FeedKant (Immanuel)
GeschichteBrockhaus 1882

Kant (Immanuel), einer der größten und einflußreichsten Philosophen aller Zeiten, wurde zu Königsberg 22. April 1724 als der Sohn eines Sattlers geboren. Nachdem er die wissenschaftliche Vorbildung auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt, dem Collegium Fridericianum, erhalten hatte, ging er 1740 zur dortigen Universität über, um Theologie zu studieren, mit der er jedoch frühzeitig das Studium der Naturwissenschaften, Mathematik und Philosophie verband und die er bald ganz aufgab. Nach Ablauf seiner Universitätszeit bekleidete er neun Jahre lang in mehrern Familien die Stelle eines Hauslehrers, gab während dieser Zeit seine erste Schrift: «Gedanken von der wahren Schäßung der lebendigen Kräfter (1747), heraus und habilitierte sich 1755 in Königsberg, wo er und Matlen über Logik und Metaphysik, Physik und Mathematik hielt. Ihm wurde 1762 die erledigte Professur der Dichtkunst angetragen, die er aber versehen sich für nicht befähigt hielt, und so erhielt er erst 1770 die ord. Professur der Logik und Metaphysik. Er hatte sich bis dahin durch eine Reihe von Abhandlungen und Schriften, die sich teils auf Naturwissenschaften, namentlich Astronomie (Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmelsv, 1755) und physische Geographie, teils auf Philosophie bezogen (Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren», 1762; (Versuch, nißt, sind unter C aufzusuchen. den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen», 1763; Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gotteso, 1763; „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabeneno, 1764; «Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und Moralv, 1764; «Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysiko, 1766), als ein feiner Beobachter und als ein scharfsinniger, selbständig forschender Denker bekannt gemacht. Die Reihe von Schriften jedoch, durch welche er in die Geschichte der Philosophie epochemachend eingriff, begann erst mit der Abhandlung De mundi sensibilis atque intelligibilis formà et principiiso, mit welcher er 1770 seine Professur antrat. Sie enthält teilweise schon die Grundgedanken der Kritik der reinen Vernunfto, die er 11 Jahre später (1781) herausgab. Von da an folgten seine philos. Hauptwerke verhältnismäßig rasch aufeinander: 1783 die Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysikoꝰ, 1785 die „Grundlegung der Metaphysik der Sitteno, 1786 Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft?, 1788 die «Kritik der praktischen Vernunfto, 1790 die Kritik der Urteilskrafte, 1793 die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunfto, 1797 die Metaphysischen Anfangsgründe der Tugendlehres und „Die metaphysischen Anfangsgründe der Rechtslehrev. Endlich schloß sich seine mehr als 50jährige schriftstellerische Thätigkeit 1798 mit der „Anthropologie in pragmatischer Hinsichto. Zwischen diese größern Werke, unter denen wieder die drei Kritiken gleichsam die Hauptpfeiler seines Systems bilden, fallen noch eine große Anzahl kleiner gehaltreicher Abhandlungen. Als akademischer Lehrer äußerte K. einen überaus wohlthätigen Einfluß. überhaupt hatte sich K., obgleich er unverheiratet blieb, durch seine philos. Untersuchungen keineswegs von einem vielseitigen Verkehr mit der Welt und der Gesellschaft abziehen lassen. Er liebte eine heitere Geselligkeit, und sein Umgang wurde ebenso gesucht als geschätzt. Übrigens hat sich K. von seinem Geburtsorte nie weiter als wenige Meilen entfernt. Er starb in hohem Alter 12. Febr. 1804. Ihm wurde zu Königsberg 18. Okt. 1864 ein von Rauch verfertigtes Standbild gesetzt. K.s wichtigere Schriften haben sämtlich mehrere, die Hauptwerke zahlreiche Ausgaben und Nachdrücke erlebt; vollständige Sammlungen seiner Werke sind die von Hartenstein (10 Bde., Lpz. 1838—39; 2. Aufl., 8 Bde., 1867—68), die von Rosenkranz und Schubert (12 Bde., Lpz. 1838 —44%) und von Kirchmann (8 Bde., mit Erläuterungen, Berl. 1868—73). Die zum Teil noch bei seinem Leben nach seinen Vorlesungen herausgegebenen Schriften über Logik, Pädagogik, Metaphysik, philos. Religionslehre sind, die von Rink (2 Bde., Königsb. 1802) und von Vollmer (2 Bde., Hamb. 1801—5) herausgegebene Physische Geographiev ausgenommen, von geringerer Wichtigkeit. Unter den ältern Sammlungen seiner kleinern „Vermischten Schriftens ist die vollständigste die unter Mitwirkung K.s von Tieftrunk (3 Bde., Halle 1799) besorgte, zu der als vierter Band die Sammlung einiger bisher unbekannt gebliebener kleiner Schriften von K.s (Königsb. 1800) gehört. Vgl. Borowsti, «Darstellung des Lebens und arakters K.35 (Königsb. 1804); Wasiansti, „K. in seinen letzten Lebensjahren» (Königsb. 1804); Jachmann, Immanuel K., geschildert in Briefeno (Königsb. 1804); Schubert, Immanuel K.s Biographies (Opz. 1842, und in der Ausgabe der Werke K.s, Bd. 11); K. Fischer, K.s Leben und die Grundlage seiner Lehren (Mannh. 1860); Frauenstädt, «Immanuel K. Lichtstrahlen aus seinen Werken. Mit einer Biographie und Charakteristik K.8v (Lpz. 1872). Die Kantsche Philosophie ist einerseits das reife und abschließende Resultat der Aufklärungsbewegung des 18., andererseits eben als solches der gemeinsame Ausgangspunkt aller bedeutendern wissenschaftlichen Richtungen des 19. Jahrh., und diese mächtige Stellung, welche sie auf dem Gebiete der Philosophie einnimmt, hat von da aus auch für die übrigen Kultursphären derartig gewirkt, daß wir auch in unge überall den Kantschen Gedanken als lebenskräftigen Triebfedern begegnen. Was den histor. Ursprung dieser Lehre betrifft, so sehen wir in ihr die einheitliche und prinzipielle Zusammenfassung der mannigfachen Strömungen, welche das Jahrhundert der Aufklärung hervortrieb: die glänzende Entfaltung der mechan. Naturwissenschaft, die mit der Untersuchung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit beschäftigte Philosophie, der den positiven Religionen sich kritisch gegenüberstellende Vernunftglaube der engl. Freidenker und der deutschen Rationalisten, der in Rousseau leidenschaftlich gegen die Kultur sich aufbäumende Drang nach natürlicher Entfaltung des Individuums, die lebhafte, gegen alles autoritative Ansehen ringende Diskussion der großen Fragen des Staats und der Gesellschaft: alle diese Bestrebungen finden in K. ihre Vereinigung und damit ihre gegenseitige Abklärung und Versöhnung. Und doch tritt bei ihm der Wert dieser vereinigenden und alles umfassenden Kraft seines Geistes noch zurück hinter demjenigen der mächtigen Energie des Grundgedankens, von dem aus er alle diese Fragen aehenden Es ist die Überzeugung von der gesetzgebenden Kraft der Vernunft in Wissenschaft und Leben, welche K. nach allen Seiten durchzuführen sucht und mit der er eben das Geheimnis des Zeitalters der Aufklärung ausspricht. Seine gesamte Philosophie will nichts anderes sein, als eine Feststellung der in der Vernunft selbst enthaltenen Prinzipien, und sie nennt sich in diesem Sinne die kritische Philosophie. Es war zunächst das theoretische Gebiet, auf welchem sich K. in diese Stellung gedrängt sah. Er selbst hatte sich aus anfänglicher Abhängigkeit von dem dogmatischen Rationalismus (s. d.) der Wolfschen Schule selbständig zu empiristischen Prinzipien durchgerungen und dann die verwandten Gedanken der engl. Denker, namentlich Lockes und Humes, mit lebhafter Sympathie ergriffen. Die skeptischen Konsequenzen, denen er sich so wenig wie Hume entzog, und seine felsenfeste, zum größten Teil auf den Einfluß Newtons zurückzuführende Überzeugung von der Gültigkeit der Mathematik, die er für eine reine Vernunftwissenschaft hielt, scheinen ihn zuerst schwankend gemacht zu haben, und schließlich geschah es nicht ohne Einwirkung von Leibniz (s. d.), der bereits zwischen den großen Gegensätzen des Rationalismus und des Empirismus einen von der Wolfschen Schule freilich nicht begriffenen Versuch der Vermittelung gemacht hatte, daß K. seinen gänzlich neuen und mit staunenswertem Tiefsinn ergründeten Standpunkt dahin befestigte: es gäbe mißt, sind unter C aufzusuchen. allerdings prinzipielle, unabhängig von aller Erfahrung un nunfterkenn sür die durch Erfahrung zu erkennenden Gegenstände, und zwar deshalb, weil eine im Individuum ohne dessen Willen wirksame allgemeine Vernunftthätigkeit die gesamte Welt der Vorstellungen nach denselben Gesetzen erzeuge. für K. die Anschauung und die „Stammbegriffe des Verstandeso, die Kategorien (s. d.). So verwandelte sich für K. die von Ersche welche Lehre er den kritischen oder transs cendentalen Idealismus nennt. Die problematische Frage nach einer Welt von Dingen an sichv, die, unerkennbar fur die theoretische Vernunft, hinter den Erscheinungen stecke, laubte K. ophie lösen zu können. Auch 9. 1 war ihm die sich selbst Gesetze vorschreiben zu können, der leitende Gedanke, dem er in dem akategorischen Imperativo, daß jeder nur nach dem Pflichtgesetz handeln dürfe, seinen Ausdruck gab. Und in diesem ahrung Hinausgehendes gefunden und zeigte nun, aß nur i wernünftige Glauber beruhe, wonach jene Welt der „Dinge an sich » dieienige der moralischen Wesen sei. So gründete er auf das sittliche Bewußtsein die Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichleit, und aus dem Gegensatze der menschlichen Natur, die teils sinnlich, teils moralisch vernünftig sei, entwickelte er seine Religionsphilosophie, welche den born Gehalt aus dem Dogmensystem der den Beg leligionen herauszuschälen suchte. Auf en Begri äußerlichen Menschenrechts stützte er dann seine Rechtsphil lief, die absolute Achtung der sittlichen Freiheit zur Grundlage des staatlichen und des gesellschaftlichen Lebens zu machen, und in der Realisierung dieses Freiheitsideals erblickte er das einstige Ziel aller menschlichen Geschichtsentwickelung. Die Verbindung zwischen der Welt der Erscheinungen und der Welt der der N Ideen endlich suchte K. i Gesichtspunkte der Zweckmäßigkeit. Als verfehlt galt ihm lichen Din gen, aus dankens zu erklären; aber als nicht minder verfehlt galt ihm der andere Versuch, diese causale Betrachtung der sehen. Die vollkommenste Versöhnung aber finden ihm diese ist alles zugleich causal und zweckmäßig bedingt, ist alles notwendig und alles frei, hier ist alles Natur und alles eines Geistes, der wie die Natur handelt, gipfelt und krönt sich das Gebäude der K.schen Philosophie, und dies war zung des philos, und des ästhetischen Lebens, welche die deutsche Geistesentwickelung um die Wende der beiden Jahrhunderte so üheraus fruchtbar gemacht hat. (S. Deutsche Philosophie.) Vgl. außer den größern Werken über Geschichte der Philosophie (s. d.) besonders: Kuno Fischer, „Immanuel K. Entwickelungsgeschichte und System der kritischen Philosophien (2 Bde., Mannh. 1860: 2. Aufl. 1869). Gegen das letztgenannte Werk schrieb Trendelenburg, (Kuno Fischer und sein K.o (Lpz. 1869), worauf Fischer durch seinen „Anti-Trendelenburg » (Jena 1870) antwortete. Die Litteratur über die Kantsche Philosophie ist so ausgebreitet, wie die philos. Litteratur des 19. Jahrh. Uberhaupt. Denn darin prägt sich die gewaltige Wirkung dieses einzigen Geistes am klarsten aus, daß jeder der folgenden Philosophen in irgend einer Weise zu den Gedanken des großen Königsbergers Stellung nehmen muß. Dabei zeigte sich in der positiven Entwickelung, welche zunächst in Deutschland Platz griff, die natürliche Erscheinung, daß jeder der darin thätigen Denker eins der in der Keschen Untersuchung auftretenden Prinzipien als Hauptrichtung aufnahm und mehr oder minder einseitig verfolgte. (Vgl. Rosenkranz, Geschichte der Kischen Philosophies, in Bd. 12 der von ihm besorgten Ausgabe.) Dabei hielt sich jeder, Fries, Fichte, Schelling, Schopenhauer, Herbart, für den wahren Nachfolger K.s, und sie standen doch alle zur K. schen Phi Gauss in dem Verhältnis, wie die drei Brüder in Lessings Nathano zu dem echten Ringe. (Vgl. Fischer, Die 24 K.schen Schulen zu Jenar, Stuttg. 1862, und O. Liebmann, «K. und die Epigonend, Stuttg. 1865.) Jedenfalls aber bildete die K.sche Philosophie den überreichen Gedankenstoff, in dessen Bearbeitung sich die ganze Folgezeit bewegte. Für das Ausland wurden die Lehren K.s erst allmählich zugänglich, dann aber auch um K wirksamer und tiefer Waulton für England sind eitsch, Whewell und Hamilton, für Frankreich Villers, V. Cousin, Tissot, für Italien besonders Galuppi zu nennen. Je einseitiger nun aber die Konsequenzen waren, welche bei der Fortentwickelung einzelner Richtungen der K.schen Gedanken zu Tage traten, und je mehr sich das Interesse des Publikums von diesen Konsequenzen abwandte, um so dringender wurde, zumal in Deutschland, das Bedürfnis, den ganzen und reinen Thatbestand von K.s Lehren wieder ans Licht zu ziehen. Nachdem einerseits bedeutende Naturforscher, vor allen Helmholtz, in ihren Forschungsresultaten sich zu fundamentalen Elementen der Kischen Lehre bekannt hatten, nachdem andererseits das histor. Werk von Kuno Fischer dem eben erregten Interesse auf das beste entgegengekommen war, wurde allmählich die Rückkehr zu K.o das allgemeine Feldgeschrei der sich neubildenden Philosophie. Es entstand auf der einen Seite eine völlige Kant-Philologies, welche den Thatbestand und den histor. Ursprung der Lehren K.s genau festzustellen sucht, andererseits aber eine positive Richtung, welche die K. schen Ideen mit den methodischen Arbeiten der Naturwissenschaft in innigen Zusammenhang zu bringen sucht. Unter den zahlreichen Forschern, welche in der einen oder der andern Richtung thätig sind, mögen hier Arnold, Bona Meyer Cohen, Göring, Laas, Lange, Liebmann, Paulsen, Riehl, Stadler, Thiele, Vaihinger, Windelband und Witte genannt werden. Wenn diese 4 Rückkehr zu K.s in der That die Aufgabe der Philosophie der Gegenwart ist, so ist dieses Bestreben vor allem dahin zu elung daß nur in einer gleichmäßigen Entwickelung aller in der K.schen hilosophie enthaltenen Keime das Ziel der fernern Philosophie bestehen kann. cmißt, sind unter C aufzusuchen. Vgl. Chalybäus, „Histor. Entwickelung der spepz. 1860); Harms, «Die ilosophie seit K.v

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 70Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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