Feeditaltenisch-gothische Bauweise
BaukunstBau-Lexikon 1881

italtenisch-gothische Bauweise, k., franz style ogival d'Italie, engl. pointed style in Italy.— Die gewöhnliche Anschauung über die kunsthistorische Stellung dieser Bauweise ist folgende: Während die nordischen, besonders die germanischen Völker in den gothischen Stil den Ausdruck ihres ganzen Wesens legten, nahm man ihn in Italien nur äußerlich an, theils fortgerissen von der allgemeinen Strömung des Zeitgeistes, theils durch direkten germanischen Einfluß bewogen, welcher schon, personifizirt in den Lombarden, dem romanischen Gewölbbau in einigen Theilen Italiens Eingang verschafft hatte, während er anderwärts durch die normannischen Bauten sich kund gab; in den vom germanischen Element ganz freien Theilen Italiens hatte der romanische Stil keinen Eingang finden können, und so konnte auch der gothische Stil ihn dort nur finden, indem er namhaften Veränderungen unterworfen ward. Bei genauer Erforschung freilich stellt sich der Vorgang etwas anders dar. — Allerdings nicht von Nachkömmlingen der Römer, sondern von Germanen, aber auf Italiens Boden, wurde das Formsystem allmählich ausgebildet, welches man mit dem Namen des romanischen Baustils zu bezeichnen pflegt; s. d. Art. italienisch-romanisch. Nachdem sich derselbe auch nach Norden verbreitet hatte, erfuhr er hier eine organische Durchbildung, an welcher aber Lombarden u. Normannen etc. auch nicht unwesentlichen Antheil hatten. Als nun zuerst im Norden diese Durchbildung in ihrem weiteren Verlauf zur Entstehung der Gothik geführt hatte, gelangte dieselbe sehr bald auch in Italien zur Anwendung. Aber nicht das ganze, so völlig mathematisch begründete und bis ins kleinste Detail logisch entwickelte System wurde adoptirt. Sehr viel von dieser mathematischen und physikalischen Grundlage des Systems mußte den Italienern unverständlich bleiben. Die Detailformen wurden zwar oft in der schönsten Weise ausgeführt und für sich sehr gern und fleißig verwendet, aber von dem System losgerissen u. in einer dem Wesen desselben völlig fremden Weise an einander gefügt. a) Kirchenbau. Das liglit / mothes 18835d3/0122 starke Licht der italienischen Sonne, die Liebe Italiens zu der undurchsichtigen Polychromie des Mosaiks, namentlich aber die Vorliebe für ausgedehnte bemalte Wand-u. Deckenflächen, vertrug sich einerseits nicht mit der Glasmalerei, anderseits nicht mit der vielfachen Gliederung u. Durchbrechung der Wände u. Gewölbflächen, wie solche der nordischen Gothik charakteristisch sind. Die großen Waondflächen zu tragen mußten die Bogen schwerfälliger werden. Die Lichtgaden wurden minder unentbehrlich, die Hallenkirchen dadurch vorherrschend, an denen mit den Lichtgaden natürlich zugleich die Strebebögen wegfielen. Die so entstehenden Außenwände waren unverhältnismäßig hoch u. verlangten Theilung durch Gurtsimse. Zudem entsprach eine solche weite, lichte Hallenanlage mehr dem im ganzen heiter-behaglichen Sinn des Slidens, eine solche Eintheilung durch Gurtsimse den immer noch unbewußt im Volk lebenden antiken Traditionen. Die Strebepfeiler wurden zu starkvorspringenden Lisenen, die inneren Pfeiler behielten die romanische Disposition bei. Die Gewölbrippen haben statt des straffen, elastischen Profils eine mehr rundliche Form und sind mit Mustern bemalt. Die Dachneigung war natürlich bei weitem flacher als in Deutschland. Die Vierungskuppel blieb nach wie vor der Hauptthurm der Kirche, der Glockenthurm stand einzeln daneben u. behielt die Disposition des romanischen Campaniles bei (f. Fig. 2221, Glockenthurm des Doms zu Florenz). Dadurch gliedert sich die Fagade blos nach der Disposition des Langhauses, d. h. nach den Dächern der Seitenschiffe und dem nur wenig oder gar nicht darüber emporragenden Dach des Mittelschiffs. Nahe lag hier die Versuchung, die Fagade als vorgeblendetes Prunkstück zu behandeln, und zwar so, daß auch den Seitenschiffen entsprechend volle Giebel sich erheben. Dabei wird nicht einmal überall der organische Zusammenhang zwischen Oberu. Unterbau gewahrt, s. Fig. 2222, Dom zu Siena. Die Portale selbst sind fast eben so oft rundbogig als spitzbogig überwölbt, behalten aber in beiden Fällen die romanische, resp. byzantinische Disposition bei. Auch die Detailformen an Kapitälen, Kriechblumen, Kreuzblumen, Fialen etc. müssen sich manche Umgestaltung gefallen lassen, welche sämtlich die Tendenz der Verflachung resp. Antikisirung zeigen. Man ogl. Fig. 2224. a ist eine Kriechblume, eine Nase vom Tabernakel in der Kirche Or San Michele in Florenz, u. d Rippenprofile, e,,g Bogenprofile, i,k, Konsolen aus Sa. Maria della Veritä in Viterbo; hund m Details von der Camera del Comerzio zu Bologna; u Säule aus Genua, O Varianten der Kapitälblattknäufe. Am meisten Glanz u. Schönheit entfalten die italienischgothischen Kirchen einestheils in den luftigen und doch ruhigen Verhältnissen des weiten, geräumigen Innern, „Fig. 2223, anderntheils in der peinlich akkuraten Ausführung der oft bewundernswerth graziöfen Details, die allerdings durch das schöne Steinmaterial begünstigt ward, welches den Italienern zu Gebote steht. Die reiche Manchfaltigkeit dieser Materialien hatte noch eine andere Folge. Während man nämlich im Norden die farbige Wirkung durch das künstliche Mittel gefärbten Lichtes erzeugen mußte, konnten die Italiener dasselbe durch die Wahl des Materials erreichen. War dies während der Herrschaft des romanischenStils durch die gestreiften Steinschichten re. nur in höchst unbeholfener Weise gelungen, so war der gothische Stil ganz geeignet, eine solche Farbenabwechselung in höchst organischer Einfügung in das eigentliche Formengerippe einzubringen. Und dies ist denn auch den Italienern vollständig gelungen. Die Auslegung der Füllung zwischen den Pfosten der Blendbögen, zwischen den Nasen des Mäßwerks etc., bei den einfachen Bauten mit einfarbigen, dunklen Steinen, bei reichen Bauten mit zierlichen und oft höchst prunkvollen Mosaikstreifen, die farbige Behandlung der verschiedenen Glieder an größeren Simsen, die theilweise Vergoldung der Rund-in allen den Verstößen gegen die systematische Ordnung der Gliederung der Hauptmassen. Eines der glänzendibliothek Heidelberg DFC Doms zu Florenz; s. Fig. 2225. Vielfach anders gestaltete sich die Gothik in den Gegenden Italiens, wo germanische Elemente vorherrschten; hier war die Abweichung des Klimas, des vielen Umgangs mit Italienern. der „Hierarchie rc, sich geltend machte und namentlich in der „Disposition, der Raumvertheilung, den Massenverhältnissen und dem Großformensystem zum Ausdruck kam, in Figur 2226 vor. Milder tritt dieser Zwiespalt in den zahlreichen, in Rohziegelbau aufgeführten Bauten Oberitaliens auf. Einerseits verhinderte hier die Natur des Materials an dem Anbringen der vielen schlank aufstrebenden Fialen, welche mit der breitgelagerten Hauptmasse so schlecht harmoniren; anderseits hatten die Italiener eine so große Virtuosität in der Behandlung der Thonmodelle, daß vielfach die Schönheit der Details den Mangel an Uebereinstimmung derselben mit der Hauptdisposition vergessen macht. b. Profanbauten. Unter den Profanwerken der italienischen Gothik prägt sich kein so scharfer Unterschied zwischen Burgen, Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden u halbkirchlichen Bauten aus, als zwischen denselben Klassen im Norden herrscht. Der Unterschied zeigt sich hier mehr in der größeren oder geringeren Ausdehnung, als in der Disposition der Façaden. Dieselben sind meist platt u. gerade angelegt; nur selten kommen Balkons u. Freitreppen, Erker, Eckthürmchen u dgl. fast gar nicht vor. Fenster mit zwei, drei oder vier Lichten sind unter einen gemeinsamen Spitzbogen, in späterer Zeit oft unter einen elliptischen Bogen, oder in scheitrechter Oeffnung unter einen Ueberschlagssims vereinigt oder von Pilastern flankirt, auf die sich an Stelle des Ueberschlagssimses ein in die Renaissanceform hinüberspielender Fries legt, s. Fig. 2227. Diese Fenster stehen in ziemlich weiten Abständen auf einem Gurtsims; meist in 2, in Genua oft in 6—7 Reihen über einander. Das Dach ist ziemlich flach und meist mit Zinnen besetzt, nuter denen eine Reihe von Spitzbogen auf Kragsteinen, die bei Burgen als Pechnasen dienen, sich hinzieht, s. Fig. 2228. Oft auch fehlt der Hauptsims total, die Zinnen steigen gleich aus der Mauermasse auf. Das Erdgeschoß bildet meist eine durchgehende Spitzbogenhalle auf Pfeilern oder Säulen. Nur bei Burgen, Spitälern rce. fehlt diese Halle hier und da. Die Ringe, Oesen u. Knäufe zum Halten der Markisen, zum Einstecken von Fackeln, zum Anbinden der Pferde etc. spielen eine große Rolle und sind oft Meisterstücke der Schmiedekunst od. Bronzegießerei. Ueber der Thüre oder an einer Ecke des Hauses steht oft ein Heiligenbild. Im Innern spielen. 00 len und von allerien umgebene Höfe eine hervorragende Rolle. Auch an denWohnhäusern bekundet sich die Vorliebe und das Geschick der Italiener für polyschrome Ausstattung durch Verwendung verschiedenfarbigen Materials, besonders ö in den Backsteinbauten tritt dieses Geschick überaus gläuzend hervor. c) Kleinwerke. Brunnen, Tabernakel, Einzelportalle, Grabmäler, Taufsteine, Weihbecken, Kanzeln etc. zeugen von ungemeinem Reichthum der Erfindung, von hervorragendem Talent für dekorative Anordnung wie von hohem malerischen Sinn, von großer Geschicklichkeit, in nicht störender Weise das Material dennoch zu höchst prunkvoller Wir⸗ Fig 2225. kung zu bringen, zugleich aber auch in noch evidenterer Weise wie die größeren Bauten davon, daß die Italiener das innere Wesen der Gothik nicht begriffen, sondern nur ihre Einzelformen als zu glänzenden Dekorationen wohlgeeignet adoptirten, nach ihrem Sinn willkürlich veränderten u. so, ohne Rücksicht auf deren organische Begründung in dem Gesamtcharakter der Gothik, an Stelle früher gebräuchlicher antiker od. romanischer Details verwendeten, ohne Hauptform u. Disposition der betreffenden Kleinwerke danach zu modifiziren. italienisch-romanische Bnuweise, f. frz. style roman d'Italie, engl. romanesque style ofItaly. Da im Norden

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 3, S. 112Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg · gemeinfrei

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