Weichsel (poln. Wista, lat. Vistula), einer der wichtigsten Ströme Preußens und der wichtigste Polens, sowie der größte des Ostseegebiets, entsteht im Jablunkagebirge nordöstlich von Jablunkau in Osterreichisch-Schlesien, in dem großen, 4085 E. zählenden Dorfe W. (Visla) aus der Vereinigung der Weißen, Kleinen und Schwarzen W. (Biala, Molinka und Czerna), von denen erstere in 975 m Höhe am Westabhange des Magurkabergs, letztere in 1154m Höhe aus einem Sumpfe unterhalb der Kuppe des Beskidberges kommt. Vom Dorfe W., wo der Fluß einen hohen Wasserfall bildet, geht er in einem von felsigen Rändern begrenzten Thale bis zur Stadt Schwarzwasser (33 mbreit, in 249 m Höhe), wo er das Gebirgsland verläßt, bildet hierauf auf 45 km die Grenze zwischen Osterreichisch-Schlesien und Galizien einerseits und der preuß. Provinz Schlesien andererseits, fließt dann über Krakau (80m breit, 179mhoch), hierauf auf der Grenze zwischen Galizien und Polen bis zur Einmündung des San, unterhalb Sandomir. Unterhalb der Sanmündung tritt die W. ganz auf das poln. Gebiet, durchfließt dasselbe in einem weiten, gegen Westen geöffneten Bogen, und zwar zuerst nordwärts, verläßt bei Pulawy das südpoln. Plateau, behält aber noch bis zur Mündung der 240 km langen und bei hohem Wasserstande schiffbaren Pilica ein bis auf 3,7 Kmeingeengtes Thal zwischen steilen bewaldeten Rändern. Von Pulawy an durchfließt sie die weite fruchtbare Ebene zwischen niedrigen Ufern, 600—1100mbreit, über die Weichselfestungen giewsk, dann nach Einmündung des Bug west⸗ und nordwestwärts, auf der rechten Seite wieder von 7 Steilufern begleitet, über Plock und Dobrzyn. Von oberhalb Czerwinsk bis Plock ziehen sich in fast ununterbrochener Folge viele langgestreckte, sandige Inseln (Kämpe) im Strome hin. In Polen ist die W. nirgends künstlich eingedämmt und setzt deshalb alljährlich die flachen Ufer unter Wasser, daher liegen die Ortschaften entweder von der W. entfernt oder auf hochgelegenen Punkten. Als ein 925 m breiter Fluß tritt die W. sodann bei Ottlotschin auf das preuß. Gebiet, 15 km oberhalb der Festung Thorn (der Wasserspiegel hier 35 m über dem Meere), wo auf dem linken Ufer bewaldete, dünenartige Hügelreihen sich erheben. Unterhalb der Mündung der Brahe und des Brombergerkanals, 190 km von der Mündung, durchbricht sie, über Kulm, Schwetz und Graudenz gegen Nordnordost, zuletzt gegen Norden fließend, den preuß. Landrücken in einem tief eingeschnittenen, breiten und fruchtbaren Niederungsthal, in dem sie mehrarmig zwischen schönbewaldeten Inseln und Sandwerdern in großer Breite dahinfließt. Bei Mewe, wo der Strom eine Breite von 1100 maufweist, unterhalb Marienwerder ist der Durchbruch vollendet, und es eröffnet sich die preuß. Weichselniederung, ein sehr fruchtbares, aber trotz der bis 8 m hohen Dämme nicht selten verheerenden Überschwemmungen ausgesetztes Deltaland von 1980 akm Fläche, das zwischen Danzig und Elbing 53 Em breit ist; westlich von der W. liegt der Danziger Werder, zwischen W. und Nogat der Große Marienburger Werder, östlich von der Nogat der Kleine Marienburger Werder; dazu kommt die Elbinger Niederung und zwischen den untern Weichselarmen und der Ostsee die Nehrung. Hier teilte sich ehemals die in dieser Gegend durchschnittlich Im tiefe W. bei der Montauer Spitze zunächst in zwei Arme: W. (westlich) und Nogat löstlich); die Ausflußstelle der Nogat ist jedoch seit den großen Strombauten von 1845—57 verstopft; seitdem führt 4 Km unterhalb der 2 kKm lange Weichsel-Nogatkanal zur Nogat, die bei Marienburg vorüberfließt und nach einem Laufe von 51, km zwischen sehr niedrig gelegenen Inseln mit 20 Mündungen in das Frische Haff sich ergießt, deren eine (die östliche, die Breite Fahrt) durch den 6 km langen Kraffohlkanal (1795 angelegt) mit der Elbing verbunden wird. Der westl. Arm, die W., teilt sich, nachdem er Dirschau 630 m breit berührt hat, an dem sog. Danziger Haupt, unter Käsemark, abermals: der östl. Arm, die Elbinger Weichsel, 22,6 km lang, empfängt seit dem Durchbruch von Neufähr in normalen Verhältnissen aus dem Hauptstrome kein Wasser mehr und ergießt sich mit 14 Mündungen ebenfalls in das Frische Haff; der westliche, schwächere, der Versandung besonders unterworfene Arm, die Danziger Weichsel, 33,3 Em lang, im Durchschnitt! 2,6 m tief, fließt an Danzig vorüber und ergießt sich bei der Festung Weichselmünde in die Ostsee. Doch ist diese Mündung, die Norderfahrt, nur noch für Kähne fahrbar, da sich Sandbänke davorgelegt haben. Der eigentliche Hafen und die Einfahrt in die W. für Danzig wird durch einen Kanal, die Westerfahrt oder Reufahrwasser, gebildet, der bereits im 17. Jahrh. durch eine tiefe Sandbank, die Platte, durch-4e gebaggert wurde, durch Schleusenwerke gegen Versandung gesichert ist und jährlich einen bedeutenden Kostenaufwand erfordert, um die in die See gehenden Molen gegen Versandung zu schützen. Durch den seit 1844 neu angelegten 76 kmelangen Oberländischen Kanal von 39 m Breite und 5,8 m Tiefe wird das 76 ha große Danziger Hafenbecken unmittelbar mit der Ostsee verbunden, sodaß Seeschiffe mit voller Ladung bis Danzig fahren und hier noch einen Winterhafen finden können. Während des Eisgangs 1840 bahnte sich 2. Febr. der Strom noch eine neue Mündung, die Todte Weichsel, indem er zwischen Neufähr und Bohnsack, 15 km östlich von Danzig, die schmale Nehrung durchriß und in nördl. Richtung in die Ostsee floß. Allein auch dieser Durchbruch ist gegenwärtig schon stark versandet und für die Schiffahrt untauglich. Die ganze Stromlänge der W. beträgt 1050 km, wovon 246,5 auf die Provinz Westpreußen und 45 auf die österr.⸗preuß. Grenze in Oberschlesien entfallen. Durch zahlreiche Nebenflüsse, von denen aber nur der San, der Bug und die Brahe für die Schiffahrt von Wichtigkeit, wird das Flußgebiet auf 181700 qkm erweitert, wovon 68000 auf Osterreich, 27775 auf Preußen kommen. Durch den Brombergerkanal steht die W. mit der Netze und so mit der Warthe und Oder in Verbindung. Schiffbar wird die W. schon bei Zabrzeg für kleinere, bei Krakau für mittlere, aber für größere Fahrzeuge erst bei Zawichost, nach Aufnahme des San. Seit 1848 ist auf der W. von Warschau aus eine regelmäßige Dampfschiffahrt im Betriebe; bei günstigem Wasserstande gehen Dampfer stromaufwärts über Iwangorod, Nowo-Alexandrya und Zawichost bis Sandomierz, am Schlepptau schwer beladene Kähne nachziehend. Die Schiffahrt dauert gewöhnlich vom April bis zum Oktober. Außer dem großen Hochwasser des März hat zwar die W. noch zwei andere zu Johannis und Jakobi, die sog. Janöwka und Jakoboöwka, doch wird die Schifffahrt und zumal der Dampferverkehr im Hochsommer nicht selten durch Wassermangel unterbrochen, am regelmäßigsten besteht sie zwischen Thorn und Wlöckawek, Plock und Warschau, sowie zwischen Nowo-Alexandrya und Sandomierz. Die Tiefe des Stroms wechselt vielfach, besonders durch die fast alljährliche Veränderung der Strömung und den Eisgang. Trotz ihrer Wassermasse und Stromgeschwindigkeit friert die W. fast jeden Winter zu. Eisenbahnbrücken führen über den Strom bei Zabrzeg, Czarnuchowice unweit Oswiecim, Krakau, IJwangorod, zwischen Warschau und Praga: innerhalb Preußens führen drei feste Eisenbahnbrücken über den Strom: bei Thorn, Graudenz und Dirschau, außerdem eine bei Marienburg über die Nogat; die von Dirschau und Marienburg sind durch Festungswerke geschützt. Bemerkenswert sind in Galizien eine Chausseebrücke bei Zabrzeg und zwei Straßenbrücken bei Krakau; in Polen eine Straßengitterbrücke zwischen Warschau und Praga, Schiffbrücken bei Plock und Wlöckawek. Die Furt oberhalb von Czerwinsk ist zugleich die breiteste Stelle des Stroms innerhalb Polens, derselbe hat hier eine Breite von 1200 m bei einer Tiefe bis zu 2mz mehrere Inseln teilen hier das Fahrwasser in drei Arme. Die W. liefert viele und gute Fische. Der größte Vorteil aber, den sie Polen gewährt, ist die bequeme Ausfuhr der Landeserzeugnisse an Getreide, Holz u. s. w., die auf einer großen Anzahl von Schiffen und Flößen jährlich nach Danzig gebracht und von da ausgeführt werden, doch ist in neuester Zeit die sehr bedeutende Getreideausfuhr der rechts von der W. liegenden Gouvernements großenteils auf die Bahn Kowel-Lublin-Praga-Mlawa-Danzig übergegangen. Vgl. Kalbus und Brandstätter, Die W. von ihrem Ursprung bis zu ihrer Mündung» (Danz. 1852—53); Brandstätter, „Die W., historisch, topographisch und malerischv (Marienwerder 1853); Licht, «Die untern Weichselniederungeno (Danz. 1878).