FeedVorsehung
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Vorsehung, Fürsehung, Providenz (providentia), bezeichnet in der religiösen und theol. Sprache die göttliche Erhaltung und Regierung der Welt, im engern Sinne aber die göttliche Leitung der menschlichen Geschicke und speziell der Geschicke der Frommen. Die religiöse Betrachtung muß die Welt nicht minder als in ihrem Ursprunge auch in ihrem Verlaufe schlechthin abhängig setzen von der göttlichen Causalität. Wie nun aber die populäre Vorstellung das Dasein der Welt als ein Geschaffensein in der Zeit betrachtet, so schaut sie den Weltverlauf, und zwar ebensowohl den in der Welt wirksamen Causalzusammenhang als die von uns in diesem Zusammenhange wahrgenommene Zweckverknüpfung als abhängig an von einem Wirken Gottes in der Zeit und unterscheidet in demselben ein Vorher und Nachher, ein Vorherbeschließen (Vorhervorsehen) und ein nachfolgendes Ausführen. Indem man sich Gott ferner nach Art einer von außen her auf den Weltverlauf einwirkenden und bestimmenden Einzelursache denkt, malt man die göttliche Leitung der Dinge nach Art einer mensch—⸗ lichen Regierung, nur ungleich vollkommener und mächtiger als diese aus, und nimmt an, daß die allmächtige, allwissende und allweise göttliche Regierung das Größte und das Geringste gleicherweise umfasse. Auch gegenüber der menschlichen Freiheit und den bösen Handlungen speziell hält die religiöse Betrachtung den Vorsehungsglauben aufrecht, ohne aber ins Klare bringen zu können, wie beides miteinander verträglich sei. Während die reform. Theorie mit größerer oder geringerer Konsequenz einem religiösen Determinismus huldigt, sucht die lutherische dadurch Raum für die Freiheit zu gewinnen, daß sie die göttliche Mitwirkung zum Bösen als bloße Zulassung und als Leitung zum guten Ziele faßt, ohne jedoch den philos. Schwierigkeiten dieser Annahme entgehen zu können, die um so größer sind, da doch das Gute (wenigstens auf geistlichem Gebiete) auch nach luth. Lehre allein von Gott gewirkt sein soll. Die Reformierten wollten mit ihrer Lehre von der V., von welcher die Prädestination (s. d.) rein theoretisch betrachtet nur eine Konsequenz ist, doch auch nicht Gott zum Urheber des Bösen machen, wie die Lutheraner ihnen schuld geben, vermögen aber ihrerseits die Schwierigkeiten ihrer Lehre nicht völlig zu beseitigen. Auf dem supernaturalistischen Standpunkte, welcher Gott und Welt äußerlich gegenüberstellt und von dem gewöhnlichen göttlichen Wirken im Naturzusammenhange noch ein außerordentliches, durch wunderbares Eingreifen in diesen Zusammenhang sich bethätigendes unterscheidet, sind diese Schwierigkeiten überhaupt nicht zu lösen, und dieselben werden nur noch gesteigert, wenn man den Unterschied von Vorher und Nachher, von Beschließen und Ausführen auf Gott überträgt. Der Rationalismus suchte sich durch die Annahme einer göttlichen Leitung des Naturzusammenhangs, in welchem alles Geschehen nach unverbrüchlich feststehenden Gesetzen eingeschlossen sei, zu helfen, und betonte daneben wieder energisch die menschliche Willensfreiheit, sah sich aber doch genötigt, bei der religiösen Betrachtung den Vorsehungsglauben wieder herbeizuziehen. Dieser unklare Standpunkt konnte sich indessen nur auf Kosten des lebendigen Verhältnisses Gottes zur Welt und durch instinktive Flucht vor jedem Versuche, die göttliche V. auf einen bestimmten Begriff zu bringen, halten, wie oft man auch gerade rationalistischerseits das Walten der V. im Munde führte. Die Hegelsche Philosophie dagegen beseitigte den außerweltlichen Gott und führte die göttliche V. auf das rein innerweltliche Walten der absoluten Vernunftidee zurück, womit freilich das Wunder und die Vorstellung von Gott als einem in den Weltlauf eingreifenden Einzelwesen aufgehoben, zugleich aber der religiöse Gehalt des Vorsehungsglaubens empfindlich beeinträchtigt war. Während die einen, wie Schleiermacher, versuchten, auf dem Grunde der Lehre von der Immanenz Gottes in der Welt einen religiösen Determinismus zu erneuen, gingen andere zur völligen Leugnung jeder religiösen Weltbetrachtung fort und setzten einfach die unverbrüchliche Geltung der Naturgesetze, innerhalb deren doch auch für menschliche Willkür noch Spielraum sei, an die Stelle. Aber diese zuletzt in den Materialismus ausmündende Theorie hob mit der religiösen Ansicht der Dinge zugleich die sittliche auf. Die freie Theologie der Gegenwart sucht die religiöse Weltbetrachtung mit den Ergebnissen der neuern Philosophie dadurch zu vereinigen, daß sie von dem ewigen Wirken Gottes dessen zeitliche Erscheinung für das fromme Bewußtsein unterscheidet, und jenes mit der Wirksamkeit der natürlichen und sittlichen Ordnung Gottes gleichsetzt, letztere aber als ein in der Zeit sich entwickelndes Verhältnis Gottes zum Menschen betrachtet, bei welchem allerdings von einem Vorher und Nachher die Rede sein könne. Innerhalb der sittlichen Ordnung Gottes bleibt auf diesem Standpunkte für die menschliche Freiheit vollkommen Raum, da ihm die Abhängigkeit von Gott keine andere ist als die Abhängigkeit von eben jener sittlichen Ordnung, das Walten Gottes in der sittlichen Welt aber sich von dem Walten Gottes in der Naturwelt spezifisch unterscheidet. Die Schranken der menschlichen Freiheit liegen dann einfach in jener sittlichen Ordnung selbst, ohne daß es noch eines anderweiten Einschreitens Gottes, welches nur ein physisches Machtwirken sein könnte, bedarf. Wird nun ferner jenes göttliche Walten als ein durch und durch geistiges, also intelligentes gefaßt, so ergibt sich hieraus für die Frömmigkeit die dem Gewissen immer aufs neue sich beglaubigende Vorstellung von der allwissenden und allweisen göttlichen Weltregierung, ohne daß man doch darum nötig hat, die menschenähnliche Annahme eines Vorhersehens, Vorherbestimmens, Erlaubens, Zwecksetzens u. s. w. auf das ewige Wirken Gottes selbst zu übertragen. Seine eigentliche Begründung hat daher der Glaube an die göttliche V. in der sittlichen Welt der Freiheit, zu welcher der Mensch sich aus der endlichen Erscheinungswelt erhebt und in welcher er allein seine wahre Bestimmung erfüllt. Indem er in dieser übersinnlichen Welt, auf welche diese Sinnenwelt angelegt ist, den wahren Weltzweck, in ihren unverbrüchlichen Ordnungen das Walten einer ewigen Macht, Weisheit und Güte erkennt, gewinnt der Glaube an die göttliche V. ihren festesten Halt, als der Glaube an ein Reich Gottes in der Welt, dessen Geschichte den wahren Inhalt aller Welt- und Völkergeschichte bildet. Vgl. Lipsius, «Die göttliche Weltregierungo (Frankf. a. M. 1878).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 342Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 7

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Sagen & Mythen 6