Weber (Karl Maria Friedr. Ernst, Freiherr von), einer der größten deutschen Opern-Wund Liederkomponisten, geb. 18. Dez. 1786 in Eutin, verlor sehr früh seine treffliche Mutter Genofeva, geborene von Brenner. Sein Vater, Franz Anton, früher kurpfälz. Offizier, ein wunderlicher, unstäter Charakter, der vom Militär zur Musik und Theaterleitung übergegangen war, hatte damals am eutiner Hofe eine Kapellmeisterstelle inne, zog aber später, voller + und ohne Ruhe, in Deutschland umher, besonders nachdem sein Wunsch, seinen Sohn zu einem musikalischen Wunderkinde gedeihen zu sehen, in Erfüllung zu gehen schien. W. lernte vielerlei, aber ohne Ordnung und Stetigkeit. Seine rl Maria Friedr. Ernst, Freiherr von) Kunstneigungen blieben lange unentschieden, sodaß auch in den bildenden Künsten Fortschritte ma te, bis endlich die Musik die Oberhand gewann. Bei Heuschkel in Hildburghausen legte er 1796 den Grund zu einem soliden und fertigen Klavierpieler; 1798 genoß er in Salzburg Michael Haydns nterricht und ließ sechs Fughetten als sein erstes Werk drucken, worauf er noch in demselben Jahre bei dem Gesanglehrer Wallishauser (Valesi) und dem Snerben alcher seine Studien fortsetzte. Während er bei Kalcher mit Harmonie⸗ und Kompositionslehre beschäftigt war, schrieb er seine erste Oper «Die Macht der Liebe und des Weinso. Die Erfindung des Steindrucks durch Senefelder in München und die Unvollkommenheit seiner Maschinen brachte die beiden W., Vater und Sohn, auf die Idee, durch Selbstdruck und Selbstverlag sich gänzlich von den spröden Musikverlegern zu emancipieren. Senefelders Verfahren wurde von ihnen verbessert und schon 1798 in den so gedruckten „Sechs Variationen fürs Klavier Nr. 1 erprobt. In Freiberg in Sachsen, wohin sie 1800 kamen, gedachten sie die Sache im großen zu betreiben, waren aber bald mit ihren Mitteln zu Ende. Hier komponierte W. als 14jähriger Knabe die Oper „Das Waldmädcheno, welche im Okt. 1800 zuerst in Chemnitz aufgeführt wurde. In Salzburg schrieb er 1801 die zweiaktige Oper Peter Schmoll und seine Nachbarno, die 1802 in Augsburg zur Aufführung kam. Im J. 1803 kam W. nach Wien, wo er bei Abt Vogler ein Jahr lang eifrig studierte, auch einige Variationen und den Klavierauszug zu Voglers Oper Samorio herausgab. Vogler verchaffte ihm die Stelle eines Musikdirektors in reslau, die er im Herbst c1804 antrat. Ende 1806 ging er auf Einladung des kunstliebenden Prinzen Eugen von Württemberg nach Karlsruh in Schlesien. Außer zwei Symphonien für die dortige Kapelle schrieb er noch mehrere Konzert- und Harmoniestücke. Als der Krieg die Kapelle wie überhaupt diesen Kunst⸗ und Ruhesitz zerstörte, kam W. an den Hof des Herzogs Louis von Württemberg nach Ludwigsburg bei Stuttgart als dessen Sekretär. Hier, an einem wilden, verderbten Hofe, als Schuldenverwalter des Bruders des Königs, führte ihn seine vom Vater ererbte und genährte Neigung, den Cavalier zu spielen, in bedauerliche, mit ihren Nachwirkungen tief in sein folgendes Leben ch hineinziehende Verirrungen. Als dann auch no sein alter Vater im April 1809 bei ihm anlangte, kam er bald dem pekuniären wie moralischen Bankrott nahe. Ende Febr. 1810 wurde er nebst seinem Vater des Landes verwiesen: ein unrühmlicher Abschluß seiner Staatslaufbahn, aber die größte Wohlthat, die ihm als Künstler widerfahren konnte. W. ging im April 1810 nach Darmstadt zu seinem Lehrer Abt Vogler, wo er in Gemeinschaft mit Gänsbacher und Meyerbeer seine Studien wieder aufnahm. Was W. besonders anzog, war Voglers Doppelfähigkeit als Schriftsteller und Komponist, denn der Schriftsteller in ihm hatte soeben erst durch den Umgang mit Gottfried Weber in Mannheim eine neue Anregung erhalten. Was er damals und später als Schriftsteller produzierte, hat ihm viel Verdruß gebracht, der Kunst aber wenig genützt, obwohl es seine Befähigung auch auf diesem Gebiete deutlich bezeugt. In Stuttgart entstanden trotz seiner amtlichen Stellung mehrere bedeutende Kompositionen: die Rochlitzsche Cantate Der erste Tono, Lieder, die erste der vier großen Klaviersonaten, Ouverturen, Symphonien und endlich seine erste namhafte, von Hiemer in Stuttgart nach der Handlung des Waldmädcheno» umgebildete Oper Sylvanas, welche nicht nur in Musik, sondern auch in der Handlung (Wald⸗ und Ritterleben) als ein Vorläufer seiner beiden Hauptwerke «Freischützo und «Euryanthey angesehen werden muß. Merkwürdig, wie die Oper selbst, war für sein folgendes Leben auch ihre erste Aufführung in Frankfurt, 16. Sept. 1810, weil die Titelrolle von seiner nachherigen Frau, Karoline Brandt, geeben wurde. Im Nov. 1810 schrieb er in Mannbeim bei Gottfried Weber die Operette Abu Hassano, ebenfalls von seinem Freunde Hiemer gedichtet, welche stuttgarter Vorgänge (drängende Gläubiger und gequälte Schuldner) behandelt und dortige Persönlichkeiten persifliert. Von Ostern 1813 bis Okt. 1816 leitete er die Oper in Prag als Nachfolger Wenzel Müllers und entfaltete eine bedeutende Thätigkeit. Im Sept. 1814 entstanden auf einer Erholungsreise als Nachwirkung der in Berlin erhaltenen nationalen Anregung seine begeisternden Kriegslieder zu Theodor Körners Dichtungen, an deren Spitze Lützows wilde Jagdo und das Schwertliede stehen und die zum ersten mal die Aufmerksamkeit von ganz Deutschland auf ihn zogen. Nach der Schlacht bei Waterloo folgte die feine Cantate Kampf und Siegʃ. Nachdem er eine prager Stelle aufgegeben, war er 1816 vorübergehend in Berlin und kam Ende dieses Jahres nach Dresden als Kapellmeister an der im Entstehen begriffenen deutschen Oper, die neben der blühenden, vom Hofe begünstigten und mit allen Mitteln der Kunst ausgerüsteten ital. Oper einen harten Stand hatte. Diese Stellung, in der er lebenslang blieb, ist mit ihrem Gegensatze von Italienisch und Deutsch das treueste Bild seines eigenen Kunstcharakters, Schauplatz und Symbol seines Strebens, seiner Kämpfe, Leiden und Siege. Zu Hoffesten entstanden eine Jubelcantate, Jubelouverture, Jubelmesse in Es, die kleinere Messe in G und mehrere Cantaten, fast sämtlich trefflich komponiert, aber mit geringem Danke gelohnt. Zu Anfang 1817 geriet W. in Gemeinschaft mit Johann Friedrich Kind (s. d.) auf die Geschichte des Freischützen, die schon 1810 in Mannheim ihm und seinem Freunde Dusch als passender Opernstoff erschienen war. Die Komposition war 1820 vollendet. Unmittelbar darauf schrieb W. die reiende und charakteristische Musik zu Wolffs Schauspiel (Preciosad, die 15. März 1821 zum ersten mal in Berlin mit nachhaltigem Erfolg auf die Bühne kam und die Erwartungen in hohem Grade spannte auf W.s neue Oper, die ebenfalls dort zuerst erscheinen sollte. Am 18. Juni 1821 wurde dann dort der weltberühmte «Freischützv zum ersten mal aufgeführt und durchflog die Welt im Feuer erregter Begeisterung mit einer Schnelligkeit, wie nie zuvor eine andere Oper. Im J. 1822 erhielt W. den Auftrag, für Wien eine neue große Oper zu schreiben. Bestrebt, etwas von dem Freischützz möglichst Abweichendes zu liefern und dadurch manche laut gewordene Zweifel über die Grenzen seines Talents zu widerlegen, wählte er die von Helmine von Chezy gedichtete «Euryantheß, deren erste, von W. selbst geleitete Aufführung in Wien 25. Okt. desselben Jahres stattfand. Bei dieser Oper hatte er es auf ein besonders inniges Zusammenwirken aller Schwesterkünste der Bühne abgesehen, aber nicht beachtet, daß eine große Oper nur auf dem Grunde eines großen Stoffs, einer klaren und durchsichtigen Handlung ½ kann. Das Schicksal des Werks war schon durch die Wahl des Texrtes vorbestimmt; es repräsentiert die unklare und verschwommene, wie der Freischützo die frische und populäre Seite der Romantik. Anfang 1824 erhielt W. von London den Auftrag, eint Oper zu schreiben, und wählte den Oberon». Trotz seiner Kränklichkeit ging er im Febr. 1826 nach London, wo er am 12. April den «Oberone mit lebhaftem Beifall aufführte. Aber schon 5. Juni starb er daselbst im Hause seines Freundes, des 1867 in hohem Alter verschiedenen Musikers Sir George Smart, an einem Hals- und Lungenübel. Im J. 1844 wurden seine Reste nach Dresden gebracht und 1860 ihm hier auf dem Theaterplatz ein von Rietschel ausgeführtes Denkmal errichtet. W. ist der Schöpfer der romantischen Oper mit allen ihren Vorzügen und Mängeln. Nicht Kirchen- oder Kammermusik, sondern Lied, Gesellschaftsgesang und Oper waren seine Domäne. Er besaß ein großes Talent für Regie und Direktion. Von Kind an waren ihm, dem Sohne eines wandernden Schauspieldirektors, theatralische Dinge die eigentliche Heimat bei sonstiger Unstätigkeit, und wurden dann das Fundament seiner Praxis. W.s eigentliche Schule (Marschner u. a.) wurzelt im „Freischützo. Doch auch «Euryanthes und Oberonzeigen sich dadurch als Werke von histor. Bedeutung, daß sie auf die Kunst der folgenden Epoche (Mendelssohn, Wagner u. s. w.) vorbildend gewirkt haben. W.s „Hinterlassene Schriftens wurden durch Theodor Hell (3 Bde., Dresd. 1828) herausgegeben. Vgl. Jähns, ul Mata von Katalog der Werke von Karl Maria von W. (Berl. 1871). W.s Leben ist ausführlich beschrieben von seinem Sohne Max Maria von Weber in Karl Maria von W. Ein Lebensbildo (3 Bde., Lpz. 1864). Vgl. noch Jähns, Karl Maria von W. Eine Lebensskizzes (Berl. 1873); Kohut, «Webergedenkbuchh (Lpz. 1887). Als Festschrift zu W.s 100. Geburtstag (18. Dez. 1886) erschienen MReisebriefe von Karl Maria von W. an seine Gattin⸗ (herausg. von seinem Enkel, Lpz. 1886).