FeedWüste
VerkehrBrockhaus 1882

Wüste nennt man einen großen, keineswegs immer ebenen Landstrich, welcher infolge großer Armut oder völligen Rangels an Wasser des Pflanzenwuchses entbehrt und daher unbewohnbar ist. Mit der Steppe (s. d.) teilt die W. den Charakter ermüdender Einförmigkeit, unterscheidet sich aber von dieser wesentlich darin, daß sie, dem Menschen und den mächtigen Einflüssen der Vegetation völlig unbezwingbar und in ihrer ursprünglichen Roheit verharrend, nichts als nackte und tote Einöden darbietet. Der Wüstenboden besteht entweder aus starren, steinigen Massen, oder er ist mit kiesartigem, nicht selten mit leichtbeweglichem Flugsande bedeckt, oder auch aus Salzbänken, kochsalz⸗ und kalireichem Sande zusammengeseßt. Danach unterscheidet man Stein⸗ oder Felsenwüsten, Sandwüsten und Salzwüsten. Die Sandwüsten gleichen bald an Einförmigkeit und Unabsehbarkeit den weiten Spiegelflächen des Meers, bald durch ihre Sanddünen einer wildbewegten See. Die Völker Afrikas und Asiens nennen sie daher auch Sandmeer, wie das Kamel, ohne welches keine Durchwanderung großer Wüstenstrecken möglich wäre, von den orient. Dichtern den Namen des Landschiffs oder Schiffs der W. Sefynet el-badyet) erhalten hat. Doch ist die Eintönigkeit nur im großen und ganzen Charakter der W. Es finden sich in ihr auch manche Unterschiede in Form und Bekleidung der Oberfläche, die freilich dem Auge der Fremden oft kaum bemerkbar sind, während der Araber, der Sohn der W. (Bedawin), in seiner reichen Sprache eine Menge Benennungen für dieselben hat. Es kommen in der Sand⸗ und in der Steinwüste Unterbrechungen, Klippen, Hügelketten, ja selbst in der nordafrikanischen W., die man lange fälschlich als eine Tiefebene angesehen hat, sogar förmliche Gebirge vor, ferner wasserlose Schluchten und Spalten, Flußthäler oder Wadi (s. d.) und Seebecken, deren Wasser in der heißen Jahreszeit meist wieder versiegen, wie die Flüsse, die hier und da aus den umliegenden Randgebirgen herabströmen, sich im Sande verlieren und verdunsten. Auch gibt es, abgesehen von den Flachthälern, einzelne ifolge perennierender Quellen oder unterirdisch verrinnender Wadigewässer und angesammelter Dammerde entstandene fruchtbare, oft mit üppiger Vegetation geschmückte Landstriche (Oasen), die einzig möglichen Wohnsitze für Menschen. Die Ursache der W. ist, ähnlich derjenigen der Steppen eine klimatische. Teils liegen die W. im Bereiche vertikal abwärts gerichteter Luftbewegung, welche auf den Oceanen die Kalmen der Wendekreise erzeugt, teils aber sind sie in centralen Mulden der Festlandflächen zu finden, umgeben von Gebirgswällen, welche die Regenwinde brechen. Beides bewirkt Lufttrockenheit und Armut an Niederschlägen. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß die Alte Welt, und in ihr wieder die sog. suptropische, die ausgedehntesten Wüstengebiete besitzt. Durch die Alte Welt zieht, abgesehen von dem Binnenlande des südl. Hochafrika, mit einzelnen wenigen Unterbrechungen ein ungeheuerer Wüstengürtel von dem Atlantischen Ocean bis an den äußersten Ostrand Centralasiens in einem gegen 15000 km langen, südwärts gewölbten Bogen. Dieser Gürtel beginnt mit der nordafrikanischen W. Sahara (s. d.). Gegen Osten finden sich drei Einsenkungen des Bodens, die in dieser Richtung an Größe und Wasserfülle zunehmen; die Depression der Oasenreihe im Westen von Agypten und Nubien, das Nilthal und das Bassin des Roten Meers, drei Querfurchen, welche, diesen Wüstenstrich unterbrechend, drei von der Natur vorgezeichnete Kommunikationswege zwischen dem Süden und dem Norden bilden und das ägypt.⸗ nubische Wüstengebiet als unmittelbare Fortsetzung der Sahara begrenzen. Jenseit des Isthmus von Suez und des Roten Meers beginnt die Wüste des Peträischen Arabien mit der felsigen und klippigen Halbinsel des Sinai; daran schließt sich der Wüstenring, welcher im Innern der großen Halbinsel Arabien das fruchtbare Nedschd umgibt, und weiter nordwärts von diesem, in dem zwischen dem Hochland von Palästina, Syrien und dem Euphrat gelegenen Tieflande, die Syrisch-⸗Arabische W. Jenseit des Schat-el-Arab, jenseit des Persischen Meerbusens und der westiranischen Bergterrassen, setzen den Wüstengürtel die W. des iranischen Plateau fort, die als ungeheuere Sand⸗ und Salzsteppen (Vejaban) ganz Persien von der Nähe des Kaspischen bis zum Indischen Meere hin durchschneiden, die salz- und kalireichen W. von Irak-Adschem, von Kerman, Seistan oder Sedschestan und von Mekran in Baludschistan (die gedrosische W. der Alten). Diese iranischen W. trennt der Indus von der Indischen W. Tarr, auch W. Sindh und W. von Radschistan genannt, die 900 km lang, 600 Kkm breit ist, oft 7 34m hohe Flugsandhügel, aber auch viele angebaute Oasen enthält und darum minder beschwerlich zu durchreisen ist. Aber auch im Norden von Persien breiten sich neben Steppen und einzelnen Kulturstrichen weite Wüstengebiete aus, die Sandwüsten von Turan, vom Kaspischen Meere ostwärts bis zum Alpenlande von Turkestan, und jenseit des letztern erstreckt sich im centralen Hochasien von Turfan ostwärts durch die ganze Mongolei die ungeheuere, teils sandige, teils steinige Plateauwüste Gobi oder Scha-mo, auch chines. Han-hai (=Sandmeer) genannt, welche den äußersten Ostflügel des großen Wüstengürtels der Alten Welt bildet, dessen Gesamtareal an 13750000 àkm betragen mag. Das Innere des Kontinents von Australien hat neben Steppen wasserlose W. von unbekannter Ausdehnung. In Amerika herrscht allerdings die Steppe vor, aber keineswegs fehlt es diesem Erdteil an wirklichen W. Die Strandwüste von Atacama zieht sich längs des Stillen Oreans durch die ganze bolivian. Provinz Litoral und setzt sich nordwärts bis Arica in Peru, südwärts bis Copiapo in Chile fort, als ein merkwürdiger, nur schmaler, aber 960 km langer Wüstenstrich zwischen dem Ocean und den höchsten Massen der Cordilleren gelegen. Die größten W. der Neuen Welt aber enthält Nordamerika in dem Bassin des Großen Salzsees im Lande Utah (s. d.), in der Mohave-Wüste, in der Llano-Estacado zwischen Neumexiko und Texas und in der W. Bolson im mexik. Staate Chihuahua. Die Halbinsel Californien ist das Gegenstück zu Atacama. Das Durchziehen aller solcher W. ist nur durch Karawanen zu ermöglichen und stets ein großes Wagnis, teils wegen der verheerenden Staub⸗ und Sandfäulen, welche, den Wasserhosen des Oceans gleich, der Wind aufwirbelt und vor sich hertreibt, teils wegen der alles auszehrenden Winde selbst (s. Samüm) und der außerordentlich erhitzten Atmosphäre, welche die dürren Flächen bedeckt und bei Europäern nicht selten Schlagflüsse herbeiführt, teils wegen des Mangels an Schatten am Tage und gegen die oft empfindliche Kälte der Nächte, teils wegen der Gefahr der Abirrung von dem Karawanenwege, die durch Verschüttung seiner Spuren oder durch das sinnberückende Trugbild der Luftspiegelung oder Fata-Morgana veranlaßt werden kann, teils wegen der Seltenheit der Quellen und Oasen. Zwar sind hier und da Brunnen angelegt; versiegen diese aber oder werden sie vom Sande verschüttet, so sind Menschen und Tiere rettungslos verloren. Übrigens sind diese Brunnen oft, wie z. B. in der Libyschen Wüste, 6—12 Tagereisen voneinander entfernt, und um sie vor dem Fluglehtt zu schützen, werden sie, da es an Steinen ehlt, mit Knochen von Kamelen eingefaßt und mit Kamelhäuten bedeckt. Zwar wird auch in Schläuchen stets Wasser mitgenommen, aber die große Hitze trocknet dasselbe bald aus oder macht es durch Fäulnis ungenießbar. Die Tier⸗ und Pflanzenwelt der W. ist naturgemäß sehr spärlich, wenn auch die letztere keineswegs ganz zu fehlen pflegt, sodaß die Karawanen nur selten (3. B. von Audschila nach Kufra) Futter für die Kamele mitnehmen, meist aber solches unterwegs finden können. Von Pflanzen sind nur solche vorhanden, welche sowohl große Boden-und Lufttrockenheit, wie große Temperaturschwankungen vertragen können, meist succulente oder blattlose, dornige Pflanzen. Die Kakteen sind unter anderm für die amerikanischen W., die Mimosen für die altweltlichen W. bezeichnend. Von der spärlichen Vegetation nähren sich schnellfüßige Gazellen und Antilopen, sonst finden sich nur wenige kleinere Raubtiere, Nager und namentlich erdbewohnende Spinnen, Eidechsen u. s. w. Die Völker, welche die W. umwohnen oder ihre Oasen in Besitz genommen, sind wie die Küsten-und Inselbewohner Handelsleute oder Räuber. Die See fördert den Übergang zur Kultur, die W. wirkt hemmend auf dieselbe. Meisterhafte Schilderungen der Steppen und W. finden sich in A. von Humboldts «Ansichten der Naturo (neue Ausg., Stuttg. 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 794Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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