FeedFestungsbau
BaukunstBau-Lexikon 1881

Festungsbau, k. frz. kortiflcation, f., engl. building of fortifications, ital. fortificazione, span. ingenieria, hercotécnicea, ist Gegenstand der Herkotechnik oder Festungsbaukunst, große Befestigungskunst, beständige, permanente Befestigungskunst, Lehre von den Mitteln und der Erbauung solcher Werke, welche die Bestimmung haben, große Terrainstrecken auf lange Zeit mit Anwendung verhältnismäßig geringer Mittel zu vertheidigen und den Feind zur Verwendung großer Streitmittel zu nöthigen. Die Werke der Festungsbaukunst unterscheiden sich von denen der Feldbefestigung durch größere Vollkommenheit und Dauer, bes. aber durch Anwendung des Mauerwerks. Zu ihrer Ausführung dient demnach nicht die Zeit des Krieges, sondern die des Friedens. Die Anlage von Befestigungen, sowohl der vorübergehenden im Gebiet der Feldbefestigung, als der permanenten im Gebiet der Festungsbaukunst, geschieht nach den Regeln des dazu gewählten Befestigungssystems. Ueber diese verschiedenen Systeme ist bereits im Art. Befestigungsmanier, der darüber nachzulesen ist, Einiges gesagt. Da der Zweck eines Lexikons nichterlaubt, vollständig detaillirte Beschreibung u. Beurtheilung aller Festungssysteme zu geben, so ist für umfassendes, gründliches Studium der verschiedenen Manieren auf die betr. Literatur zu verweisen; hier sind höchstens die Hauptkennzeichen der vorzüglichsten Systeme vorzuführen, wobei auch die beigefügten Holzschnitte uur Hülfsmittel leichtern Verständnisses abgeben Betrachtung der geschichtlich od.wissenschaftlich wichtigsten Manieren muß selbstverständlich mit einer Geschichte des Befestigungswesens zusammenfallen. Der Kranfang jeglicher Befestigung ist in dem Bestreben des Schwächeren zu suchen, weiteren Angriffen des Stärkeren auszuweichen, oder demselben die Annäherung wenigstens so viel als möglich zu erschweren. Das Aufsuchen von Schutz in dichten Wäldern, auf steilen, unzugänglichen Orten, inmitten von Sümpfen, hinter schwer zu durchschreitenden Strömen etc. geschah anfangs blos zum Schutz, nicht für den Kampf. Die Folge lehrte aber, daß der Angreifer, der zuerst Stärkere, bei weiteren Stößen, welche er unternahm, durch Ueberschreitung solcher Hindernisse geschwächt, sehr bald in die Rolle des weichenden Theils versetzt wurde, u. nun suchte man auf solchen Terraintheilen, welchen die Natur derartige Deckmittel versagt hatte, künstliche Verstärkungen zu etabliren. Man umgab Wohnungen etc. mit Pfahlwerk, mit Verhauen, warf Brustwehren, Erdwälle, auf und zog Gräben, kurz, man bediente sich der einfachsten Arbeiten, wie es noch heute Völkerschaften thun, welche auf niederer Kulturstufe stehen u. noch nicht die Bekanntschaft mit den Kriegsmitteln kultivirter Völker gemacht haben. Hatte die Vertheidigung einen Schritt vorwärts gethan, so blieb der Angriff nicht zurück. Es zeigte sich bald, daß ein gewaltsames Hineinstürzen in die Erdverschanzung gewöhnlich mit Vernichtung der Besatzung endete, daß Pfahlwerke, Hürdenverkleidung und Verhaue leicht durch Feuerzu zerstören seien. Es war natürlich, daß man darauf verfiel, Steine als Brustwehr aufzuhäufen, Steinwälle, die mit hölzerner Verankerung versehen, auch wohl durch Hitze zum theilweisen Schmelzen, Zusammenbacken gebracht wurden (Schlackenwälle), u. daß mit Erfindung und Entwicklung des Mauerbaues die Stärke der Befestigung in hohen, starken, sehr solid ausgeführten Mauerumwallungen gesucht wurde, vor welchen man den als nützlich erwiesenen Graben stehen ließ. Die Mauern mußten so hoch sein, daß Leiterersteigung unmöglich war, daher Höhen von 11½5, ja 28 m., u. so stark, daß die auf der Mauer stehenden Vertheidiger in mehreren Gliedern sich rangiren konnten, daher die Stärken von 1½, 2½, ja bis zu 4 m. Die Erfahrung lehrte indes, daß der Vertheidiger zu exponirt sei; man setzte deshalb auf den breiten Gang, welchen die obere Fläche der Mauer bildete, eine steinerne Brustmauer, über welche hinweg man die Geschosse schleuderte, und schnitt endlich zu noch besserer Deckung Scharten ein, durch welchedie Zinnenvertheidigungentstand. Zu Vertheidigung des Mauerfußes, welche nach der bisherigen Anordnung nur sehr untergeordnet war, ließ man über der Mauer Kragsteine herausstehen, welche nur auf den vorderen Theilen überplattet oder überwölbt wurden, sodaß zwischen dieser Verbindung u. dem eigentlichen Mauerrand Spalten, Pechnasen, stehen blieben, durch welche der Fuß mit Brandkörpern, Flüssigkeiten, Steinen etc.vertheidigt werden konnte. Die Brustmauer, mit Zinnen versehen, kam auf den verbundenen Theil der Kragsteine zu stehen. Bald ging man einen Schritt weiter. Durch Anwendung der Thürme, im Verein mit den Mauern, und bes. durch die Anordnung, daß man letztere im Zickzack nach aus⸗ u. einspringenden Winkeln führte, erhielt man flankirende Vertheidigung. Man ließ die Thürme über die Mauer hervorragen und legte sie auf Pfeilschußweite von einander entfernt an. In dieser Weise waren die römischen Festungen angelegt. In Deutschland bestanden bis in das 10. Jahrh. hinein nur solche von Römern angelegte Festungen. Dann entwickelte sich allmählich die Befestigung der Städte mit Ringmauer und Graben. Der Grundsatz, die Befestigungen so anzulegen, daß mit Wegnahme eines Theils nicht das Ganze gefährdet sei, fand bereits zeitig hierbei entschieden Anwendung, einestheils schon dadurch, daß die Plattformen der Stadtmauern von denen der Thürme getrennt und beherrscht waren, anderntheils dadurch, daß man Stadtmauern und Thürme noch durch besondere Intervallen trennte; s. Fig. 1693. Um die Widerstandsfähigkeit eines Platzes noch zu erhöhen, griff man wohl auch zu dem Mittel eines zwei⸗ u. dreifachen Mauergürtels oder kleiner Festungen im Innern der Stadt, nach jetzigen Begriffen der Citadellen. Vor den Thürmen bildet die Vormauer Ausbiegungen (entours creuses), s. Fig. 1694. Die Verbindung von innen mit den Plattformen der Mauern und Thürme wurde durch Treppen bewirkt. Die hier skizzirte Befestigungsweise erhielt sich mit geringen Modifikationen bis zu Erfindung des Schießpulvers und genügte vollkommen, da mit dem Untergang der römischen Herrschaft auch die Belagerungskunst, wenn man nicht die Kreuzzüge als Ausnahme gelten lassen will, nur Rückschritte gemacht hatte. Als Ausfluß des Befestigungssystems mit Mauern u. Thürmen sind die Burgbefestigungen zu rechnen, s. d. Art. Burg. Auch die Städtebefestigungen nämlich bestanden hauptsächlich in einem Graben mit schmalem Vorwall, hinter dem Graben erhob sich die Ringmauer, auch Zingel genannt; zwischen der Ringmauer und den Gebäuden der Stadt lief der Zwinger od. Zwin golf möglichst stetigherum. Die Ringmauer selbst hatte von Zeit zu Zeit Thürme, welche auf Pfeilschußweite von einander abstanden u. sich um ein od. mehrere Stockwerke über die Mauer erhoben; einzelne waren höher, um weiteren Anblick zu gewähren, u. hießen Warten; andere standen einzeln und hießen Donjons oder Bergfrieden. Miit Erfindung der Pulvergeschütze mußte die bisherige Befestigungskunst fallen; wir sehen deshalb schon zu Ausgang der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, daß die bisher üblichen Stadtmauern durch Anschütten eines Erdwalles auf der innern Seite verstärkt und in der Plattform verbreitert wurden, um Raum für das aufzustellende Geschütz zu gewinnen. Die Thürme wurden im Mauerwerkverstärkt, erhielten aus gleichem Grund größere Durchmesser, auch machte man sie wie die Mauern um ein Bedeutendes niedriger, um sie dem Fernfeuer möglichst zu entziehen; die in dieser Art abgeänderten Thürme erhielten den Namen Rundelez schriftstellerisch behandelt wurden dieselben erst durch Albrecht Dürer. Die Vorschläge dieses genialen Mannes, wenn auch in der Totalität wegen der enormen Kostspieligkeit nicht auszuführen, erregen doch der vielen für alle Zeiten gültigen Grundsätze wegen gerechte Bewunderung. Dürer will die Rundele in den ausspringenden Winkeln angelegt wissen, und, im Fall hierdurch die Flintenschußweite überschritten würde, soll noch ein mittles angebracht werden. Er selbst giebt dreierlei Manieren zu Erbauung seiner von ihm Basteien genannten Rundele an. Wir verzichten, Näheres darüber zu sagen, da Dürers Vorschriften hierüber nie zur Anwendung gekommen sind. Dürer versieht seine Plattformen rings mit einer steinernen Brustwehr, in welcher er, des feindlichen Geschützfeuers wegen, alle scharfen Ecken vermeidet; obwohl er für die hier aufgestellten Geschütze auch Scharten vorschlägt, so zieht er doch das Ueberbankfeuern vor, als eine freien Leuten mehr zukommende Vertheidigungsweise. Für Schartenfeuer schlägt er Geschützblendungen, für die Vertheidigung des Grabens eine Defensiv-Kasemattengalerie vor und empfiehlt hierzu Vertikalkasematten. An diese sehrrichtige Anordnung reihen sich die Vorschriften für zahlreiche und sorgfältig anzubringende Luftzüge. Durch die Selbständigkeit, welche Dürer seinen Bastionen dadurch giebt, daß ihr Wallgang von der Stadtmauer abgeschlossen wird, ist er der Vater der sogen. inneren Vertheidigung geworden. Dürers Anordnungen zum Zweck einer niederen Grabenvertheidigung sind es besonders, welche ihm für alle Zeiten den Ruf eines tüchtigen Kriegsbaumeisters sichern. In der von ihm vorgeschlagenen Cirkularbefestigung überrascht die Anlage von Caponieren und die schon durchgeführte Idee des Kommandements. Der Umstand, daß die Vertheidigung der Courtine von den Rundelen aus immer noch viel zu wünschen übrig ließ, führte auf die Erfindung der Bollwerke oder Bastionen; wem dieselbe zuzuschreiben, ist zweifelhaft. Bald werden Achmed Pascha, bald der Ingenieur Colonna, bald die Hussiten dafür angeführt, So viel steht fest, daß die Erbauung derartiger Werke zwischen 1450 und 1460 fällt. Statt des Rundeles tritt in dieser Epoche, bezeichnet als italienische Befestigung, ein kleines, bald stumpf⸗, bald spitzwinkliges Bollwerk auf (s. Bastion), dessen Flanke zum Drittheil der hesseren Deckung wegen ungefähr um 12 m. zurückgezogen und kasemattirt wurde; hinter dieser lag, durch einen trockenen Graben getrennt, die hohe Flanke. Die Courtinen wurden zwischen 220 und 440 m. genommen und die Flanken senkrecht auf dieselben gestellt. Die Brustwehren, anfänglich gemauert; wurden später, da die durch Geschosse losgerissenen Mauerstücke arge Verwüstungen anrichteten, aus Erde 5—7 m. stark aufgeführt, die Gräben waren 8 und mehr m. tief, gegen 28 m. breit. Die Verbesserung dieser Befestigungsweise, die sogen. verbesserte italienische Befestigung, bestand in Anlage von Kavalieren, Vergrößerung der Bastionen, Verkürzung der Courtinen, Anlage des bedeckten Weges und zuweilen in Anbringung kleiner Ravelins vor der Courtinenmitte. Die stärksten Fehler der italienischen Befestigung waren die geringe Räumlichkeit der Bollwerke, die überdies noch durch die zurückgezogenen Flanken verengt wurden, die senkrechte Stellung der Flanken auf die Courtine statt auf die Defenslinie, die theilweis zu langen Courtinen, die Kleinheit der Ravelins. War das Glaeis des italienischen F.s auch noch insofern falsch konstruirt, daß es nur einen geringen Theil des Mauerwerts der dahin liegenden Werke deckte, so war doch mit Anlegung des gedeckten Weges u. der Waffenplätze in selbigem ein wesentliches Elementeiner kräftigen Vertheidigung eingeführt.

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 2, S. 315Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg · gemeinfrei

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