Feedromanischer Stil
BaukunstBau-Lexikon 1881
Fig. 2977. Westchor des Doms zu Essen (874 u. 950).
Fig. 2977. Westchor des Doms zu Essen (874 u. 950).

romanischer Stil, Romanismus, m., frz. style roman, engl. romanéesque style, lat. architectura romanica. Ueber die kunsthistorische Stellung dieses Stils s. Baustile. I. Periode. vorsinfen (uin 500 bis um 770). Während im Osten bereits zu Justinians Zeit, um 530, der byzantinische Stil in vielen Stücken sich von der lateinischen ELBGERG O Universitatsbiblic Bauweise (s. d. Art. altchristlich) gelöst hatte u. gar bald „zu einem gewissen Abschluß seiner Entwickelung, ja zu einer gewissen Erstarrung gelangte, begann im Oecident ein Ringen, indem in die lateinische Bauweise einzelne byzantinische Motive, aber auch fremde neue Elemente eindrangen, und bald das Eine, bald das Andere zu einem gewissen Vorherrschen durchdrang. Diese Weiterbildung also war bedingt durch das christliche Element an sich u. durch die in Italien sich geltend machenden germanischen Einflüsse. In und bei Ravenna kam bes. vieles Byzantinische sowie einzelnes Germanische zur Geltung. Als die „Ostgothen gestürzt waren, traten die Longobarden (I. d.) an ihre Stelle. Die an den Ostgöthenbauten (s. d.) angebahnte, in der longobardischen Bauweise (s. d. I.) von 568 bis um 770 schon bedeutend geförderte Verschmelzung byzantinischer und lateinischer Elemente unter theilweiser Umwandelung derselben im Sinne germanischer Nationalität zeigte sich einestheils in den Details (s. d. betr. Stilartikel), anderseits in der Disposition, in letzterer durch Verbindung des Centralbaues mit der Basilikendisposition, mittels eines in Vierung und Flügel gegliederten Querschiffs, durch allerlei Versuche, die Basiliken zu überwölben, ferner in der Einführung der Arkadenreihe u. Zwillingsfenster, der Vorkragung, der eingestuften Portalgewände 26., endlich in Versuchen zu organischer Verbindung des Thurmbaues mit dem Kirchenkörper, u. zwar sowohl mit der Basilika als mit dem reinen Centralbau, zu ornamentaler Verwerthung der Materialien nach Farbe und Verband. Diese Faktoren mußten in kurzer Zeit die Baukunst frei machen von den den altchristlichen Bauten noch anhaftenden heidnisch-römischen Reminiscenzen. Auf dieser jothe& Heidelberg DFC Stufe lernte Karl der Große die longobardische Kunst f kennen, deren Formen von den Franken, obschon sie vielfach völlig neu, zum Theil durch orientalische Einflüsse,st zum Theil durch die Einwirkungen der Ostgothen u. Lon-d gobarden modifizirt war, und nur zum geringen Theil (3. B. au Säulenfüßen, an einzelnen Kapitälen, in der runden Form des Bogens, der aber meist gestelzt war) noch l an die römischen erinnerten, dennoch für römische gehalten d wurden, um so mehr gehalten werden mußten, weil die in die-n sem Reiche erbauten Kirchen zum Unterschied von den noch hier u. da bestehenden, etwas unausgebildeteren, arianischen, u. von den, den byzantinischen Stil befolgenden griechischen Kirchen nach dem Ritus, der in ihnen befolgt ward, römische genannt wurden. — So nannten denn die Franken die ihnen in der Lombardei zuerst bekannt werdende, in Rom selbst damals noch kaum eingedrungene Bauweise die römische, und so bekam der Stil, der sich nun bildete, den Namen romanischer Stil. Wie sehr man damals noch, selbst im fränkischen und germanischen Mitteleuropa, an römischen Traditionen hing, zeigen uns die wenigen erhaltenen Reste jener Zeit, s. d. Art. Merovingerbauten und Karolingische Bauweise. II. Periode. Frühromanischer Stil, frz. style roman primitif, engl. early romanesque-style. Gar bald waren die römischen Reminiscenzen, wenn nicht verschwunden, so doch durch die beiden oben genannten Faktoren total umgemodelt. Die sich hierdurch abschließenden Veränderungen im Vergleich mit der altchristlichen Bauweise waren ungefähr folgende: 1. Der Rundbogen wurde noch konsequent durchge —— — führt und hier und da ein wenig überhoben. — Die Säulen erhiellen eine bedeutende Verjüngung ohne Entasis, die Kanälirungen kamen in Wegfall, die Schäfte wurden größtentheils glatt bearbeitet, erhielten aber mehr Halsglieder, welche das Zusammenfassen der tragenden Kraft stark charakterisiren. Die Grundform des Kapitäls, die nach unten abgerundete, verkehrte, abgestutzte Pyramide, wird hinter reich durchbrochenen Blättern ver⸗ Fig. 2919. deckt. Die Füße erhiel⸗ Aus der Kirche Notre De ten einen noch aufstrebenderen Charakter, ihre Profilirung, wurde eckiger, bes. kommt der Unterwulst häufig polygon profilirt vor. — 3. Der Deckwürfel auf der Säule wurde konsequent nach oben schräg ausladend gebildet und mit Netzwerk, Zickzack oder dergl. in flachem Relief verziert. Sein Hauptprofil war entweder eine schräge Platte oder ein steifer Karnies, beides stark tragende Formen; hier u. da, obgleich ziemlich selten, kommt noch der Karnies, häuganz glatt gelassen, sondern in der Regel mit einem Rundstab in Falz auf den Kanten eingefaßt; auch die Extrados des Stirnbogens bekommen ein Plättchen als Einfassung. — 5. Der Einfluß des byzantinischen Stils begann im südlichen Frankreich erst mit den venetianischen Ansiedelungen ums Jahr 980, in Deutschland schon unter Karl dem Großen sich geltend zu machen. Die Kuppeln bekommen einen Tambour mit einer Reihe kleiner Fenster. Neben der Mosaik tritt die Malerei auf; die Mosaiks der von Notre Daime du Port in Clermont-Ferrand (863 -868). Fußböden werden größer in ihren Theilen. Die sichtbaren ame du Port in Clermont-Ferrant (Puy de Döme). sichtbar bleiben) an ihre Stelle. Die in Ornamenten angebrachten symbolischen Figuren werden phantastischer gestaltet, auch häufiger wie früher als mit den Ornamenten verwachsen dargestellt. Hauptbauten dieser Periode sind außer den im Art. Korolingische Bauweise genannten in Deutschland folgende: Kloster Hirsau 830 gegründet, die Marienkirche auf Reichenau, eine Pfeilerbasilika, 816, Kloster Murhardt am Kochen 817, Thurm des Oberbibliotnek Heidelberg Kloster Korvey 822 zuerst, 873 885 zum zweiten Male, Fig. 2982. Portal der Kirche zu Großenlinden (um 10000). Freckenhorst an der Ems 851, Drübeck am Harz 877, Wunstorf bei Hannover 870—876, Essen, 874 gestiftet,‚ OTHęK LBERG O Universitätsbibliot „947 durch Feuer zerstört, 950 wieder aufgebaut, s. Fig. „2977; Gandersheim, 854 -856 erbaut, 973 abgebrannt; . — — — heim 856 — 872, die man teutonique, engl. romanesque style of the Saxon emperors, von Vielen frühromanisch genannt, Zeit der Sachsenkaiser in Deutschland (919—1024), der ersten Capetinger in Frankreich. Unter den Hauptwerken seien hier nur einige gen.; für Deutschland: Die Kirche des Frauenklosters zu Gernrode am Harz (961-964), s. Fig. 2981; die Georgskirche auf der Insel Reichenau um 920; die Säulenkrypta zu Werden an der Ruhr nebst runder Apsis um 970;einige aus dem alten Dom in Magdeburg (960 ff.) den jetzigen übertragene, zum Theil aus Italien hierher geschaffte longobardische und ostgothische, zum Theil denselben nachgeahmte heimische Arbeiten; die Untertheile der zwei östlichen Rundthürme am Dom zu Mainz, 1009 ff.; der Westtheil der Kirche zu Maurmünster (Marmoutier) im Elsaß mit dreischiffiger Vorhalle zwischen zwei Thürmen u. einem dritten Thurm über dem hinter der Vorhalle aufragenden Giebel 972 ff.; der Untertheil des westlichen Thurmbaues der Liebfrauenkirche zu Halberstadt 996 bis 1023; die Michaelskirche zu Hildesheim 1015—1033, s. Fig. 2983 und 2984, mit Stützenwechsel; Mittelschiff und Apsfis im Obermünster zu Regensburg 1070; Reste des Doms zu Walbeck 1011, eine Pfeilerbasilika mit Querschiff und drei Apsiden St. Stephan, der sogenannte alte Dom zu Regensburg, mit longobardischen Reminiscenzen, ähnlich der Kirche Sta. Maria del Tiglio zu Gravedona; die kleine Kirche zu Pettendorf bei Regensburg; Theile am Dom zu Brixen; das Baptisterium zu Botzen; Reste einer Säulenbasilika in der Superintendentur zu Grimma; die Kirche zu Großenlinden bei Gießen mit originellem Portal, Fig. 2982, zwei runden Westthürmchen u. einem Mittelthurm; die Burchardikirche zu Würzburg; Hrypta der Stiftskirche zu Quedlinburg 1021; St. Willibrord zu Echternach, 1031 geweiht, mit Stützenwechsel; Theile der Apostelkirche zu Köln, nach 1026. — In Frankreich sind noch weit mehr Bauten dieser Periode erhalten; kleinen Thürmchen umgebene Steinhelm, weil beides an normannischen und frühgothischen Bauten auf Sizilien und in Unteritawieder⸗ kehrt. — In Aquitanien die unter venetianischem Einfluß, ja in fast vollständiger Nachahmung des Grundrisses von S. Marco 976 bis 1047erbaute Kirzu Perigueux, siehe Fig. 2987, mit sehr eigenthümli⸗ cher Kuppelbildung. Der Thurm welche mit nach der ziemlich die zu Souillae, Jahrhunderts. Am deutan den Bau-Apsis der Kirche (1015—1088). während in Bur-Einfluß, z. B. dem 10. Jahrfast eben so klar Rosheim (um uni-heidelberg. der Schweiz ist Aehnliches der Fall, z. B. an der 9oa begonnenen Kirche zu Romainmotier mit ihrer zweigeschossigen Vorhalle, s. Fig. 2990 u. 2991, und an der nicht viel jüngeren zu Granson am Neuenburger See, welche (siehe Fig. 2998) in derselben Weise überwölbt ist, wie viele longobardische Kirchen i. Osten und Süden Italiens aus der Zeit von 1020oin der Provence, Auvergne re., aus der Zeit nach 1050 bis 1100.— Erklärt ist dieses Auftreten longobardischer Formen sowohl im allgemeinen durch den regen Verkehr, der von der Lombardei aus über Piemont mit Provence u. Aquitanien, über die Gotthardsstraße mit Burgund und Elsaß und über die östlichen Alpenhalten ward, als speziell durch Nachrichten von longobardischen Meistern, die in die gen. Gegenden wanderten. — Das Auftreten longobardi⸗ scher Formien in Sachsen erklärt sich durch die „Nachrichten über die Ottonen, die hier anzuführen der Raumfehlt. Stilphase Riou (um 1000). charakterisirt sich außerdem nur zum geringeren Theil, bes. in Aquitanien, durch eine weiterfortschreitende innigere Eindringung byzantinischer Elemente zwischen die frühromanischen Formen, zum stärkeren Theil durch weiteres, vollständigeres Durchführen der oben angeführten Ver-LGERG O Universitätsbi änderungen, wozu noch folgende kommen: 1. Die Durchbrechung der Horizontallinie wird häufiger, der Rundbogenfries pflegt konsequenter aufzutreten. — 2. Die Dächer werden etwas steiler (bis zu 35egegen die Horizontale), u. es wird der nicht unten horizontal abgeschlossene Giebel als architektonisches Element eingeführt. — 3. Die westlichen gepärten Glockenthürme erscheinen schon als wesentliche Theile des Gebäudes; ihre Formen fangen an, sich zu entwickeln, sie sind entweder von oben bis unten in viele Geschosse abgetheilt, in deren je⸗

romanischer Stil
Fig. 2980.
Fig. 2980.
romanischer Stil
romanischer Stil
Fig. 2984. St. Michael zu Hildesheim
Fig. 2984. St. Michael zu Hildesheim
Fig. 2985. Kirche zu Loches (Anjou, 962).
Fig. 2985. Kirche zu Loches (Anjou, 962).
Fig. 2983 u. 2984. Die Profile der Kämpfer und Basen etc.
Fig. 2983 u. 2984. Die Profile der Kämpfer und Basen etc.
Fig. 2998.
Fig. 2998.
Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 4, S. 58Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg · gemeinfrei

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