Wismar, die zweite See⸗ und Handelsstadt im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin liegt an der wismarschen Bucht, welche einen der besten Häfen der Ostsee bildet, durch Zweigbahn nach Kleinen mit den Mecklenburgischen Eisenbahnen, und durch Sekundärbahn mit Normalspur mit Rostock verbunden, ist Sitz eines Amtsgerichts und zählt (1885) 16011 E. Die geräumige, freundliche Stadt hat breite Straßen, einen großen, von hübschen Gebäuden umgebenen Marktplatz, und zeichnet sich vor sämtlichen andern mecklenb. Städten durch vorzügliche enden Oe und gutes Pflaster aus. Von hervorragenden Bauten sind zu nennen: die Marienkirche, ein gotischer Bau aus dem 14. Jahrh., mit 80 m hohem Turm; die St. Georgenkirche (Chor aus dem Anfang des 14. Jahrh., Neubau vom Turm 1409); die St. Nikolaikirche (1381 —1460 erbaut); der Fürstenhof, ein prachtvoller ital. Rein Relief, den Trojanischen Krieg, Simson und Delila, David und Goliath und das Gleichnis vom verlorenen Sohn darstellend, 1877—79 restauriert, jetzt Amtsgericht; die alte Schule, ein interessanter Ziegelrohbau aus dem Ende des 12. Jahrh., 1882 restauriert und zum städtischen Altertumsmuseum eingerichtet; das Archidiakonatshaus von St. Maangebaut an den Chor der Dominikanerkirche; das Rathaus 1817— 19 erbaut, mit schönem Audienzsaal, 1885 restauriert; das Militärlazarett von Demler, das Postgebäude von 1886, das Schauspielhaus, das Wasserthor aus dem 15. Jahrh. Viele interessante alte Häusergiebel aus dem Ende des 14. u½5 sind noch gut erhalten oder restauriert. Von höhern Unterrichtsanstalten besitzt die Stadt ein Gymnasium mit Realschule, eine städtische höhere Töchterschule, eine Navigations⸗ und eine Gewerbeschule. Die hauptsächlichsten Erwerbsquellen der Einwohner bilden, außer den gewöhnlichen städtischen Gewerben, Fischerei und Ackerbau, besonders aber Handel und Schiffahrt. Die städtische Reederei beschäftigte (1886) 35 eigene Schiffe, darunter 2 Dampfer, außerdem einige kleine Lokaldampfer, mit zusammen 8302 Registertons. Die Ausfuhr beschäftigt sich vorzugsweise mit Landesprodukten, namentlich mit Getreide, Olsaaten, Butter und Vieh. Der Einfuhrhandel (am lebhaftesten mit England und Schweden) hat vorzugsweise Eisen, Steingut, Kalk, namentlich aber Bauholz und Steinkohlen zum Gegenstande. Die Lejonders erlkicht ist bedeutend und wird dadurch besonders erleichtert, daß das Fahrwasser von der Reede bis in den Hafen, ebenso dieser selbst, etwa 5 metief ausgebaggert ist, somit das Anlegen selbst der größten Frachtdampfer gestattet, welche direkt auf die Bahn entladen werden können. Die Zahl der Fabriken hat neuerdings sehr zugenommen. Hauptgegenstände der Produktion sind Eisenguß, Maschinen, Cichorien, Cigarren, Dachpappen und Asphalt u. 6 w.; eine Fabrik von Emailleöfen, sowie eine Holzbearbeitungsfabrik sind bemerkenswert. Ferner sind Bierbrauereien und Brantweinbrennereien zu nennen, die ihre Verbindungen weit über Mecklenburg hinaus erstrecken. Etwa 3 km von W. liegt reizend auf einem hohen Ufer der Ostsee das 1867 neu eingerichtete und 1885 in allen Einzelheiten abermals erneuerte Seebad Wendorf. Dasselbe ist im Sommer von W. mit Dampfschiff in einer Viertelstunde zu erreichen. W. war 1256 — 1358 Hauptstadt des Stammlandes dt mitviel und gleich Rostock eine reiche ansestadt mit vielen Privilegien und Freiheiten. m Westfälischen Frieden wurde es zugleich mit der errschaft W., welche außer der Stadt auch die Domanialämter Neukloster und Poel (letzteres auf der vor dem Wismarischen Meerbusen liegenden gleichnamigen Insel) umfaßt, an die Krone Schweden abgetreten, wofür Mecklenburg als Entschädigung die Bisthümer Schwerin und Ratzeburg als weltliche Fürstenthümer und unmittelbare Reichslehen erhielt. Stadt und Herrschaft W. wurde 26. Juni 1803 für 1258000 Thlr. (Hamb.) Banko von Schweden an Mecklenburg-Schwerin verpfändet, unter der Bedingung, daß Schweden nach 100 Jahren Hehen Rückzahlung dieser Summe nebst 3 Proz. jährlichen Zinsen das Pfand wieder zurücknehmen könne, sodaß also Schweden jetzt noch Ansprüche an W. hat, deren Verwirklichung allerdings kaum noch im Bereiche der Möglichkeit liegt. Infolge dieses Pfandverhältnisses nimmt jedoch W. im Lande eine besondere Stellung ein und ist im mecklenburgischen Landtag nicht vertreten. Hinsichtlich der Verwaltung hat W. bedeutende Vorrechte. Vgl. Burmeister, „Beschreibung von W.» (Wism. 1857).