Karthägo oder Carthago, so von den Römern, von den Griechen Karchsdon, von den Karthagern selbst Karthada (Karta hadascha), d. i. Neustadt, genannt, lag auf der Nordküste von Afrika in der Gegend des heutigen Tunis, auf einer Halbinsel, die sich in einen kleinen Busen des Mittelmeers erstreckt. Nach der freilich durchaus sagenhaften Tradition gründeten Phönizier aus Tyrus, geführt durch Dido (s. d.), die Stadt im 9. Jahrh. v. Chr.; der älteste Teil war Byrsa, die nachmalige Burg. Gegen die Landseite schützte sie eine dreifache, gegen die See hin, wo der innere Hafen, Kothon genannt, die Kriegsschiffe, der äußere die Kauffahrteischiffe aufnahm, eine einfache Mauer. Die Zahl der Bewohner war gegen Ende des karthag. Staats 700000. Das Landgebiet, welches K. in Libyen teils durch Unterwerfung libyscher Stämme, teils durch den Anschluß altphöniz. Kolonien, wie Utica, Hadrumetum, die beiden Leptis u. s. w., erworben hatte, und dessen Bewohner zusammen mit denen der von K. angelegten Städte die Gesamtheit der Libyphönizier bildete, erstreckte sich zur Zeit seiner größten Ausdehnung südlich bis zum Tritonsee, östlich gegen Cyrene bis zu den Altären der Philänen an der Großen Syrte und westlich wenigstens der Küste entlang bis an den Atlantischen Ocean. Das Streben nach Seeherrschaft und auswärtigen Besitzungen war durch den regen Handelsgeist, der die Karthager früh über die westl. Hälfte des Mittelmeers und an deren Küste führte, geboten. Im 6. Jahrh. schon waren sie Herren in Sardinien und begannen daselbst ebenso wie in Sicilien und Afrika Niederlassungen anzulegen. Jenseit der gaditanischen Meerenge gründete Hanno an Afrikas Westküste Kolonien, und Himilkon befuhr die Küsten Hispaniens und Galliens. Die Phokäer wurden, obwohl sie in einer Schlacht über die vereinte Flotte der Karthager und Etrusker 537 siegten, doch von ihnen genötigt, ihre Ansiedelung auf Corsica aufzugeben; mit Rom wurde um 509 der erste, nachher öfters erneuerte Handelsvertrag, den Polybius aufbewahrt hat, geschlossen, wenn derselbe nicht vielmehr dem J. 349 v. Chr. angehört. Eine zusammenhängendere Geschichte K.s beginnt erst mit dem 5. Jahrh. v. Chr., wo die Karthager oder Punier (Poeni nennen sie die Römer wegen ihrer Abstammung von den Phöniziern) mit den Griechen in Sicilien feindlich zusammenstießen. Dies geschah zuerst, als Terillos, der vertriebene Tyrann von Himera, im Verein mit seinem Schwiegersohne Anaxilas von Rhegium, der Zankle erobert und in Messana umgenannt hatte, sie zu Hilfe rief. Das dem Heer aber, das sie bendete unter Hamilkar, dem Sohne des Magon, sendeten, wurde 480 durch Gelon und Theron bei Himera vernichtet. Erst 409 begannen sie, durch die Egestäer gegen die Selinuntier angerufen, unter Führung des Hannibal, Hamilkars Enkel, den Krieg wieder und eroberten Selinus und Himera, sodann unter Himilkon Akragas (Agrigent) und Gela, schlossen aber, durch eine in ihrem Heere ausgebrochene Pest bedrängt, 404 mit Dionysios I., dem Tyrannen von Syrakus, einen Frieden, der ihren großen militärischen Erfolgen nur zum Teil entsprach. Nachdem Dionys 397 den Krieg erklärt und Motye erobert hatte, erschien Himilkon wieder an der Spitze einer gewaltigen Flotte und Landmacht und belagerte Syrakus selbst, bis er, durch eine verheerende Pest aufs äußerste geschwächt, von Dionys zum Abzuge genötigt wurde (395). In demselben Jahre empörten sich die unterworfenen Libyer gegen ihre Herren, zwangen diese durch einen Sieg, sich in die Mauern ihrer Stadt zurückzuziehen, liefen aber bald infolge von Uneinigkeit und Mangel in ihrem Lager auseinander. Zwei fernere Kriege zwischen K. und Syrakus wurden in den J. 383 und 368 mit wechselndem Erfolge geführt, bis der Tod des Dionys die Karthager von ihrem gefährlichsten Feinde befreite (367). Während der unsichern Herrschaft des jüngern Dionysius breiteten sie ihre Herrschaft aus; aber der Sieg Timoleons am Flusse Krimissos um 341 befreite die unterworfenen griech. Städte wieder und setzte den Fluß Halykos als Grenze. Agathokles, der 311 von Hamilkar beim Flusse Himera geschlagen worden war, brachte durch eine kühne Expedition nach Afrika selbst (310 307) K. in die äußerste Bedrängnis, aber sein Sohn Archagathos verlor die errungenen Vorteile wieder, und Agathokles mußte zuletzt mit einem Frieden sehr zufrieden sein, durch welchen der Besitzstand beider Teile vor dem Kriege hergestellt und eine bedeutende Kriegsentschädigung von K. bezahlt wurde. Nach den Tode des Agathokles (289), der in großen Rüstungen gegen die Karthager begriffen war, waren dieselben wieder mächtig in Sicilien, bis Pyrrhus, der König von Epirus, sie 277 auf Lilybäum beschränkte, jedoch ohne dauernden Erfolg, da er schon gegen Ende des J. 276 Sicilien wieder verließ. Die Unterwerfung des südl. Italien durch die Nömer brachte diese, die noch 27Neinen neuen Vertrag mit K. abgeschlossen hatten, in feindliche Berührung mit den Karthagern. Der Krieg, der erste der sog. Punischen Kriege (. d.), brach aus, als die ißt, sind unter C aufzusuchen. Römer den Mamertinern in Messana Hilfe gische die Karthager, deren Bundesgenosse der syrakusische König Hiero II. für kurze Zeit war, leisteten (264); er endete, nachdem Hanno bei den Agatischen Inseln von Lutatius Catulus 241 zur See geschlagen worden war, wodurch Hamilkar Barkas, der auf dem Eryr sich lange gehalten, genötigt wurde, Frieden zu schließen. Die Karthager mußten Sicilien aufgeben und 3200 Talente binnen 10 Jahren an Rom zahlen. Gleich darauf brachte eine Empörung der Mietstruppen, an welcher die Libyer teilnahmen, K. dem Untergange nahe; aber Hamilkar beendete den blutigen Krieg, nachdem er über drei Jahre gedauert hatte, durch fast gänzliche Vernichtung der Aufständischen und führte dann sein Heer nach Hispanien, um seinem Vaterlande, dem indes durch die Römer im Frieden auch Sardinien und Corsica entrissen worden waren, neue Quellen des Reichtums und der Macht zu eröffnen. Er und nach seinem Tode (229) sein Eidam Hasdrubal, der Neukarthago, das heutige Cartagena, gründete, unterwarfen einen großen Teil des Landes. Nach Hasdrubals Tode —— trat sein Schwager Hannibal an die Spitze des karthagischen Heers. Dieser, begierig seine Vaterstadt an Rom zu rächen, entzündete durch den Angriff auf das mit Rom verbündete Sagunt 219 den zweiten Punischen (oder Hannibalischen) Krieg, der nach 18jähriger Dauer mit dem Verluste Spaniens und mit einem Frieden endigte, der den Karthagern das afrik. Landgebiet ließ, aber sie zur Auslieferung ihrer Kriegsschiffe bis auf dh ihrer Kriegselefanten, zur Zahlung von jährlich 200 Talenten in den nächsten 50 Jahren kim ganzen also von gegen 50 Mill. Mark), sowie zur Entschädigung des numidischen Königs Massinissa nötigte und ihnen verbot, einen Krieg wider den Willen Roms zu führen. Massinissa wußte die innern Streitigkeiten, die in K. zwischen der aristokratischen und der Volkspartei geführt wurden, sowie das Mißtrauen, das Rom auch noch gegen seine gedemütigte Nebenbuhlerin empfand, in jeder Weise zu seinem Vorteil auszubeuten und sein Gebiet auf Kosten K.s zu vergrößern. Im röm. Senat schürte besonders der ältere Cato seit 157 den Haß gegen K., und Rom benutzte den Widerstand, welchen die Karthager 151 dem Massinissa entgegensetzten, als er seine aus der Stadt getriebenen Anhänger mit Gewalt zurückführen wollte, als einen willkommenen Anlaß zur Kriegserklärung. Der dritte Punische Krieg (149 — 146) endete nach dem hartnäckigsten Widerstande von seiten der zur Verzweiflung getriebenen Karthager mit der Croberung und gänzlichen Zerstörung der Stadt. Der kleine ihnen damals noch gebliebene Rest ihres Gebietes ward zur röm. Provinz Afrika gemacht. Der Platz der Stadt war von Scipio mir einem Fluche belegt worden. Der auf Antrag von Gajus Gracchus 122 v. Chr. gefaßte Beschluß, eine röm. Kolonie unter dem Namen Junonia daselbst anzulegen, ward das Jahr darauf wieder aufgehoben; aber Cäsar gründete im J. 44 eine Kolonie, welche Augustus im J. 29 v. Chr. vergrößerte, und bald erhob sich K. (abgesehen von Alexandria) aufs neue zur ersten Stadt Afrikas. Im J. 439 n. Chr. ward es vom Vandalenkönige Geiserich genommen, 533 von Belisar, der dem Vandalenreiche ein Ende machte. Endlich wurde dieses neue K. 697 durch die Araber zerstört. Beträchtliche Trümmer der röm. Stadt, sowie der Befestigungen des alten K. sind noch jetzt bei dem Dorfe Sidi-Bue]Said vorhanden. „sind nur ungenügende Nachrichten erhalten. Sicher ist, daß die Verfassung vorwiegend aristokratisch, fdie Herrschaft in den Händen einiger durch Reich⸗ „tum und Abkunft hafteihattee Familien war. Die Leitung der Geschäfte hatte der Rat der Alten. Dieser bestellte wenigstens ieder nct die Heerführer, während seine Mitglieder nebst den beiden an der Spitze der Exekutivgewalt stehenden Suffeten wohl jährlich vom Volke gewählt wurden. iAußerdem ward vielleicht um die Zeit der röm. Decemvirn das Richterkollegium der Hundertvier-⸗, kürzer Hundertmänner eingesetzt, durch welches die Verfassung immer mehr den abwen einer Oligarchie annahm. Die Einnahmen des Staats flossen aus den Tributen der unterworfenen Völker, aus den Zöllen und besonders in der spätern Zeit aus den span. Bergwerken. Die Hauptstärke K.s „lag in der Seemacht; die Landmacht bestand aus Mietstruppen, namentlich Spaniern und Galliern, sowie aus libyschen Unterthanen; karthagische Bürger bildeten nur eine kleine Schar. K. war der bedeutendste Handelsstaat des Altertums; alle seine Unternehmungen bezweckten wesentlich Ausbreitung und Förderung seines Handels. Aber im Unterschiede von der gewöhnlichen Weise der Phönizier gründete K. nicht bloß Eintent Handelsfaktoreien, sondern erbaute feste Städte und eroberte das anliegende Land, und indem es zugleich die ganze Macht der Phönizier im westl. Meere unter einer Leitung konzentrierte, trat es zur Behauptung seines Handelsgebietes im westl. Mittelmeere zuerst den Griechen und hernach den Römern als große Militärmacht entgegen. Außer dem großartigen Seehandel, der die Karthager auch über die Straße von Gibraltar hinaus an die afrik. und europ. Küsten des Atlantischen Oceans dhaud trieben sie auch durch Karawanen starken Landhandel. Die karthagische Religion scheint von der der Phönizier sich nicht wesentlich unterschieden zu haben. Litteratur. Falbe, «Recherches sur P'emplacement de Carthages (Par. 1835); Dureau de la Malle, Recherches sur la topographie de Carthagep (Par. 1835); Bötticher, Geschichte der