FeedWestfalen
GeschichteBrockhaus 1882

Westfalen wurde seit der zweiten Hälfte des 8. Jahrh. der westl. Teil des alten, von Karl d. Gr. dem Frankenreiche einverleibten Herzogtums Sachsen (s. d.) genannt. Durch die Wohnsitze der Engern (. d.) an der Weser von dem Lande der bis zur Elbe wohnenden Ostfalen getrennt, reichte dies W. westwärts bis nahe an den Rhein und hatte hier die Franken zu Nachbarn, sowie im Norden die Friesen, im Süden, von der Sieg und Eder an, die Hessen. Bei der Auflösung des Herzogtums Sachsen nach der Achtserklärung Heinrichs des Löwen 1180 verlor sich der Name Ostfalen gänzlich; der Name W. erhielt sich, ging jedoch teils auf das neugebildete Herzogtum W., teils auf den spätern Westfälischen Kreis über. Der Name Rote Erde, mit welchem W. schon seit alter Zeit bezeichnet wurde (s. unter Femgerichte, Bd. VI, S. 670b), beruht vermutlich auf der von den ausgebreiteten Eisenerzlagern herrührenden roten Färbung des Erdbodens, welcher sich in W. an vielen Stellen findet. Historisch begründet ist diese Annahme indes nicht. Bei der Vollziehung der Reichsacht an dem Herzog Heinrich den Löwen nahm der Erzbischof von Köln, Philipp von Heinsberg, das Bergland an der obern Ruhr und Lenne, das Süder-oder Sauerland (.d.), in welchem seine Vorfahren schon in der fränk. Zeit einzelne Güter erworben hatten (Soest, Werl, Medebach, Attendorn u. s. w.), völlig in Besitz, vereinigte dasselbe als Westfälisches Niederstift mitdem Erzbistum Köln und erhielt von Friedrich Barbarossu den Titel eines Herzogs vonEngernund Westfalen mit allen herzogl. Rechten. Paun in der Mitte des 13. Jahrh., unter Erzbischof Konrad von Hochstaden, wurde die neue Besitzung nach Nordosten hin durch Brilon, Erwitte und andere früher paderbornsche Güter vergrößert, mehr noch 1368 in nordwestl. Richtung durch Erwerbung der edeutenden Grafschaft Arnsberg. Zwar verlor Erzbischof Dietrich die wichtige Stadt Soest, die sich 1449 dem Hause Kleve unterwarf: doch durfte sein Nachfolger Ruprecht nach dem die Soester Fehde beendenden Batinteroind von 1464 dafür die seit längerer eit unter märk. Hoheit stehenden und um diese Zeit verfallenen Lehnsherrschaften und Schlösser Fredeburg und Bilstein dem Herzogtum W. einverleiben, welche Verbindung sofort durch eine «Erblandvereinigungs festgestellt wurde. UÜbrigens gehörte dies neue Herzogtum W. als Zubehör des Erzstifts Köln nicht zum Westfälischen, sondern zum Kur⸗ oder Niederrheinischen Kreise des Deutschen Reichs. Der Westfälische Kreis begriff das Land zwischen Niedersachsen, den Niederlanden, Thüringen und Hessen, sowie ansehnliche Landesbezirke jenseit des Rheins und wurde zum Teil vom Niederrheinischen Kreise durchschnitten. Seiner am Rhein gelegenen Zubehörungen wegen hieß er auch Riederrheinisch⸗-Westfälischer Kreisv. Derselbe umaßte 1792 die vier Bistümer Münster, Paderborn, snabrück und Lüttich, die sieben Abteien Korvei, Stablo-Malmedy, St. Cornelismünster, Thorn, Werden, Essen und Herford, sowie die kurtriersche Herrschaft Vallendar. Dazu kamen an weltlichem Gebiet zunächst von Kurbrandenburg die Herzogtümer Kleve und Geldern, die Fürstentümer Minden, Mörs und Ostfriesland, die Grafschaften Mark, Ravensberg, Lingen, Tecklenburg und Sayn-Altenkirchen; von Kurpfalzbayern die Herzogtümer Jülich und Berg; von Kurhannover das Fürstentum Verden, die Grafschaften Hoya, Diepholz, Spiegelberg und Hallermund, sowie das Amt Wildeshausen; vom Hause Holstein-Gottorp das Herzogtum Oldenburg mit Delmenhorst; von Nassau-Oranien das Fürstentum Siegen, die Grafschaft Diez und die gefürsteten Grafschaften Hadamar und Dillenburg: von Hessen-Kassel die halbe Grafschaft Schaumburg an der Weser (Rinteln) und die Amter Auburg, Uchte und Freudenberg; von Anhalt-Bernburg die Herrschaft Jever und die Grafschaft Holzapfel-Schaumburg an der Lahn; vom Fürstentum Aremberg die Grafschaft Schleiden; von Braunschweig-Wolfenbüttel das Amt Thedinghausen; vom Fürstentum Salm-Salm die Herrschaft Anholt; ferner die Grafschaften Wied, Sayn, Schaumburg, Lippe, Bentheim, Steinfurt, Virneburg, Rietberg, Pyrmont, Reckheim, Blankenheim und Gerolstein, Kerdur und Lommersun, sowie die Herrschaften Winnenurg und Beilstein, Wittem und Eiß, Gehmen, Gimborn und Neustadt, Wicherod, Mislendonk und Reichenstein. Im ganzen bestand der Kreis aus 42 Reichsfürstentümern, 7 Reichsstiften und 30 Reichsgrafschaften, dazu die 3 Reichsstädte Köln, Aachen und Dortmund und 5 Reichsritterschaften, zusammen 87 Territorien mit einem Areal von 57430 akm, wovon 14206 auf dem linken und 43224 auf dem rechten 006. lagen, und einer Bevölkerung von 2900000 E. Die Kreistage pflegten in der Reichsstadt Köln abgehalten zu werden. Im Lunéviller Frieden vom H. Febr. 1801 verlor der Kreis seine sämtlichen westrhein. Gebietsteile an Frankreich, und 1896 wurde mit der Auflösung des Reichs auch die Kreisverfassung aufgehoben. Schon vorher, nach der 1801 erfolgten Säkularisation des Erzstifts Köln, war durch Reichsdeputationshauptschluß vom 25. Febr. 1803 das kurkölnische Herzogtum Westfalen (damals 3744 akmmit 130000 E.), das zur Hauptstadt Arnsberg hatte und in die vier Quartiere Brilon, Rüthen, Bilstein und Werl zersiel, dem Hause Hessen-Darmstadt als Entschädigung für seine wesirhein. Besitzun jen zugewiesen; von diesem wurde es auf dem Wiener Kongreß durch Vertrag vom 10. Juni 1815 an In abgetreten. Schon 15. Juli sollte das erzogtum übergeben werden. ancherlei Umstände veranlaßten indes einen neuen Vertrag vom 3. Juni 1816, und erst 12. März 1817 wurde die Konvention wegen Übernahme des Herzogtums durch die preuß. Regierung abgeschlossen. Vgl. Seibertz, Landes⸗ und Rechtsgeschichte des Herzogtums W.v (4 Bde., Arnsb. 1839—75); derselbe, «Quellen der westfäl. Geschichte (2 Bde., Arnsb. 1857—60).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 575Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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