FeedKarl I.
GeschichteBrockhaus 1882

Karl I., der Große, König der Franken seit 768, röm. Kaiser 800—814, geb. 2. April 742 oder 747, war der Sohn Pipins des Kleinen und Enkel Karl Martells. Schon 754 vom Papst Stephan II. mit seinem Bruder Karlmann (f. d.) zum künftigen König gesalbt, trat er mit diesem nach Pipins Tode 768 die Regierung an und unterdrückte 769 eine Empörung, die in Aquitanien der alte Herzog Hu⸗ „nold versuchte. Durch Karlmanns Tod und die Ausschließung der beiden Söhne desselben gewann er 771 die Alleinherrschaft des Fränkischen Reichs. Um dieses gegen gefährliche Grenznachbarn zu sichern, sowie zur Verbreitung des Christentums wurde 772 auf dem Tage zu Worms der Krieg gegen die Sachsen beschlossen. K. drang bis zur Weser vor. Da rief ihn Papst Hadrian I. gegen den Longobardenkönig Desiderius zu Hilfe. Diesem hatte K. 771 seine ihm vermählte Tochter wegen Unfrucht⸗ „barkeit zurückgeschickt und sich darauf mit Hildegard, aus vornehmem schwäb. Geschlecht, vermählt. Um rmißt, sind unter C aufzusuchen. Rache zu üben, verlangte Desiderius vom Papst, daß dieser die zu ihm geflohenen Söhne Karlmanns kröne, und verwüstete, als dies nicht geschah, das päpstl. Gebiet. Von Genf aus ging nun K. mit zwei Heeren über den Großen Bernhard und den Mont-Cenis 773 nach Italien, wo er den Winter über blieb. Mit Pavias Einnahme 774 war die Selbständigkeit des Longobardenreichs zerstört. Desiderius, gefangen, endete als Mönch zu Corbie. Die longobard. Herzöge huldigten K. als ihrem Könige, der jetzt dem Papst die Pipinsche Schenkung des Exarchats bestätigte. Indes waren die Sachsen wieder aufgestanden und in Hessen eingefallen, und K. kehrte zurück, schlug sie 775, mußte aber 776 wieder nach Italien, um die Empörung des longobard. Herzogs Rotgaut von Friaul zu unterdrücken. Nachdem dies geschehen und nach neuem Siege über die Sachsen erkannten 777 die meisten sächs. Edelinge K. als Oberherrn auf einer Versammlung zu Paderborn an. Dort erschienen auch arab. Fürsten aus Spanien, die K.s Beistand gegen Abd-ur-Rahmän, den ömajjadischen Kalifen von Cordova, erbaten. Sein erster Feldzug 778 war nicht eben glücklich und auf der Rückkehr fand der Held Roland (s. d.) im Passe Roncesvalles durch den überfall der Basken den Tod. Allmählich wurde jedoch das Küstenland bis Barcelona als Spanische Mark dem Frankenreiche einverleibt. Während K. in Spanien verweilte, war ein neuer Aufstand der Sachsen erfolgt, die bis an den Rhein, Köln gegenüber, gedrungen waren. An der Eder schlug sie K., der nun bis an die Elbe ihr Land durchzog und 779 und 780 darin verweilte. Als K. 781 nach Italien gegangen war, um seinen zweiten Sohn Pipin zum König von Italien, seinen dritten, den dreijährigen Ludwig, zum König von Aquitanien durch den Papst krönen zu lassen, erhoben sich die Sachsen von neuem, nachdem Wittekind (s. d.), der 777 nicht in Paderborn erschienen, sondern zum jütischen König Siegfried geflohen war, wieder zurückgekehrt war. Ein fränk. Heer, das gegen die Sorben zog, wurde 782 am Süntel, unweit der Weser, vertilgt, durch K. aber furchtbar gerächt, der, nach neuer Unterwerfung, bei Verden an der Aller 4500 Sachsen, die ihm als schuldig von ihren Landsleuten ausgeliefert waren, an Einem Tage hinrichten ließ. Darauf folgte 783 die erste allgemeine Empörung aller sächs. Stämme. Eine Schlacht bei Detmold blieb unentschieden. K. zog sich zurück, siegte aber in einer zweiten Schlacht an der Hase und weilte 784 und 785 unter den Sachsen, um sie zur Ruhe zu bringen. Ihre Führer Wittekind und Abbio stellten sich ihm nun, während er zu Attigny in der Champagne Hof hielt, ließen sich taufen und blieben treu. In derselben Zeit wurden auch die Friesen zwischen Ems und Weser unterworfen. Die Empörung des Herzogs Arigis von Benevent, eines Eidams des Desiderius, wurde 487 bald unterdrückt. Der Herzog Tassilo von Bayern, den seine Gattin Liutberga, eine Tochter des Desiderius, zu verräterischen Unternehmungen reizte, wegen deren er schon früher zu Worms hatte Geiseln stellen müssen, wurde 788 von den Fürsten auf dem Tage zu Ingelheim wegen mannigfacher Beschuldigung des Treubruchs zum Tode verurteilt, von K. aber begnadigt und als Mönch nach Lorsch geschickt, das Herzogtum Bayern aber aufgehoben. Der Hilfszug, den K. für die Obotriten in Mecklenburg 789 gegen die Wilzen in der Mark that, führte ihn über die Elbe. Gegen die Avaren, die schon Tassilo gerufen haben sollte, drang er 791 bis zur Raab; sein Sohn Pipin siegte weiter über sie, da K. selbst 794— 798 neue Aufstände sächs. Stämme beschäftigten. Er eroberte an der Theiß 796 ihres Oiliche N Lager und unermeßliche Beute; eine Ostliche Mark bis zur Raab sicherte das Reich gegen künftige Überfälle. on den wichtigsten Folgen war der ital. Zug, [den K. 800 unternahm, um den Papst Leo III. unter den rebellischen Römern, gegen die letzterer 799 in Paderborn bei K. Schutz gesucht hatte, wieder zu befestigen und die Empörer zu strafen. Als er am Weihnachtstage 800 am Altar der Peterskirche betete, setzte ihm unerwartet, wie es schien, der Ruumn die Krone auf und begrüßte ihn unter dem uruf des Volks als Carolus Augustus, Kaiser der Römer. Ohne daß seine Macht dadurch nach außen vergrößert wurde, gewann sie unendlich an Glanz und Ansehen durch die Bedeutung, welche die Erinnerung an das röm. Kaisertum in der Meinung der Völker hatte. Der abenteuerliche Plan, durch eine Verbindung mit Irene, der byzant. Kaiserin, das oström. mit dem neuerstandenen weström. Kaisertum zu vereinigen, zerschlug sich durch den Sturz Irenes. Ihr Nachfolger Nicephorus stand in Feindschaft mit K. bis 810; Michael I. weigerte ihm jedoch den Kaisertitel nicht. In Spanien wurde die seit 799 auch auf die Balearen ausgedehnte fränk. Macht durch die Eroberung von Barcelona (803) durch Ludwig von Aquitanien befestigt. Der Widerstand der Sachsen aber, der noch einmal bei den Stämmen an der untern Weser und jenseit der Elbe sich erhoben hatte, hörte, nachdem aus Nordalbingien 10000 Familien weggeführt und den Obotriten ihr Land gegeben worden, 803 auf, indem die sächs. Edelinge K. als Oberherrn anerkannten, das Christentum allgemein annahmen und dafür Gleichstellung des sächs. Volks mit dem fränkischen unter hiettenWistan des eigenen Rechts zugesichert erhielten. Bistümer wurden gegründet zu Minden, Osnabrück, Halberstadt, Verden, Bremen, Paderborn, Münster und Hildesheim, teils unter kölnischem, teils unter mainzischem Sprengel. Ein neuer Krieg entstand 809 im Norden des Reichs durch die Streitigkeiten des jütischen Königs Göttrik oder Gottfried mit den Obotriten, die als alte Verbündete von K. unterstützt wurden. Göttriks Nachfolger, Hemming, schloß 811 Frieden an der Eider, nördlich deren Göttrik das Danewerk (Dänenwall) zwischen Schlei und Trene gegen Sachsen hatte aufführen lassen. Durch seine Kriege, in denen K. sich als großer glücklicher Feldherr zeigte, hatte er die Ausdehnung des Fränkischen Reichs (s. d.) ungeheuer erweitert. Aber mit unermüdlicher, auch das Kleine berücksichtigender Thätigkeit sorgte er zugleich für die rechtliche Ordnung und für das Gedeihen äußerer Wohlfahrt wie geistiger Bildung in seinem Staate, dessen Kriegskraft er durch die Ordnung des Heerbanns festigte und dessen Grenzen er durch die kriegerisch eingerichteten Marken (s. d.) sicherte. Da die Macht der alten Stammesherzöge der Königsgewalt gefährlich schien, ließ er solche nicht wieder aufkommen: Tassilo war der letzte Stammesherzog gewesen. Den einzelnen Gauen standen Grafen (s. d.), unter ihnen Centgrafen, vor; die Aufsicht über die Grafen wurde durch besondere Beauftragte (AMissi, Sendboten) des Kaisers geführt. Letztere nißt, sind unter C aufzusuchen. Proon viermal jährlich Versammlungen in ihren rovinzen und berichteten an die zwei Reichstage, auf denen im Herbst die Vornehmsten und Räte des Königs, im Frühjahr aber alle zum Heere Aufgebotenen sich vereinigten, um auf seine Vorträge Beschlüsse zu fassen, die von ihm bestätigt als Gesetze (Kapitularien) galten. Für die Ubung der Rechtspflege waren als Stellvertreter des Königs seine Grafen und die Gerichte, in denen jetzt nicht mehr die Gemeinde, sondern nur Schöffen zum Ding zusammentraten, thätig. Dem Fehdewesen wurde mit Strenge gesteuert. Die Geistlichkeit hatte sich des Schutzes K.s zu erfreuen. Der Zehnte wurde trotz des Widerstandes, namentlich der Sachsen, gesetzlich; doch ließ K. seine Gewalt als Oberherr der Kirche, besonders auch gegen die Anmaßungen der Bischöfe, nicht aus den Händen. Handel und Gewerbe wurden von ihm begünstigt. Für die Landwirtschaft sorgte er durch gesetzliche Vorschriften und durch das Beispiel, das er auf den königl. Gütern gab. Sümpfe wurden ausgetrocknet, Wälder ausgerodet, Ortschaften und Klöster angelegt, auch prächtige Bauten, königl. Paläste, wie in seinen Lieblingssitzen Aachen und Ingelheim, und Kirchen ausgeführt. Das große Unternehmen 793, durch einen Kanal Rednitz und Altmühl und dadurch Rhein und Donau, Nordsee und Schwarzes Meer zu verbinden, mußte indes zuletzt aufgegeben werden. Obwohl K. nicht zu schreiben verstand, hatte er doch für alles Geistige Interesse. Er sprach Latein, verstand Griechisch, und machte den Versuch einer Grammatik der Muttersprache, deren Heldenlieder er sammeln ließ und in der er feste Monats⸗ und Windnamenbestimmte. Auch zog er gelehrte Männer an sich, wie Alcuinus und Paulus Diaconus, sich ihres Umgangs erfreuend und ihre Mitwirkung bei seinem Streben für Bildung der Geistlichkeit und der höhern Stände benutzend. Bei den Kathedralen und Klöstern mußten Schulen eingerichtet werden, und auch an seinem eigenen Hofe begründete er für seine Hofleute und deren Söhne eine Schule. K. war von starkem, hohem Körper. Er maß sieben seiner Fußlängen, war von stattlichem Ansehen, erst in den vier letzten Jahren seines Lebens von Krankheit angefochten, ein Freund des Jagens, Reitens und Badens, einfach in seiner Tracht und Lebensweise, nicht ohne stärkere Neigung zu den Frauen, mäßig in Speise und Trank, wohlthätig, ean Weisheit und Tugendo, wie sein Enkel, der Geschichtschreiber Nithard, sagt, «jedem Zeitgenossen überlegen, allen gleich liebenswürdig und schrecklich, allen gleich bewundernswürdigo. Sein Ruhm verbreitete sich weit über seine Lande, und fremde Gesandtschaften erschienen oft an seinem Hofe; wie denn namentlich Harun-al-Raschid von Bagdad ihn 798 durch Gesandte begrüßte und beschenkte. Von seinen drei Söhnen, denen er 806 ihre künftigen Reiche anwies, waren die begabtesten Pipin, 810, und Karl, der älteste, sein gewöhnlicher Begleiter, 811 gestorben. Den dritten, Ludwig von Aquitanien, nachher Ludwig (s. d.) der Fromme genannt, hieß er 813 auf dem Reichstage, den er zu Aachen hielt, sich selbst die Krone aufsetzen, nachdem er ihn vor dem Volke zur Erfüllung seiner Fürstenpflichten aufgefordert. Bald darauf erkrankte er an einem Fieber, dem er 28. Jan. 814 erlag. Beigesetzt wurde er zu Aachen in der von ihm erbauten Kirche; Friedrich I. erhob seine Gebeine und ließ ihn durch seinen Papst Paschalis III. heilig sprechen. * Litteratur. K.s Leben beschrieb zunächst sein Zeitgenosse Einhard (s. d.). Vgl. ferner: Dippoldt, „Leben Kaiser Kis des Großenv (Tüb. 1810); Gaillard, UIlistoire de Charlemagner (2. Aufl., 4 Bde., Par. 1819); Lorenz, K.s des Großen Privat⸗ und H. von Gagern,) K. der Großen (Darmst. 1845); Waitz, «Deutsche Verfassungsgeschichte » (2. Aufl., Bd. 3 u. 4, Kiel 1883 —84); Abel, Jahrbücher des Bal1888 Reichs unter K. dem Großeno (Bd. 1, erl. 1866; Bd. 2 von Bernh. Simson, Lpz. 1883).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 105Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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