FeedWunder
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Wunder (miraculum) nennt man im gewöhnlichen Sinne des Wortes die Ereignisse, welche denen, die sie sahen, Verwunderung abnötigten, weil sie ihnen nach den bekannten Gesetzen der Natur und des Weltlaufs unerklärlich erschienen. Die religiöse Sprache versteht unter W. äußere Merkzeichen der göttlichen Gegenwart und Wirksamkeit, insbesondere die Thatbeweise spezieller göttlicher Providenz in der Führung des Frommen. In diesem Sinne kann für die Frömmigkeit alles zum W. werden, was das Bewußtsein des gegen wärtigen göttlichen Waltens lebendig erregt, daher das W. in der That ades Glaubens liebstes Kindo ist. Da es aber vorzugsweiseunerwartete und außerewöhnliche Ereignisse im Natur⸗ und Menschen eben zu sein pflegen, welche den Glauben an spezielle göttliche Veranstaltung und Führung erregen, so hat man den Begriff der W. vorzugsweise auf dergleichen Ereignisse angewendet. Der antiken Welt-t anschauung, welche wohl einen agewöhnlichen t Naturverlaufo, aber 1900 kein Naturgesetz kannte, r dünkte ein unmittelbares Eingreifen der Gottheit l in den Lauf der Dinge ganz selbstverständlich, daher die ganze Alte Welt den Glauben an W. der mannigfaltigsten Art gemein hat. Die kirchliche Dogmatik bestimmte das W. im strengen Sinne (miraculum rigorosum, absolutum) als ein durch unmittelbare göttliche Allmachtsthat, sei es ohne [h Mitwirkung des gewöhnlichen Naturverlaufs, sei es im Widerspruche mit demselben gewirktes Ereignis. Dabei pflegte man aber an den von den Bekennern anderer Religionen geglaubten W. meist scharfe Kritik zu üben und sie teils aus Betrug, teils aus teuflicher Zauberkunst zu erklären. Die älteste christl. Kirche glaubte im Besitze übernatürlicher Wunderkräfte zu sein, und die kath. Kirche glaubt noch heute an deren Fortdauer innerhalb des kirchlichen Gebietes, wogegen der ältere Protestantismus das W. streng auf das biblische Gebiet beschränkt hat. Doch ist der biblische Wunderbegriff weit elastischer als der moderne. Seitdem der Begriff des Maturgesetzesp oder des strengen, alles Geschehen in der Welt bedingenden Causalzusammenhangs ausgebildet worden ist, muß man unter W. ein Ereignis verstehen, welches allen Naturgesetzen zuwiderläuft, oder womit Gott durch unmittelbares Eingreifen die Ordnung des Weltalls durchbrochen hat. Die moderne Orthodoxie betrachtet die Anerkennung des W. in diesem Sinne als Prüfstein des Glaubens an einen lebendigen Gott, wogegen die kritische Theologie die Ansicht vertritt, daß die „Weltgesetzer gar nichts anderes sind, als die eigenen Ordnungen Gottes in seiner Welt, oder als die Totalität seines geordneten Wirkens, über welche hinaus also Gott nicht noch allerlei anderes, ohne mit sich selbst in Widerspruch zu kommen, bewirken könne.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 768Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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