Wolf (Christian, Freiherr von), häufiger Wo Iff geschrieben, berühmter Philosoph, wurde 24. Jan. 1679 zu Breslau geboren. Sein Vater, ein Handwerker, wendete alles an, um seinem Sohne eine gute Erziehung zu geben. W. erhielt den ersten Unterricht auf dem Gymnasium zu Breslau und ging 1699 nach Jena, um Theologie zu studieren. Doch waren Mathematik und Philosophie seine Lieblingswissenschaften, mit denen er sich fast ausschließend beschäftigte. Vorzüglich studierte er Cartesius und Tschirnhausens Schriften, zu dessen Medicina mentiso er Erläuterungen schrieb, wodurch er mit Leibniz in Verhindung kam. Im J. 1703 habilitierte er sich in Leipzig durch die Disputation De philosophia practica universali, methodo mathematica conscriptao, die eine sehr günstige Meinung für ihn erweckte, und hielt nun sehr besuchte mathem. und philos. Vorlesungen. Durch verschiedene Werke, die er über einzelne Teile der Mathematik herausgab, wurde sein Name auch im Auslande rühmlich bekannt. Als der Einfall Karls XII. in Sachsen 1706 ihn von Leipzig vertrieb, erhielt er auf Leihniz' Empfehlung 1707 den Ruf als Professor der Mathematik und Naturlehre an die Universität zu Halle. Hier erwarb er sich durch seine systematische Lehrmethode, sowie durch mehrere mathem. Schriften großen Ruhm. Er sprach nach dem Vorgange von Thomasius meist deutsch und zeichnete sich durch die logische Schärfe, Klarheit und Bestimmtheit des Vortrags aus. Die großen Erfolge dieser Lehrthätigkeit erweckten ihm aber auch Feinde und Neider: bald wurde er von einigen seiner Kollegen in Halle, besonders von denjenigen Theologen, welche den damals sich entwickelnden Pietismus begünstigten, namentlich von dem bigotten Joach. Lange, heftig angegriffen, für einen Religionsverächter und Irrlehrer erklärt und bei der Regierung förmlich angeklagt. Die Veranlassung dazu gab namentlich seine Rede De philosophia Sinensium moralib. Außerdem bediente man sich gegen ihn der gehässigsten Insinuationen, die man aus seiner Lehre von der Freiheit hernahm. Durch eine Kabinettsordre Friedrich Wilhelms I. vom 15. Nov. 1723 wurde W. seiner Stelle entsetzt und ihm unter Androhung des Strangs befohlen, Halle in 24 Stunden und in 2 Tagen die preuß. Staaten zu verlassen. Er that dies 23. Nov. und fand in Kassel günstige Aufnahme und bei der Universität zu Marburg eine Anstellung. Der Streit über sein philos. System wurde nun allgemeiner, und fast ganz Deutschland nahm Partei für oder wider ihn. Aus dem Auslande erhielt er viele Ehrenbezeigungen und vorteilhafte Anträge, welche er aber ablehnte. Der Prozeß wider seine Philosophie war unterdessen durch eine in Berlin eigens dazu niedergesetzte Kommission zu seiner völligen Genugthuung entschieden worden, und 1740, als Friedrich II., der ihn sehr schätzte, den Thron bestiegen hatte, ging W. als Geheimrat, Vizekanzler der Universität und Professor des Natur- und Völkerrechts nach Halle zurück. Vgl. Zeller, «W.s Vertreibung aus Halles (in Vorträge und Abhandlungenv, 2. Aufl., Lpz. 1875). Im J. 1743 wurde er Kanzler und 1745 in den Reichsfreiherrenstand erhoben. W. starb 9. April 1754. Bei seinem Tode war seine Philosophie durch ganz Deutschland und einen Teil Europas verbreitet; doch hatte er seinen Ruhm als akademischer Lehrer überlebt. Daß W. um die Philosophie großes Verdienst gehabt, läßt sich gewiß nicht leugnen. Wenn er dieselbe auch nicht mit großen und glänzenden Erfindungen bereicherte, so lenkte er doch die Aufmerksamkeit vornehmlich auf die systematische Methode. Seine streng mathem. Methode brachte Ordnung, Klarheit und Gründlichkeit in das Ganze der Wissenschaft und hat durch logische Strenge und vermöge ihrer Beherrschung der meisten deutschen Katheder eine äußerst segensreiche Schulung der deutschen Jugend herbeigeführt. Freilich hatte sie auch ihre Schwächen; sie war trocken, unproduktiv und einseitig. W. machte sich vorzüglich Leibniz' Hypothesen und Grundsätze zu eigen, bildete sie weiter aus und popularisierte sie, brach aber dadurch zugleich den eigentlich metaphysischen Grundbegriffen derselben, namentlich der Leibnizschen Monadologie, die Spitze ab. Der Kritizismus Kants stürzte endlich den Wolfschen Dogmatismus gänzlich. Durch die Menge seiner zum Teil in deutscher Sprache geschriebenen Schriften und durch die große Zahl seiner Zuhörer hatte W. einen sehr ausgebreiteten und bei dem damals sich regenden Pietismus und Mystizismus zugleich sehr wohlthätigen Einfluß auf sein Zeitalter. Auch um die deutsche Sprache erwarb er sich wesentliche Verdienste. Er entwickelte eigentlich zuerst ihren Reichtum für philos. Begriffe und schrieb rien und verständlich in derselben. Die Menge und der Umfang seiner Schriften ist außerordentlich groß. Er behandelte sämtliche mathem. und philos. Wissenschaften in einer doppelten Reihe von Werken, einmal ausführlich in lat. Sprache, sodann kürzer in deutschen Lehrbüchern, von welchen die meisten mehrere Auflagen erlebt haben. Dazu kommt noch eine große Anzahl Abhandlungen über einzelne Gegenstände der Physik, Mathematik und Philosophie. Seine systematischen Werke über sämtliche Hauptteile der Philosophie betragen allein 22 Bände in Quart. Vgl. «„Christian W.s eigene Lebensbeschreibunge, herausgegeben von Wuttke (Lpz. 1841); Ludovici, „Sammlung und Auszüge der sämtlichen Streitschriften wegen der Wolfschen Philosophie u. s. w. v» (2 Bde., Lpz. 1737); derselbe, «Ausführlicher Entwurf einer vollständigen Historie der Wolfschen Philosophie u. s. w.» (3 Bde., Lpz. 1737); (Hartmann,) Anleitung zur Historie der Leibniz⸗-Wolfschen Philosophies (Lpz. 1737).