Westindien wird der zwischen den beiden Kontinentshälften Amerikas gelegene Archipel genannt, der in einem großen, von Südost nach Nordwest gerichteten Bogen das große centroamerik. Binnenmeer nach Osten zu abschließt. Dieser ganze westind. Archipel, der sich, zwischen 10 und 26 nördl. Breite und zwischen 42* und 67 westl. L., von der Mündung des Orinoco bis zu den Halbinseln Florida und Yucatan zieht, zerfällt in mehrere Gruppen oder Reihen größerer und kleinerer Inseln, welche fast durchgehends eine längliche, der Richtung der Reihen, welchen sie angehören, entsprechende Gestalt haben. Diese Gruppen sind: die Großen und Kleinen Antillen (s. d.) und die Bahama-Inseln (s. d.). Der Flächenraum sämtlicher westind. Inseln beträgt 244 890 akm, wovon 216 260 auf die Großen Antillen, 14095 auf die Kleinen Antillen und 14535 auf die Bahama-Inseln fallen. Slläche, 10 Antillen erheben sich hoch über die Meeresfläche, sodaß man sie als Bruchstücke eines untergegangenen oder vielleicht eines noch nicht vollständig über die Meeresfluten gehobenen Gebirgszugs betrachten kann. Die Bahama-Inseln dagegen bestehen aus niedrigen Korallenfelsen. Die höchsten Berge findet man im westl. Teil von Haiti (2184 m), im östl. Teil von Cuba (2375 m) und im nördlichen von Jamaica (2341m). Auf den Kleinen Antillen findet man die ausgedehntesten Ebenen an der östl. Küste, was auf den Großen Antillen und den Virginischen oder Jungferninseln nicht der Fall ist. Auf den meisten Inseln wird das Hochland von den Niederungen durch schroffe Abhänge geschieden, die besonders auf Haiti auffallend sind. Die zahlreichen Buchten der Inseln bieten sichere Häfen dar. Die Korallen und Madreporenfelsen, die in diesem Meere häufig, haben ebenso viel zur Bildung dieser Inselwelt beigetragen als bei den Inselgruppen im Südmeere. Cuba, die Virginischen Inseln und die Bahama-Inseln sind von ungeheuern Korallenlabyrinthen umgeben, die bis an die Oberfläche des Meers hinaufreichen und mit Palmen bedeckt sind. Mehrere Inseln zeigen Spuren eines vulkanischen Ursprungs. Alle westind. Inseln haben ziemlich gleiches Klima. Die heiße und feuchte Jahreszeit, der westind. Frühling, beginnt im Mai; Laub und Gras erhalten ein frischeres Grün, und um die Mitte des Monats fällt der erste periodische Regen, täglich gegen Mittag. Nach 14tägigem Regen tritt trockenes und beständiges Wetter ein und der tropische Sommer erscheint in aller Herrlichkeit. Die Hitze wird durch die fast während des ganzen Jahres wehenden Ostpassatwinde und die bei dem geringen Umfang der meisten Inseln kräftig wirkenden Seewinde gemildert. Die Feuchtigkeit dauert oft bei der stärksten Sonnenhitze fort, sodaß das Klima in den Niederungen am Meere, besonders den Europäern, durch das Gelbe Fieber und andere den Tropengegenden eigentümliche Krankheiten im höchsten Grade verderblich wird. Eine mildere, reinere und gesündere Luft weht auf den höhern Teilen der Inseln. In der warmen Jahreszeit sind die Nächte außerordentlich schön. Um die Mitte des August wird die Hitze unerträglich und die Seewinde hören fast ganz auf. Der herbstliche Regen wird allgemein im Oktober. Die Wolken ergießen sich in Strömen, die Flüsse schwellen an und überschwemmen die Niederungen. Vom August bis Oktober werden die Inseln von Wirbelstürmen heimgesucht, die oft furchtbare Verheerungen anrichten. Gegen Ende November beginnt ½½ und angenehmes Wetter, nördl. und nordöstl. Winde wehen, und der schönste Winter auf der Erde dauert vom Dezember bis Mai. Ausnahmen von diesen klimatischen Verhältnissen findet man auf den größern Inseln, welche oft durch die von den Bergen wehenden Landwinde erfrischt werden. Eine große Plage Wis sind die furchtbaren Orkane und Erdbeben, durch die ein Teil der Inseln von Zeit zu Zeit heimgesucht wird. Die Uppigkeit des amerik. Pflanzenwuchses zeigt sich auch in W. Mehrere Bäume liefern treffliches Bauholz, wie die Ceder, Eiche u. s. w. Der Mahagonibaum wächst vorzüglich auf Jamaika, wird aber nach und nach seltener. Der Europäer hat hier die Erzeugnisse des Orients und des Abendlandes zu vereinigen gewußt. Pomeranzen, Citronen, Granaten, Feigen wachsen rings um die Pflanzungen; die meisten europ. Obstarten gedeihen in den Gebirgsgegenden, während die Ebenen die herrlichsten tropischen Gewächse liefern. Die ungeheuern Wiesenflächen (Savannen) im Innern der größern Inseln bedeckt ein samtartiges Grün. Der Hauptreichtum besteht in den aus der Kultur der tropischen Handelspflanzen gewonnenen Produkten. Die Vanille wächst nur in den Wäldern von Jamaika wild, die Aloé auf Cuba und den Bahama-Inseln. Indigo. Piment, Kakao, Kokosnuß, Mais, Tabak und Baumwolle findet man auf vielen Inseln. Wams und Bataten, beide einheimisch, sind die Hauptnahrung. der Neger. Die Brotfrucht wurde von Tahiti nach Jamaika verpflanzt. Von Getreidearten wird nur der Mais stark gebaut, Weizen dagegen nur wenig; man bedarf daher dessen Zufuhr aus Canada und den Vereinigten Staaten. Die Hauptstapelwaren W.s sind Zucker und Kaffee. Das auf den westind. Inseln angebaute Zuckerrohr wurde im 16. Jahrh. durch die Spanier von den Canarischen Inseln gebracht und der Kaffeebaum aus Arabien besonders von Niederländern und Franzosen in W. eingeführt. Die Baumwolle ist häufig auf Inseln, die einen trockenen und steinigen Boden haben, doch die Ernte der herrschenden Feuchtigkeit wegen oft unsicher. Vor der Ankunft der Europäer waren nur wenige Arten vierfüßiger Tiere einheimisch, besonders kleinere Arten, wie das Aguti, eine Mittelgattung zwischen Kaninchen und Ratten, das Pecari oder mexit. Schwein, das Armadill, das Opossum und kleinere Affenarten. Häufig sind Eidechsen, Skorpione und Schlangen; aber nur Martinique und Ste.⸗Lucie haben wahre Vipern und giftige Skorpione. Der gefräßige Kaiman lebt in stillen Gesprechen einen verdorbenen Dialekt (das sog. Kreolisch) der Sprache des Volks, unter dessen Herrschaft sie stehen. Von den europ. Nationen sind am zahlreichsten die Spanier (über 1 Mill.). Dann folgen die Engländer (wenig über 50000), die Franzosen (kaum 50000) und außerdem Holländer, Dänen und Schweden in geringer Zahl. Die Bewohner der Inseln sind Christen, mit Ausnahme der noch nicht bekehrten Neger auf den span. Inseln. Auf den brit., holländ. und dän. Inseln haben sich besonders die Glaubensboten der Brüdergemeine und die Methodisten durch Missionen und Negerschulen um die Bildung der Afrikaner verdient gemacht. Die Einwohner europ. Stammes haben größtenteils die Bildung ihres Mutterlandes, wenn auch meist nur in äußerlicher Weise. Die Hauptbeschäftigung besteht in dem Anbau der Kolonialprodukte und im Handel mit denselben. Handwerke gibt es nur für die notwendigsten Bedürfnisse; alle Fabrikwaren und feinern technischen Erzeugnisse werden aus Europa eingeführt. Mit Ausnahme des freien Haiti (s. d.), welches mit den anliegenden kleinen Eilanden 77254 akm etwa 850000 C. zählt, sind alle Inseln Kolonien von fünf europ. Staaten. Das Spanische Westindien, zwar nicht mehr so umfänglich wie in früherer Zeit, hat noch unter allen das größte Areal und die stärkste Bevölkerung. Es umfaßt die beiden Inseln (Generalkapitanien) Cuba (s. d.) und Portorico (s. d.) nebst Pertinenzien, zusammen 128 148 akm mit 2275 997 E., worunter 908 400 Farbige. Das Britische Westindien hat auf 34499 qkm eine Bevölkerung von 1227863 E., worunter über 900000 Neger, Mulatten und neueingeführte Kulis. Es besteht, abgesehen von den Bermuda-Inseln, welche nur von den Engländern zu W. gerechnet werden, aus fünf Gouvernements, zunächst: Jamaika (s. d.), mit den Caymansinseln 11443 qkm mit 583 204 E.; Bahama-Inseln (s. d.) mit den Turcs und Caicos 14535 qkm mit 48299 E.; Trinidad (s. d.) 4544 qkm mit 155532 E.; Windward-Islands oder Gouvernement Barbadoes, bestehend aus Barbadoes (s. d.) und den unter vier Lieutenant-Governors stehenden Inseln Tabago, Grenada mit den Grenadinos, St.⸗Vincent, Ste.⸗Lucie oder Sta.⸗Lucia, 2150 akm mit 318 200 E.; Leeward-Islands oder Gouvernement Antigua mit der Insel Antigua (s. d.) nebst Barbuda und den unter vier Lieutenant-Governors stehenden Inseln und Eilandgruppen Dominica, Montsexrrat, St.⸗Christoph oder St.⸗Kitts, Nevis, Anguilla und Tortola mit den ubrigen brit. Virginischen Inseln (s. d.), zusammen 1827 qkm mit 122628 E. Unter allen europ. Mächten, welche Ansiedelungen in W. besitzen, hat die engl. Regierung die größte Sorgfalt auf eine liberale Verwaltung und auf ein zweckmäßiges Verteidigungssystem gewendet. Der Gouverneur der Inseln oder der einzelnen Inselgruppen übt im Namen der Königin die vollziehende Gewalt aus; überall ist ihm ein Regierungsrat aus den Eingeborenen beigesetzt. In den meisten brit. Kolonien gibt es eine Gesetzgebende Versammlung, die in ein Oberhaus und ein Unterhaus zerfällt, jenes aus daes von der Krone ernannten Mitgliedern, dieses aus den gewählten Repräsentanten der Provinzen bestehend. Die richterliche Gewalt wird unabhängig durch besondere Gerichtshöfe ausgeübt. Die Einnahmen beliefen sich 1883 auf 1506000, die Ausgaben auf 1466000, die Schuld auf 2020000, die Einfuhr auf 6686000, die Ausfuhr auf 6675000 Pfd. St. Die französischen Kolonien bereifen ein Areal von 2858 qkm mit 364884 E. ie bestehen aus den Hauptinseln Martinique (s. d.) und Guadeloupe (s. d.). Die erstere zählt auf 988 akm 166988, die letztere mit ihren Dependenzen (Marie-Galante, Les⸗-Saintes, Desirade, St.⸗Barthelemy und dem nördl. größern Teil der im übrigen niederländ. Insel St.⸗Martin) 1870 qkmtmit 197896 E. Die niederländischen Kolonien haben einen Flächenraum von 1130,33 akmemit 44153 E. Sie bestehen aus Curagao (s. d.) nebst den Nachbareilanden, aus St.⸗Eustache (s. d.), Saba (12,83 qkmemit 2300 CE.) und dem südl. Teil der Insel St.⸗Martin (46,5 akm mit 3395 E.), welche 1638 von den Franzosen und Holländern gemeinschaftlich angebaut und 1648 geteilt wurde. Die dänischen Kolonien zählen auf 359 qkm 33763 E., meist freie Schwarze. Sie bestehen aus drei zu den Virginischen Inseln gerechneten Eilanden: Ste.⸗Croix, St.-Jan und St.⸗Thomas. (Hierzu eine Karte: Die Antillen, Bd I, S. 717.) Die ersten westind. Inseln, Bahama, Cuba, Haiti und Portorico, wurden seit 1492 durch Columbus (s. d.) entdeckt. Da man in ihnen das von Columbus gesuchte Indien gefunden zu haben meinte, so erhielten sie, als man erkannt, daß man einen ganz neuen Erdteil gefunden, den Namen W., im Gegensatze zu Ostindien. Man fand zwei verschiedene Menschenstämme, die Karaiben (s. d.) und die Arrowaks, auf Cuba, Haiti, Portorico, den Bahama-Inseln und Jamaika, jene kriegerisch, diese friedlich, beide mit verschiedenen Sprachen. Die Karaiben mögen die schwächern Stämme vertilgt haben, wie sie selbst den Europäern weichen mußten. Es leben jetzt nur noch geringe überreste von ihnen auf der Küste des südamerikanischen Festlandes, wohin die Spanier sie verpflanzt haben. Die Spanier gründeten die ersten Niederlassungen auf Cuba; die Eingeborenen aber wurden durch Tribut an Gold und Baumwolle hart gedrückt. Seit 1503 begann die völlige Verteilung der Bodenfläche (repartimientos) unter den Europäern. Durch diese Einrichtung wurden eigentlich wider den Willen der span. Regierung die Eingeborenen zu Sklaven gemacht, und die allmähliche Ausrottung des Urstammes war zu Anfang des 17. Jahrh. vollständig. Es begann nun auf den westind. Inseln der Anbau von Kolonialwaren, Gewürzen, Farbehölzern und Baumwolle. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. gerieten die Inseln in Verfall; Anbau und Bevölkerung nahmen ab, weil die despotischen Einrichtungen der span. Regierung die Entwickelung der innern Kraft hinderten. Die Statthalter der Inseln waren ganz abhängig von der Regierung. Der Handel wurde immer mehr gefesselt; kein Schiff eines andern europ. Volks durfte landen; die Kolonisten konnten nur mit einer einzigen span. Stadt (Sevilla und seit 1720 Cadiz) handeln. Die Ausfuhr der einheimischen Erzeugnisse war in spätern Zeiten auf gewisse Flotten beschränkt. Viele Kolonisten wanderten aus, und die Inseln verödeten. Alle kleinern Küstenstädte wurden zerstört, um den Schleichhandel zu hemmen. Bei dem zunehmenden Sinken der span. Macht wurden auch von andern Seemächten feindliche Unternehmungen gemacht. Die größte Gefahr aber brachten den Kolonien seit 1630 die Flibustier (s. d.), die endlich einen förmlichen Raubstaat bildeten. Auf manchen Inseln wurde durch sie der Grund zur ersten Ansiedelung gelegt. Als im 17. Jahrh. auch andere europ. Mächte Inseln in W. erwarben, besonders aber seit der Mitte des 18. Jahrh., erhoben sich die westind. Kolonien zu neuer Blüte. Die europ. Seemächte suchten sie sich einander zu entreißen, und mehrmals gaben sie zu Kriegen Veranlassung. Vgl. Montgomery Martin, «The history, geography and statistics of the West-Indieso (5 Bde., Lond. 1834—35); Southey, History of the West-Indieso (3 Bde., Lond. 1827); Meinicke, «Versuch einer Geschichte der europ. Kolonien in W.y (Weim. 1831); Bates, «Central-America, West-Indies and South-Americas(Lond. 1878); Moister, The West-Indies, enslaved and freer (Lond. 1883).