen nach Südosten. Durch die V. erhielt das westl. und füdl. Europa, wo die Herrschaft der Römer zertrümmert wurde, eine neue Gestalt, da sich durch Vermischung der german. Einwanderer, welche auf ihren Zügen selbst oder in den neuen Wohnsitzen das Christentum annahmen, mit der alten röm. oder romanisierten Bewohnerschaft, zugleich mit neuen sozialen und sittlichen Zuständen und neuen Sprachformen, allmählich neue Völker ausbildeten. Im deutschen Mitteleuropa dagegen dehnten sich teils die zurückgebliebenen Stämme weiter aus; teils rückten dort und wo sonst german. Völker ihre neuen Wohnsitze wieder aufgaben, andere Völker ein, bis das Fluten, in welchem einzelne Stämme völlig untergingen oder doch in der Vereinigung mit andern ihre alten Namen aufgaben, endlich aufhörte und die Völker Europas nunmehr am Beginne des eigentlichen Mittelalters seßhaft erscheinen. Als Anfangspunkt der V. wird gewöhnlich der Einbruch der Hunnen in Europa 373 n. Chr. bezeichnet; aber Conversations-Lexikon. 13. Aufl. XVI. diese Bewegung hatte schon früher begonnen. Die Wanderungen der kelt. Stämme nach den Donauländern, nach Italien, nach der Balkanhalbinsel und Kleinasien (. Kelten) und weit mehr noch die Züge der Cimbern (s. d.) und Teutonen (s. d.) erscheinen wie drohende Vorboten der künftigen Erschütterung. Die von den Römern am Rhein und an der Donau eingerichtete Grenzverteidigung bringt die Bewegung, über deren Ursachen es nur Vermutungen gibt, zeitweise zum Stehen, obwohl der Frieden an der Grenze nie dauerhaft war. Aber seit der Mitte des 2. Jahrh. n. Chr. wird der Andrang der deutschen Stämme, auf welche wohl Slawen und Finnen von Osten her rückten, wieder heftiger, und seit Mare Aurel haben die Römer nur noch defensiv mit den andrängenden »Barbaren v zu kämpfen. Schon 274 gab Kaiser Aurelian die Provinz Dacien an die Goten (s. d.) auf. Bald darauf ward auch weiter nach Westen hin die nochmals von Kaiser Probus 277 und 278 reorganisierte und wohlbefestigte süddeutsche Militärgrenze (. Teufelsmauer) durchbrochen. Von Thüringen her rückten die Alamannen (s. d.) gegen das Ende des 3. Jahrh. in das röm. Zehntland (s. Decumatische Acker) ein, von wo aus sie sich im 4. und zu Anfang des 5. Jahrh. westlich über den Rhein bis zu den Vogesen, südlich über einen Teil des alten Rhätien und Helvetien bis zu den höchsten Alpenketten, und ostwärts, mit den Juthungen verbunden, bis zum Lech ausbreiteten und so ihre heutigen Sitze einnahmen. Ähnlich breiteten sich die von alters her am mittlern und untern Rhein sitzenden Stämme, welche jetzt unter dem Namen der Franken (s. d.erscheinen, über den Fluß aus, bis die Salischen Franken und ihr bche Chlodwi (d.) 481—511 das große Fränkische Reich (s. V stifteten, welches außer seinen gallischen Bestandteilen auch die übrigen Franken und die Alamannen umfaßte, und von seinen Söhnen in Deutschland um 530 durch Zerstörung des Reichs der Thüringer (s. Thüringen), wo sich nunmehr große Massen von Franken den Main aufwärts ansiedelten, in Gallien 534 durch die Unterwerfung Burgunds weiter ausgedehnt wurde. Die um Weser und Elbe wohnenden Stämme waren gleichzeitig von dem Triebe nach Ausbreitung erfaßt worden. Unter dem Namen der Sachsen (s. d.) erscheinen sie schon im 4. Jahrh. an den gallischen Küsten, gründeten im 5. Jahrh. hier Ansiedelungen und haben in demselben Jahrhundert, mit Angeln (s. d.) und Jüten vereint, das von den Römern verlassene Britannien sich unterworfen. (S. Angelsachsen.) Zu Anfang des 6. Jahrh. treten zuerst die Bajoarier, wie es scheint, in ihrem Kerne Nachkommen der alten Markomannen, in dem einst römischen, häufig schon von andern deutschen Völkern durchzogenen Lande auf, das von ihnen den Namen Bayern (s. d.) trägt. Alle diese Völker aber haben mit ihrer Hauptmasse ihre ursprünglichen Sitze nicht verlassen, diese nur weiter ausgedehnt. Dagegen die Völker des nordöstl. Germanien wurden ganz aus ihrer ursprünglichen Heimat geführt. Schon um 200 muß die Wanderung der Goten (s. d.) von der untern Weichsel und der Ostsee nach dem Schwarzen Meere erfolgt sein, von wo sie während des 3. Jahrh. zu Lande und zur See Kleinasien, Dacien, Mösien und Griechenland heimsuchten. Im 4. Jahrh. waren alle got. Völker zwischen Karpaten und Don, auch Slawen und Finnen, unter dem ostgot. König Ermanrich vereinigt. Aber sein Reich wurde seit 373 durch die Hunnen (s. d.) zertrümmert, die, aus dem innern Asien gegen Westen ziehend, zuerst seit 371 die Alanen (s. d.), zwischen Wolga und Don, dann die Goten überwältigten, sie seit 376 zum Teil in das Römische Reich hineindrängten und sich selbst in den Ländern zwischen Don und Theiß festsetzten. In der Mitte des 5. Jahrh. zog der Hunnenkönig Attila (. d.), der seine Herrschaft weithin auch über die german. Völker an der Donau verbreitete, mit diesen weiter westlich. über den Rhein hinüber drang die Völkermasse bis in die heutige Champagne; aber in der Völkerschlacht auf den Catalaunischen Feldern (s. d.) wehrten ihnen 451 der Römer Aétius und der Westgotenkönig Theodorich IJ. siegreich das weitere Vordringen. Attila starb, nachdem er noch 452 ohne Erfolg in Italien verheerend eingebrochen war, 453. Nach seinem Tode befreiten sich die german. Völker; zu beiden Seiten des Don aber bis zur untern Donau blieben hunnische Stämme neben und zwischen den Slawen sitzen. Vor dem Andrange der Hunnen waren die Westgoten 376 zum großen Teil über die Donau auf röm. Gebiet übergetreten. Ihr Sieg bei Adrianopel 378 und endlich bis 382 ein Friedensschluß mit Theodosius J. gewährte ihnen neue Sitze an der mösischen Donau. Aber nach dessen Tode 395 erhoben sie sich abermals. Alarich (s. d.) führte sie, nachdem er Griechenland verwüstet hatte, 401 nach Italien, wurde aber 403 von dem das weström. Reich regierenden Vandalen Stilicho zurückgetrieben, der auch in Etrurien 405 ein großes, aus verschiedenen german. Stämmen gemischtes, großenteils aus pannonischen Ostgoten bestehendes Heer unter Radagais, das von der mittlern Donau hereingebrochen war, vernichtete. Nach Stilichos Ermordung 408 brach Alarich wieder in Italien ein, eroberte 410 Rom und gedachte hier eine got. Herrschaft zu begründen, als er starb. Darauf wurden die Westgoten von seinem Schwager Athaulf 412 nach dem südl. Gallien und Spanien geführt. Das Westgotische Reich, das hier gegründet, später in Gallien durch die Franken 507 stark verkürzt, in Spanien 585 durch die Unterwerfung des Suevischen Reichs erweitert wurde, fand 711 durch die Araber seinen Untergang, nachdem die Westgoten selbst sich schon längst romanisiert hatten. Die Ostgoten (s. Goten) erscheinen nach Auflösung der hunnischen Macht, der sie sich unterworfen hatten, in Pannonien: Theodemir und Theodorich d. Gr. führten sie 473 nach Mösien. Mit den Rugiern (s. d.), die von der untern Oder her nach dem Lande an der March und nach Niederösterreich gewandert waren, zogen sie 488 nach Italien, wo der german. Söldnerführer Odoaker (s. d.) 476 dem Weströmischen Reiche ein Ende gemacht hatte. Theodorich d. Gr. überwand diesen und begründete hier das Ostgotische Reich, das aber unter seinen Nachfolgern 535—556 durch die Byzantiner zerstört wurde; in diesen Kämpfen wurde die ostgot. Nation so gut wie ganz aufgerieben. Am weitesten nach Süden drangen die andalen (s. d.), die, selbst got. Stammes, von der Ostseite des Riesengebirges her seit Mare Aurels Zeit allmählich bis zur mittlern Donau vorrückten und um 407 sich nach Westen wandten. Mit ihnen vereinigten sich Alanen und Sueven. Nachdem sie über den Rhein gegangen und Gallien verwüstet, zogen diese Völker bis auf einen Teil der Alanen, der dort zurückblieb, 409 nach Spanien. Hier blieben die Alanen in Lusitanien, die dort 419 durch den Westgoten Wallia füberwältigt wurden. Das Reich der Sueven im nordwestl. Teile des Landes ward erst 585 dem Westgotischen einverleibt. Die Vandalen ehier Genserich (s. d.) 429 nach Afrika und gründete hier ein Reich, das bis 533—534 bestand, wo es durch die Byzantiner wieder vernichtet wurde; auch diese Nation fand dabei den Untergang. Aus dem Lande an der Netze und Warthe waren die Burgundionen gegen Ende des 3. Jahrh. westwärts gezogen und weilten, wie es scheint, als Nachbarn der Alamannen lange Zeit im Gebiete des mittlern und untern Main. Aufgeregt durch den Zug der Alanen, Sueven und Vandalen, uberschritten sie den Rhein 407 und gewannen zunächst bis 413 das westl. Rheinufer, namentlich Pfalz und Rheinhessen mit [Worms, welches in der Nibelungensage ihr Mittelpunkt ist. Von hier infolge von Niederlagen durch die Hunnen aufbrechend, sind sie durch Aêtius 443 um Genf angesiedelt worden, von wo sie sich nachmals über das ganze Rhönegebiet, also über das südöstl. Frankreich und die westl. Schweiz, ausdehnten. Dies Land behielt auch, nachdem es 534 selbst ein Teil des Fränkischen Reichs geworden, ihren Namen. (S. Burgund.) Von der untern Elbe, aus dem Lüneburgischen und der heutigen Altmark zogen im 5. Jahrh. allmählich auch die Longobarden (s. d.) nach Süden, nahmen dann im alten mähr. Lande der Rugier 487 ihren Sitz und zogen dann östlich die Donau abwärts, wo sie 495 die Herrschaft der Heruler (s. d.), die von der Ostsee und den südruss. Steppen dorthin versprengt waren, zerstörten und sich 546 in Pannonien festsetzten. Darauf zertrümmerten sie 566 das Reich der Gepiden (s. d.), das diese, ursprünglich an der untern Weichsel und später in Galizien wohnhaft, nach Auflösung des Hunnischen Reichs an der Theiß, Drau und San gegründet hatten. Aus Pannonien führte Alboin (s. d.) sie 568 nach Italien, wo das Longobardische Reich bis zur Eroberung desselben durch Kaiser Karl d. Gr. 774 bestand. Während nun der europ. Westen zur Ruhe gekommen war, die erst, als bei den nordgerman. oder skandinav. Völkern (. Normannen) im 8. und 9. Jahrh. die Wanderlust erwachte, gestört wurde, dauerte im Osten die Bewegung fort. Das durch den Abzug der Germanen leer gewordene Land von der Weichsel bis zur Elbe, Saale und dem Böhmerwalde war wahrscheinlich schon in der ersten Hälfte des 6. Jahrh. von slaw. Völkerstämmen besetzt. (S. Slawen.) In Rußland (s. d.) währte das Drängen der Slawen gegen die finn. und türk.⸗tatar. Stämme, wie auch südwärts nach der Balkanhalbinsel und den Ostalpen noch längere Zeit. An der untern Donau, wo die Avaren (s. d.), denen die Longobarden Pannonien überließen, das mächtigste Volk waren, bis Karl d. Gr. 796 sie vernichtete, kam die Bewegung auch erst allmählich zum Stillstande, nachdem im 7. Jahrh. die Bulgaren, aber seit 679 in dem Lande zwischen der untern Donau und dem Balkan die Serben und Kroaten seit 620 in den noch heute nach ihnen benannten Ländern feste Sitze genommen hatten. Die Ruhe wurde im 9. Jahrh. unterbrochen durch das Eindringen der Magyaren in Ungarn (. d.), deren Zügen nach Westen hin die sächs. Könige im 10. Jahrh. ein Ziel setzten. Litteratur. E. von Wietersheim, Geschichte der V.» (4 Bde., Lpz. 1859—64; umgearbeitet von F. Dahn, 2 Bde., Lpz. 1880—81); Dahn, «Die Könige der Germanen „ (6 Bde., Münch. 1861— 76); Pallmann, Die Geschichte der V.5 (Bd. 1 u. 2, Gotha u. Weim. 1863—64); Dahn, «Urgeschichte der german. und roman. Völkero (2 Bde., Berl. 1880—81). Der Dichter Hermann Lingg veröffentlichte eine epische Dichtung: „Die BV.» (3 Bde.,

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 321Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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