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PflanzenreichBrockhaus 1882

Wildling, Grundstamm oder Unterlage nennt man in der Gärtnerei, vorzugsweise in der Baumschule, einen Stamm, welcher dazu benutzt wird, ein Auge oder einen Trieb einer verwandten edlern Pflanze (Art oder Spielart) aufzunehmen, veredelt zu werden. Zweck dieser lberpflanzung ist raschere Vermehrung der edlern Pflanze, kräftigeres Wachstum, frühere Blüte und Frucht. Ganz besonders aber handelt es sich bei dieser Operation um die Fortpflanzung von Varietäten, welche sich aus Samen nur selten mit allen ihren Zier⸗ oder Nutzwerten wieder erzeugen. (S. Veredelung.) Ob zwei Gewächse nicht bloß nach äußern Merkmalen, sondern auch Imi. ihren innern Verhältnissen in dem Grade miteinander verwandt seien, daß die Verschmelzung des übergepflanzten Teils mit dem W. gesichert ist, darüber kann nur die Erfahrung entscheiden. So sind beispielsweise der Birn- und Apfelbaum zwar sehr nahe verwandte Arten, aber sehr selten geht ein Teil des einen mit dem andern als Grundstamm eine oberflächliche Verbindung ein. Als Unterlage für den Apfel verwendet man Apfelwildlinge, sowie den Johannis- und den Süßapfel, zwei Formen des Strauchapfels (Malus praecox Borhli.), von denen der erste auch Paradies—⸗ apfel und der zweite Douein genannt wird. Für Birnen werden benutzt, Birnenwildlinge, Quitten, Eberesche (Sorbus Aucuparia) und Weißdorn (Crataegus Oxyacantha). Für den Pfirsich verwendet man den Pfirsichwildling, den Mandelbaum, Pflaumenwildlinge und den Schwarzdorn (Prunus spinosa). Die Aprikose wird veredelt auf dem Aprikosenwildling, auch Pflaumen, Mandelbaum und Schwarzdorn. Als Unterlagen für Kirschen und Weichseln finden deren Sämlinge, sowie Samenpflanzen der wilden Kirsche (Cerasus avium) mit schwarzer oder roter Frucht und die Steinweichsel (Prunus Mahaleb) Verwendung. Für Pflaumen und Zwetschen gebraucht man als Grundstämme aus kräftigen Arten und Formen erzogene Sämlinge, besonders auch Samenpflanzen des St.⸗Julien und der Kirschpflaume oder Myrobalane (Prunus cerifera). Für die Wahl des Grundstammes sind, was den Obstbaum betrifft, Lage und Boden, sowie die den Bäumen zu gebende Form (Hochstamm, Zwergstamm, Spalier, Topfbaum etc.) maßgebend. Um den Johannis- und Stachelbeerstrauch hochstämmig zu erziehen, benutzt man Ribes aureum und R. nigrum als Unterlage. Edle Gartenrosen erhalten als solche die Heckenrose (Rosa canina), die Manettirose, einen in Italien erzogenen Sämling re. Arten und Spielarten der Gattung Syringa veredelt man auf den gemeinen Flieder (S. vulgaris), und will man niedrige Kronenbäume bilden, auf die Rainweide (Ligustrum vulgare) etc. Die früher oft aufgestellte Behauptung, daß der Wildling das Edelreis in Form und Färbung des Laubes und der Blüten, sowie in der Bildung und Beschaffenheit der Frucht beeinflussen könne, ist durch die Erfahrung als unhaltbar nachgewiesen. Nur das steht fest, daß der Wildling je nach seiner Art den Wuchs des Edelholzes zu kräftigen oder zu mäßigen im Stande sei, eine Thatsache, welche auf dem Gebiete des Obstbaues schon längst für die Erziehung kräftiger Hochstämme oder schwachwüchsiger Zwergbäume verwertet wird.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 640Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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