Wahrheit ist nach der unbefangenen Auffassung des natürlichen Bewußtseins die Übereinstimmung der Vorstellungen mit den wirklichen Dingen und Verhältnissen, oder, wie man zu sagen pflegt, mit den Gegenständen des Denkens. Die naive Weltauffassung geht dabei von der Ansicht aus, daß das Bewußtsein den Dingen etwa wie ein Spiegel gegenüberstehe, in welchem sich die letztern bald klarer, bald trüber und bald richtiger, bald verzerrter abbilden, und sucht infolge dessen die W. der Vorstellungen in der Richtigkeit dieser Abbildung. Bei genauerer überlegung erweist sich jedoch dieser Begriff der W. teils als unzulänglich, teils als zu eng. Einerseits nämlich kommt man, sobald man sich darauf besinnt, woran denn jene übereinstimmung zu erkennen sei, leicht zu der Einsicht, daß eine unmittelbare Vergleichung der Vorstellungen mit Gegenständen überhaupt unmöglich, das menschliche Denken vielmehr unausweichlich in den Umkreis seiner Vorstellungen gebannt und deshalb dasjenige, was als in W. mu von Vorstellung und Ding erscheint, in W. nur eine Vergleichung von verschiedenen Vorstellungen untereinander ist. Prüft man z. B. die W. einer Erinnerung an der erneuerten Gegenwart des erinnerten Gegenstandes, so vergleicht man das Erinnerungsbild nicht sowohl mit dem wirklichen Dinge selbst, als vielmehr mit der neuen Wahrnehmung, welche man von demselben macht. Will man die Richtigkeit einer Voraussetzung durch Experiment oder Beobachtung kontrollieren, so vergleicht man die Vorstellung, welche man sich von dem Gegenstande im voraus gemacht hat, wiederum nicht mit diesem selbst, fondern mit der Wahrnehmung, welche man nur durch seine Gegenwart erhält. Jener Begriff der W., welchen man meistens als materiale Meuhunger bezeichnet, läuft deshalb auf eine Vergleichung erinnerter oder durch den Denkprozeß willkürlich gebildeter Vorstellungen mit Wahrnehmungen hinaus und beruht auf der Voraussetzung, daß man in der