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ErdkundeBrockhaus 1882

Wittenberg, Kreisstadt im Regierungsbezirk Merseburg der preuß. Provinz Sachsen, an der Elbe, über welche eine 276 melange steinerne Brücke und eine 294 melange Eisenbahnbrücke führt, Station der Linien Berlin-Halle und Falkenburg-Roßlau der Preußischen Staatsbahnen, war bis 1873 Festung dritten Ranges. W. ist Sitz eines Amtsgerichts, hat zwei Kirchen, drei Vorstädte, Friedrichsstadt, Elstervorstadt und Schloßvorstadt, die erst seit 1817 entstanden sind, ein Predigerseminar, ein Gymnasium, eine höhere Töchterschule, ein Hebammen-Lehrinstitut und ein festes Schloß, das früher eine Zeit lang als kurfürstl. Residenz diente, bei dem Bombardement von 1760 aber fast gänzlich zerstört wurde und in einem der noch erhaltenen zwei Türme das 1803 geteilte sächs. Gesamtarchiv enthielt, und zählt (1885) 13 856 E., welche Woll⸗, Lein-und Strumpfweberei, Lederbereitung, Branntweinbrennerei und Bierbrauerei treiben. Die ehemals bedeutende Tuchfabrikation hat aufgehört. Besonders merkwürdig ist das berühmte 399‚0 Gemälde von Lukas Cranach in der Stadtkirche. Dasselbe stellt das Abendmahl dar, wie Christus dem Judas den Bissen reicht, und enthält rechts die Taufe, von Melanchthon, links die Beichte, von Pomeranus verrichtet, unter diesem dreifachen Hauptbilde aber den Gekreuzigten und Luther predigend. Ferner sind zu erwähnen: das Rathaus, 15²23 im Bau begonnen, mit verschiedenen histor. Merkwürdigkeiten, besonders aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs; das frühere Augustinerkloster, worin jetzt das 31. Okt. 1817 von Friedrich Wilhelm III. gegründete Predigerseminar ist, einst von Luther bewohnt, dessen Stube man noch in ihrem alten Zustande zeigt; das Lutherhaus, jetzt stilvoll renoviert, enthält in seinen Sälen die Lutherhalle, eine Sammlung wertvoller Bilder, Autographen, Schriften, Medaillen u. s. w., auf Luther und die Reformatoren bezüglich. Besonders sind Cranachsche Bilder, z. B. die Darstellung der Zehn Gebote, vertreten. Ferner sind zu erwähnen: das frühere Wohnhaus Melanchthons, durch eine Tafel bezeichnet; das mit einer Tafel versehene Wohnhaus Lukas Cranachs am Markte; das auf dem Markte vor dem Rathause bei der dritten Jubelfeier der Reformation gegründete und 1822 auf einem 1200 Ctr. schweren Granitblocke aufgestellte bronzene Denkmal Luthers von Schadow; das westlich von letzterm 31. Okt. 1865 enthüllte eherne Standbild Melanchthons (von Drake); vor allem aber die von Friedrich dem Weisen 1490—99 erbaute Schloß- und Universitätskirche, an deren Thüren Luther 31. Okt. 1517 seine berühmten 95 Sätze anschlug und welche (1886) in vollständiger Restauration begriffen ist. In dieser Kirche liegen Luther, Melanchthon, Friedrich der Weise und Johann der Beständige begraben. Dieselbe wurde 1760 bei der Beschießung der Stadt ein Raub der Flammen, wobei auch drei Gemälde von Albr. Dürer verbrannten, welche die sächs. Fürsten hatten malen lassen. Nachmals wieder aufgebaut, erlitt sie neue Beschädigungen während der Belagerung von 1813, wurde aber auf königl. Kosten 1817 wiederhergestellt. Die ehemaligen hölzernen Thüren ließ König Friedrich Wilhelm IV. 1858 durch eherne ersetzen, auf welchen sich der lat. Wortlaut von Luthers Sätzen befindet. Vgl. Schadow, W.s Denkmäler der Bildnerei, Baukunst und Malerei, mit histor. und artistischen Erläuterungenv» (Wittenb. 1825); Stier, «Die Schloßkirche zu W.v (Wittenb. 1860). Die 1502 von Friedrich dem Weisen in W. gestiftete Universität wurde 1815 mit der Universität Halle unter dem Namen Friedrichs-Universität von Halle⸗

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 707Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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